Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1896)
- Date
- 1896-06-19
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 ► Woischnik, Tichau und Tost zur Verhandlung kommen. Dr. Blumentbal frägt an, ob der Gemeindebund bereit sei, die Unkosten für einen Religionsunterricht an die im Kreise Ratibor auf dem Lande vereinzelt wohnenden israelitischen Kinder zu übernehmen. Der Vorsitzende sagte volle Unterstützung zu. Dr. Cohn bittet, bei der Regierung Schritte zu thun, daß die Rabbiner offizielle Befugniß erhalten, den Religionsunterricht in den näher abzugrenzenden Nachbarbezirken zu überwachen und zu inspiziren. Dem „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" tritt der Verband als Mitglied mit einem Jahresbeiträge von 50 Mark bei. Schließlich beräth die Versammlung die Frage der Anstellung von Seelsorgern in prästationsfähigen kleineren Gemeinden. Der Referent, Wiener-Kattowitz, wünscht die Zusammenlegung kleinerer Gemeinden, so von Rybnik und Sohrau u. s. w. zu je einem Rabbinatsbezirke. Schück-Ratibor empfiehlt den kleineren Gemeinden, einige Male im Jahre von dem Rabbiner der größeren Nachbargemeinde bei sich predigen, die Schulen inspiziren und Prüfungen vornehmen zu lassen. Als Delegirter für die demnächst stattfindende Jahresversammlung des deutsch-israelitischen Gemeindebundes geht Amtsgerichtsrath Lewy nach Berlin. Dr. Blumenthal ersucht den Delegirten, in Berlin dringende Schritte bei der Staatsregierung wegen Einführung des obligatorischen jüdischen Religionsunterrichts an den höheren Lehranstalten unter Wahrung der Gewissensfreiheit des Einzelnen zu befürworten. Der gegenwärtige Kultusminister stehe seines Wissens der Frage sympathisch gegenüber. Amtsgerichtsrath Lewy sprach dem verdienstvollen Vorsitzenden den herzlichen Dank der Versammlung aus. Als Vorort für die nächstjährige Versammlung wurde Ratibor in Aussicht genommen. An die Berathung schloß sich ein gemeinschaftliches Mittagsmahl. K. Hannover, im Juni. Die Klagen der hiesigen israelitischen Gemeindebeamten gegen die Behörden wegen zu hoher Heranziehung zu den städtischen persönlichen Abgaben enden jetzt regelmäßig mit Abweisung derselben, so in letzter Zeit wieder die des Sekretärs der hiesigen Synagogengemeinde. In der Urtheilsbegründung wurde ausgeführt, daß zufolge einer königlichen Verordnung vom Jahre 1867 die königlichen und städtischen Beamten der neuen Provinzen denen der altpreußischen Provinzen gleichzustellen sind; in letzteren sind aber nach dem geltenden Landrecht die Beamten der Synagogengemeinden nicht von der Zahlung der Hälfte der Abgaben befreit. — Der sechszehnte Jahresbericht des Vereins zur Unterstützung der Schüler der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer zu Hannover bringt die erfreuliche Mittheilung, daß die Einweihung des neuen Internats- Gebäudes bereits am 20. Oktober 1895 stattgefunden hat, und daß der Bau, dessen Kosten 56 275 Mark betrugen, sich in der ganzen Anlage und inneren Einrichtung als durchaus zweckmäßig erweist. Es ist damit ein Werk vollendet, welches seit Jahren das unablässig angestrebte Ziel des Vorstandes gewesen ist. Bis Ostern 1895 wurden im Internate 32, von da bis 1. Oktober 1895 33 Zöglinge verpflegt, für deren Unterhaltung von den Schülern und aus Stipendien 7618,50 Mark gezahlt wurden, während die Ausgaben für die Beköstigung und Verpflegung der Schüler und Bestreitung der anderen nothwendigen Ausgaben, wie Heizung, Miethe und Unterstützung, 14 055,66 Mark verausgabt worden sind. Die Einnahmen aus regelmäßigen Jahresbeiträgen und außergewöhnlichen Gaben, die vorwiegend aus den Gemeinden der Provinz Hannover eingehen, beliefen sich auf 7054 Mark und 2400 Mark für Kaddischsagen. Die nach bestandener Lehrerprüfung aus dem Internate geschiedenen 5 Zöglinge fanden in außerhannöverschen Gemeinden Stellung. Die Jahrzeitstage, welche der Verein auf Grund übernommener Verpflichtung des Kaddischsagens, Lichtanzündens bezw. Schiurlernens zu beobachten hat, beziffern sich bereits auf 88. Den Wünschen der Stifter gemäß werden mit strengster Gewissenhaftigkeit die Bedingungen erfüllt, und die Zahl erbringt den besten Beweis, welches Vertrauens sich der Verein betreffs dieses frommen Gebrauches zu erfreuen hat. — Der Vorstand der israelitischen Erziehungs-Anstalt zu Ahlem hat den Beschluß gefaßt, ein neues Jnstitutsgebäude zu dem vorhandenen aufführen zu lassen, da die jetzigen Räume sich nicht mehr als ausreichend erweisen; eine Mirtheilung, die von den zahlreichen Freunden dieser jungen, aufblühenden Anstalt mit Freuden wird ausgenommen werden. £ Karlsruhe, 15. Juni. Der achte Jahres-Bericht des Landesvereins zur Erziehung israelitischer Waisen im Großherzogthum Baden ist eben ausgegeben worden. Von den 82 Waisen, die sich am Anfänge des Jahres 1895 in dessen Fürsorge befanden, sind im Laufe desselben 11 entlassen worden. Zwei werden weiterhin von ihren Verwandten versorgt. Bon den übrigen erlernt einer die Zahntechnik, zwei die Kaufmannschaft, drei werden Näherinnen. Bon den bis jetzt in einem Handwerk untergebrachten Waisenknaben mußte einer wegen Untauglichkeit entlassen werden und trat als Arbeiter in eine Cigarrenfabrik ein, ein anderer konnte den von ihm ergriffenen Beruf eines Lithographen wegen Zitterns der Hände nicht weiterbetreiben und trat zum Kaufmannsstande über. Nach ihrer Entlassung aus der Schule erhielten vom Verein weitere Unterstützung zwei Mädchen zur Ausbildung in weiblichen Handarbeiten, zwei Knaben bei Erlernung des Metzgerbezw. Schneidergewerbes. Ferner leistete derselbe Zuschüsse für einen Knaben, der unter der gütigen Fürsorge des Vereins zur Beförderung des Handwerks und der technischen Berufsarten in Karlsruhe die Photographie, und einen, der unter derjenigen des gleichen Zwecken dienenden Vereins in Freiburg das Sattlerhandwerk erlernt. — Neu ausgenommen wurden 20 Kinder. Von den insgesammt 91 jetzt in der Fürsorge des Vereins befindlichen (40 Knaben, 51 Mädchen) sind 26 in Pflege bei dafür geeigneten Familien untergebracht, 65 befinden sich gegen Zahlung von Erziehungsbeiträgen bezw. Zuschüssen bei Verwandten oder ihren Lehrherren. Die segensreiche Wirksamkeit des Vereins fand auch in diesem Jahre freundliche Anerkennung durch die Zuwendung von Stiftungen und Vermächtnissen. Der Kassenvorrath betrug am 1. Januar 1895 10 202,35 Mark, die Einnahmen aus Mitglieder - Beiträgen aus den Rabbinatsbezirken 17 748,05 Mark; die Gesummt - Einnahmen 73 507,68 Mark. Die laufenden Ausgaben betrugen 16 880,71 Mark; das Gesammtvermögen beziffert sich auf 114133,87 Mark. Gießen, 15. Juni. Das folgende Ministerialreskript, durch das Herr Landrabbiner Dr. Levi nach langjähriger, verdienstvoller Thätigkeit in den Ruhestand tritt, dürfte für Ihre Leser von Interesse sein. Daß derselbe erst nach 67 Dienstjahren in Pension tritt, darf schon als eine Seltenheit gelten; daß es aber in so ehrenvoller Weise geschehen ist, gereicht uns Allen doppelt zur Freude. Das Reskript lautet: „Im Namen Sr. König!. Hoheit des Großherzogs von Hessen und bei Rhein rc. Nachdem der Provinzialrabbiner Dr. B e n e d i c t in Gießen Levi mit Wirkung vom Tage des Dienstantrittes seines Dienstnachfolgers unter Verleihung des aus der Landjudenschaftskasse zu entnehmenden vollen Betrages seines festen Gehaltes und unter Anerkennung seiner langjährigen, sehr ersprießlichen Dienste in den Ruhestand versetzt worden ist, so ist sich hiernach gebührend zu achten, und wird hierüber gegenwärtiges Dekret ausgesertigt. Darmstadt, den 9. Juni 1896. Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz." Finger. Möge es Herrn Dr. Levi noch lange beschieden sein, seine wohlverdiente Muße in ungetrübter Kraft zu genießen! Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 15. Juni. Die Hetze gegen Ungarn hat die Regierung veranlaßt, etwas energischer einzugreifen und hat dazu geführt, daß eine Antisemitenversammlung wegen einer Rede des Reichsrathsabgeordneten und Vizebürgermeisters der Stadt Wien Dr. Lueger aufgelöst wurde. — Wie aus Prag gemeldet wird, hat Dr. Hans Kudlich an den deutschen Turnverein in Postelberg als Beitrag zum Bau der Turnhalle zehn Mark gesendet mit einem Begleitschreiben, worin folgende bezeichnende Stelle: „Ich kann selbst nicht mehr thun, bin alt, praktizire nicht mehr, habe acht Kinder und wurde aus Oesterreich von allen Seiten in Anspruch genommen. Ich setze voraus, daß Ihr Turnverein kein antisemitischer Verein ist. Für Antisemiten habe ich keinen Kreuzer übrig. Sollte also Hhr Verein z. B. keine Juden aufnehmen, dann bitte, senden Sie gefälligst diese zehn Mark an Weitloff für den Schulverein. Und so schließe ich mit den besten Wünschen für die Postelberger Deutschen und mit dem neuesten Schlachtruf des wunderbaren österreichischen Deutschthums: ,Mit Gott für Kaiser und Papst, für Lueger und Liechtenstein." — Die Geistlichkeit der Gemeinde Papa in Ungarn hat jüngst an Lueger eine Begrüßungsadresse gerichtet. Abt Neger richtete nun an alle Geistlichen ein Rundschreiben, in dem er sie auffordert, jene Adresse als nichtig zu erklären. — Der 21jährige Drechslerlehrling Hannuska, der während eines Jugend-Gottesdienstes Steine in den Fünfhauser Tempel schleuderte, wurde zu sechs Monaten schweren Kerkers verurtheilt. &