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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-06-19 · Heft 25 (19.6.1896) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 25 (19.6.1896)
Date
1896-06-19
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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— Hier ist vor einigen Tagen der Rittmeister Moritz Schatz gestorben. Der Verblichene mar im Jahre 1889 auf dem Schlachtfelde zum Offizier , ernannt worden und hatte seither alle Feldzüge mitgemacht. — Der Kaiser hat dem Dr. Heinrich Husserl in Jägerndorf den Titel und Charakter eines Oberbezirks-Arztes verliehen. Der Ministerpräsident,^ hat den Bezirksarzt erster Klasse Dr. Salomon Spitzer zum Landes- ' Sanitätsinspektor für Mähren ernannt; ferner wurden zu Oberbezirksärzten befördert die Doktoren: Abraham Fuchs in Jungbunzlau, Dr. Nathan Wolfenstein in Znaim, Dr. Maximilian Rosner in - Kolomea u. v. A. — Der Finanzminister hat den Rechnungsrath Ignaz Lasus zum Bergrathe des Hauptmünzamtes ernannt. Rußland. ~ Z. Warschau, 11. Juni. Tiefe Trauer ist in unsere Gemeinde eingezogen. Herr Dr. med. Ludwig Nathansohn, einer der Edelsten? und Besten nnserer Gemeinde, ist am 6. d. M. nach kurzem Krankenlager , plötzlich verschieden. — Die Nachricht von dem Ableben dieses Mannes verbreitete sich mit Blitzesschnelle in allen Stadtbezirken und erfüllte, deren Bewohner mit aufrichtiger Trauer. Alle hier erscheinenden Tageszeitungen widmeten seinem Andenken ehrende Nachrufe. Der „Kurier' Warschawski" schrieb: „Der polnischen Nation ist durch den Tod dieses^ Mannes ein treuer Sohn entrissen worden." Die „Gazeta Polski" unbv die Zeitung „Slowa" zollten seiner Wirksamkeit als Arzt und Mensch ungetheilte Anerkennung und schilderten mit warmen Worten seine opferfreudige Thätigkeit für das Gemeinwohl auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Die hebräische Tageszeitung „Hazefirah", die in einem Extrablatt die mannigfache Wirksamkeit des Verblichenen als Jude und Staatsbürger würdigte, beklagt in dem Verstorbenen den Vorsteher unserer Gemeinde, der fast 25 Jahre an der Spitze der grüßtest jüdischen Gemeinde der Welt gestanden und während dieser Zeitz auf allen Gebieten der Verwaltung Erfolge errungen hat, die seinem Namen die größte Ehre machen." — Unsere Gemeinde rüstete sich, im nächsten Monat das 25 jährige Jubiläum Dr. Nathansohns als Gemeindevorsteher feierlich zu begehen; alle Vorbereitungen waren bereitst getroffen und eine größere Summe für eine Nathansohn-Stiftung auf gebracht, und nun ist die Freude in Trauer verwandelt: am 8. d. M. übergaben wir die irdische Hülle des Verblichenen der kalten Gruft und sehen uns nunmehr bekümmert nach einem würdigen Ersatz um. Die überaus starke Betheiligung an dem Leichenbegängniß seitens der Warschauer Bevölkerung — an ca. 100 000 Menschen erwiesen dem Todten die letzte Ehre — die zahlreichen Kranzspenden, die von Nah und Fern, von Juden und Christen, von Privaten, Gemeinden uH Vereinen eingelaufen waren, bekunden am besten, welcher Verehrung D^. Nathansohn sich zu erfreuen hatte. Auf dem Friedhof hielt unser Prediger, Dr. Zilkow, eine ergreifende Trauerrede, und kein Auge bliw thränenleer, als er auf das selbstlose Wirken Nathansohns hinwies, der um die Gemeinde wie ein Vater um seine Kinder besorgt war. Ergreifende Ansprachen des Dr. Baronowski im Namen der Warschauer Aerzte und des Rechtsanwalts Kirschroth im Namen unserer Gemeinde bildeten den Schluß der Trauerfeier für den Mann, dessen Andenken fortleben wird in unserer Gemeinde. Non Nah und Fern. -ä ----- Ein Verband der deutschsvzialen Reformpartei für die Provinz Brandenburg einschließlich Berlins wurde am 7. d. Mts. Zn einer von ca. 60 Delegirten besuchten Versammlung begründet und Abgeordneter Professor Förster zu dessen Vorsitzenden gewählt. Als Kuriosum sei erwähnt, daß Schweinhagen oder Schwennhagen, wie-zer sich nennt, an den Verhandlungen theilnehmen wollte, aber an die Luft gesetzt wurde. — Die Synagogengemeinde in Ratibor hat Herrn Moritz Schidorowski zum ersten Kantor gewählt. — Vor Kurzem verweilte der Erzbischof von Posen, Dr. v. Sta blewski, drei Lagern Schrimm. Auf eine Ansprache, welche Rabbiner Dr. Bamberger M denselben richtete, betonte der Erzbischof in seiner Erwiederung, daß hie Erhaltung des religiösen Friedens in seinen Augen ein wichtiges Moment setz und schloß mit den Worten: „Möge der Herr unsere gemeinslüiie Wirksamkeit segnen!".— Bei dem Gauturnfeste des MindenMäveißs? - bergischen Verbandes in Gütersloh errang Herr Jaeobi aus Herford beim Einzel-Wettturnen den ersten Preis. Außerdem erhielt die Musterriege, die er als Vorturner leitete, den zweiten Preis. — Am 27. v. Mts. wurde Herr Distrikts-Rabinner Nathan Bamberger in Würzburg zur Audienz bei dem Prinzen Leopold befohlen, welcher sich sehr eingehend über die Verhältnisse des Rabbinats mit dem Rabbiner unterhielt. — In den Landtag von Schwarzburg-Sondershausen ist am 4. Juni ein Antisemit gewählt worden. — Ein Antrag des Schulausschusses zu Meerane, der den dortigen jüdischen Familien ein Klassenzimmer der Bürgerschule für den israelitischen Religionsunterricht überlassen wissen wollte, ist vom Rath zu Meerane mit der Begründung abgelehnt worden, daß es dem Charakter der konfessionellen christlichen Schule widerspreche, einen nichtchristlichen Religionsunterricht in dem Schulgebäude abhalten zu lassen. — Die Statthalterei hat die Bildung des Gemeindebundes der israelitischen Kultusgemeinden Böhmens genehmigt. Auch für Einzelpersonen ist der Beitritt als außerordentliche Mitglieder (mit einem Jahresbeiträge von mindestens 5 fl.), als Spender (mit beliebigen Beträgen) oder als immerwährende Mitglieder (durch einmalige Einzahlung von 260 fl.) zulässig. — Bei dem internationalen Wettschwimmen hat ein Wiener Eugen Wolf vom Ersten Wiener Amateurschwimmklub den Preis für die Meisterschaft Budapests in glänzender Weise gewonnen. — Nach den Ergebnissen der letzten Volkszählung ist in Bosnien-Herzegowina unter 1 568 092 Seelen die Anzahl der Juden seit 1879 von 3426 auf 8213 gewachsen. — Herr I. H. Zupnik, der Herausgeber der „Drohobyezer Zeitung" in Drohobycz (Galizien), beabsichtigt eine hebräische Monatsschrift „Zion" - für die Wissenschaft und Litteratur des Judenthums herauszugeben. — Unter den in Abessinien gefangenen italienischen Offizieren befindet sich der Kapitän H. Segrä aus Vercelli. Seine Familie hat sich nun an den dortigen Erzbischof Fassori mit der Bitte gewandt, durch Vermittelung der Missionäre die Freilassung Segre's zu erwirken, und der Kirchenfürst hat in einem sehr liebenswürdigen Schreiben seine nachdrückliche Verwendung in dieser Angelegenheit zugesagt. — In Paris findet jetzt eine Hetze gegen die ausländischen Aerzte statt. Zur Praxis soll künftig nur die Ablegung einer Staatsprüfung berechtigen und zu dieser soll grundsätzlich Niemand zugelassen, der nicht geborener oder naturalisirter Franzose und alle seine medizinischen Studien und Prüfungen in Frankreich vollendet und bestanden hat. Die Regierung ist geneigt, diese Forderung zu erfüllen. Es wird von keiner Seite ausgesprochen, aber die Aufsässigkeit gegen die fremden Aerzte hat eine ihrer Wurzeln im Antisemitismus. Hier studiren 255 Russen und 188 Rumänen. Reichlich drei Viertel von diesen sind Juden, denen in ihrem Geburtslande der Besuch der Hochschulen nicht gestattet wird. Diese haben allerdings nicht die Absicht, nach Beendigung ihrer Studien Frankreich zu verlassen, und gerade sie will man sich vom Halse schaffen. — Wegen Erreichung der Altersgrenze ist der Generalinspektor der Küstenvertheidigung, Divisionsgeneral Hinstin, in die Reserve getreten. Nach dem Abgang der Generäle See, Levy und Lambert war Hinstin einer der letzten jüdischen Generale des französischen Heeres. — Madame Fürdado-Heine hat in Paris ein Kinder-Asyl mit einem Kapital von 1500 000 Fres. errichtet. — Am 4. d. ist in Nizza der Hauptmann der Artillerie, Charles Bloch, Mitglied der Verwaltung der dortigen Gemeinde, gestorben. — Bon der jüdischen Bevölkerung Petersburgs wird dem russischen Kaiserpaare bei seiner Rückkehr nach Petersburg ein Kunstwerk überreicht werden, welches von dem bekannten russischen Bildhauer M. Antokolski hergestellt worden ist. Das Werk stellt einen Engel dar, der vom Himmel auf die Erde herabsteigt, in den Händen die Kaiserkrone, um sie auf das Haupt des Gesalbten zu legen. Die Gruppe ist aus reinem Silber hergesiellt und wiegt gegen 4 Pud (1 Pud gleich 16,38 Kilogramm). Die Figur des Engels steht auf einem Postamente, welches mit einem werthvollen, rothen Stoff bedeckt ist; die Höhe der Figur beträgt die halbe Menschengröße, bei einer Breite von 3/4 Arschin (1 A. gleich 0,71 Meter). Das Postament mit der allegorischen Gruppe kann mit Hilfe eines Mechanismus in eine rotirende Bewegung versetzt werden. Das ganze Werk kostet mehr als 22 000 Rubel, von welchen der Bildhauer 10 000 Rubel erhält. — Fräulein Alice Anne Mendenhall hat die Professur süvHebräisch am Earlham Kollege in Indiana erhalten. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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