Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1896)
- Date
- 1896-06-19
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228174--52896-3258544- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
60. Jahrgang. Nr. 25. 'Qtt OtX* «erlin. 19. Mm 1896. Weikage zur „Attgerneinen Zeitung öes IuöenLHurns". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. 6. Berlin, 15. Juni. Auch in der gestrigen Sitzung der Repräsentantenversammlung grollte noch das Ungewitter vom vorigen Sonntag nach. Die Stimmung war eine schwüle, und man mußte jeden Augenblick eine neue Gewitterentladung befürchten. An Zündstoff fehlte es auch nicht; so ist es denn ein glücklicher Zufall gewesen, daß sich das Gewitter dennoch langsam verzogen hat. Die Versammlung war übrigens diesmal gut besucht. Nach Eröffnung der Sitzung brachte der Vorsitzende, Herr Landsberger, zuerst ein an den Vorsitzenden des Vorstandes gerichtetes Schreiben zur Verlesung, in welchem Herr Professor Lev in auf Grund des § 53 des Gemeindestatuts, der für Kultusänderungen die Zustimmung einer Zweidrittelmajorität fordert, Protest erhebt gegen die Ausführung des Beschlusses der vorigen Sitzung hinsichtlich des Jugendgottesdienstes an den hohen Feiertagen, da dieser Beschluß nicht auf geschästsordnungsmäßigem Wege zu Stande gekommen sei. Die hieran sich schließende Besprechung ergab jedoch sogleich, daß diese Meinung auf einem starken Jrrthum beruht. Die Sitzung begann also mit einem Rückzug! Sodann wurde mitgetheilt, daß Herr Moritz Manheimer dem Hospital die Summe von 6000 Mark überwiesen hat zur Begründung einer David und Erna Pakscher-Stiftung. Die Versammlung erklärte sich mit der Annahme dieser Schenkung einverstanden. In das Kuratorium des Hospitals wurden seitens der Versammlung gewählt die Herren: Louis Aron, Moritz Heilmann, Albert Heimann und Rudolf Mosse als Vertreter der Gemeinde, Moritz Manheimer und Louis Sachs als Vertreter der Repräsentanten. Eine Petition der Gemeinde Charlottenburg um Uebernahme ihrer Synagoge auf den Etat der Hauptgemeinde wurde einer gemischten Deputation überwiesen, in welche von der Versammlung delegirt wurden die Herren: Stadrath Dr. Weigert, I. Oppenheim, Leonhard Sachs, I. Fränkel, Justizrath Tiktin und Geheimrath Mareuse. Ferner erklärte sich die Versammlung einverstanden mit der Verlängerung des Kontrakts mit dem Unternehmer für das Leichenfuhrwesen auf weitere drei Jahre. Bei diesem Punkte wandte sich Herr Stadtrath Weigert in sehr scharfer Weise gegen die Form der Leichenwagen und gegen die Decken derselben. Herr Direktor Hermann replizirte in nicht weniger scharfer Weise. Die Frage wird die Versammlung jedenfalls noch beschäftigen. Hierauf machte Herr Justizrath Mayer sehr interessante Mittheilungen über das Testament des Baron Hirsch. In den nächsten Tagen findet in Paris eine Sitzung des Komitees für Argentinien statt, zu der von Seite des Vorstandes Herr Dr. E. Lachmann deputirt wurde und in der eine endgiltige Konstituirung des Komitees auf veränderter Grundlage erfolgen soll. Ueber die in dieser Beziehung gemachten testamentarischen Bestimmungen ist dem Vorstand offiziell noch nichts mitgetheilt worden. Nachdem noch für die Anlage einer Veranda am Hospital 7000 Mark bewilligt wurden, kam die Angelegenheit wieder aufs Tapet, die in der letzten Sitzung solchen Sturm erregt hatte. Herr Geheimrath Kirflein berichtete nämlich, daß der Jugendgottesdienst an den hohen Feiertagen in diesem Jahre leider noch nicht in vollem Umfange eingerichtet werden könne, sondern beschränkt bleiben müsse auf den Nachmittagsgottesdienst an den beiden Neujahrstagen in den Gemeindesynagogen. Er schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß diese zeitgemäße Entwickelung unserer altehrwürdigen synagogalen Einrichtungen vorbildlich sein möge für viele Gemeinden. Herr Professor Levin protestirte natürlich sofort gegen diese letztere Bemerkung; er ist gegen jede „zeitgemäße Entwickelung". Herr Sanitätsrath Dr. Blumenthal beantragte eine Redaktionskommission, um „etwaige Geschmacklosigkeiten" aus der Agende zu entfernen. An diesen Antrag knüpfte sich nun eine längere und ziemlich erregte Debatte, in welcher Herr Justizrath Meyer Namens des Vorstandes betonte, daß die Annahme eines derartigen Antrages nur zur Verschleppung der ganzen Angelegenheit führen würde. Dagegen verwahrten sich die Herren von der Rechten. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem Antragsteller und Herrn Direktor Hermann, der sehr richtig bemerkte, daß man doch erst wieder eine neue Redaktionskommission würde einsetzen müssen für die Entfernung der „etwaigen Geschmacklosigkeiten", die diese Kommission hineinbringen könnte. Für die Mitglieder des Centralvereins war es jedenfalls ein erbauliches Schauspiel, ihre Kandidaten gegen einander aufmarschiren zu sehen. Die Herren Dr. Kirstein, Jastrowitz und Leichtentritt traten rnit derselben Entschiedenheit für, wie die Herren Professor Baginsky, Blumenthal und Levin gegen die Agende auf. Der Erstere las ein Predigtlied vor, das aus dem Hamburger Gebetbuch in die Agende ausgenommen und das, aus dem Zusammenhänge genommen, allerdings einen Heiterkeitserfolg hatte. Schließlich wurde aber doch der Antrag Blumenthal abgelehnt und die Vorschläge der Kommission angenommen. Es wird also ein Jugendgottesdienst schon in diesem Jahre stattfinden, obwohl sich ein Theil der sogenannten konservativen Partei alle Mühe gegeben hat, denselben zu Hintertreiben! Hierauf wurden verschiedene Subventionen für Religions- und Synagogenvereine bewilligt und 500 Mark für den Religionsverein Ad aß Jeschur un, 1000 Mark für den Synagogenverein Moabit, 1200 Mark für den Religionsverein der Oranienburger Vorstadt, 3500 Mark für den Religionsverein Westen. An diese letztere Bewilligung knüpfte sich wiederum eine längere Debatte, in welcher Herr Justizrath Meyer in sehr scharfer und durchaus zutreffender Weise die Entstehung solcher kleinen Gemeinden und Religionsvereine schilderte und die allzu große Sorglosigkeit geißelte, mit der die Kontrakte abgeschlossen, Rabbiner und Kantoren engagirt und Bauten aufgeführt würden, während dann zur Bezahlung der Schulden die Gemeindeverwaltung aufgerufen werde. Die Herren Leonhard Sachs, Dr. Jastrowitz und Julius Jacoby traten aber für die Bewilligung dieser Position in sehr warmen Worten ein und fanden auch die Zustimmung der Majorität. Die Versammlung beschloß sodann einstimmig, daß der Betrag von 390 Mark gesparten Geldes, welche ein verstorbener Zögling des Lehrlingsheims in Pankow hinterlassen hat, der Mutter desselben ausgezahlt werden solle. Ein Antrag des Professor Levin, den Vorstand zu ersuchen, in Zukunft Vorlagen nebst Akten jedem Mitglied in einem angemessenen Zeitraum vor der Berathung zuzustellen, wurde der Kommission für die Revision der Geschäftsordnung überwiesen. Verschiedene andere Punkte wurden der vorgerückten Zeit wegen von der Tagesordnung abgesetzt und die öffentliche Sitzung, friedlicher als sie begonnen, gegen zwei Uhr geschlossen. — Aus der letzten geheimen Sitzung haben wir noch als bemerkenswerth nachzutragen, daß für die Westsynagoge in der Lützowstraße, entsprechend einer Vorlage des Gemeindevorstandes und der Baukommission, die Summe von 500 000 Mark und für das Vorderhaus 100 000 Mark bewilligt wurden. Die Synagoge selbst dürfte schon in 1% Jahren fertig sein und der Benutzung übergeben werden. L2 Berlin, 14. Juni. Die Tages-Ordnung des Siebenten Gemeindetages, der hier in Cassels Hotel, Burgstraße 16, am 217 Juni, Vormittags 10V2 Uhr stattfinden wird, ist die folgende: 1. Eröffnung der Versammlung. 2. Konstituirung des Gemeindetages durch Wahl der Vorsitzenden und des Büreaus. 3. Berichterstattung dys Ausschusses über die Angelegenheiten des Bundes, insbesondere über die Kassenverwaltung. 4. Bericht der bisherigen Kassenrevisoren und Decharge. 5. Wahl dreier Kassenrevisoren für die Zeit bis zum nächsten Gemeindetage. 6. Antrag des Ausschusses betreffend Bildung von Provinzialbezw. Bezirksverbänden. 7. Antrag des Ausschusses betreffend den Religionsunterricht, hauptsächlich in Preußen. 8. Antrag des Ausschusses auf Abänderung .des § 12 der Statuten (Beschlußfähigkeit des Ausschusses). 9. Antrag des Herrn Dr. Rosenberg