Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1896)
- Date
- 1896-06-19
- Page
- Seite 300 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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dessen Worte in wunderbaren Verschlingungen den Namen des Unnennbaren enthielten. Hierauf pochte er .mit dreimal drei Hammerschlagen an das Pförtlein. — Wer bist Du? ließ sich eine Stimme von innen vernehmen. Jehuda antwortete : Ich bin Jehuda, Sohn Naphthali's, des> Sohnes Benjamin, aus dem Stamme der Leviten, aus welchem auch . Moses, der Lehrer, stammt und David, der König und Sänger! — Wenn Du aus dem Stamme der Leviten bist und Mosis Lehre bekennst, was nennst Du ihn dann schlechweg Moses, den Lehrer, und nicht Moses, unfern Lehrer, wie es geschrieben ist und wie jeder andere Bekenner in Israel thut? fragte die Stimme. — Weil nichts, was lebte, unübertrefflich ist, antwortete Jehuda, und weil zwischen den Zeilen geheimer Bücher verheißen ist, daß einst ein Mann kommen wird, der auch Moses übertrifft! — So zweifest Du an der Göttlichkeit Mosis? fragte die Stimme weiter. — Nicht an der Göttlichkeit seiner Worte zweifle ich, erwiederte Jehuda; doch daran, daß er uns das Wesen Gottes vollständig enthüllt. Darlun will ich Gott selber schau'n und bin an diese Pforte gekommen und fordre Einlaß! — Wende Dich an die Schriften der Weisen, die sein Wort erläutert, sprach die Stimme. Suche die Spuren, auf denen sie gegangen, und Du wirst dasselbe Ziel erreichen, das sie erreicht! — Ich Hab' es gethan, eh' Du es mir riethest! erwiederte Jehuda. Ungenügend sind Mosis Worte, und Verwirrung itnb Finsterniß hat alles Forschen über sie gebracht. Darum will ich nicht weiter schreiten in dieser Finsterniß und bin zurückgekehrt zu Moses selbst und will fortfahren, wo er aufgehört. Was er verschwiegen, das will ich kundgeben, und darum will ich Gott schauen von Angesicht; nich^ aber wie ihn Moses sah im Hauche des Ostwinds! Und darum poche ich an diese Pforte des Lebens und fordere, daß sie sich aufthue! * Hiermit pochte er abermals mit dreimal drei Hammerschlägen an das Pförtlein. Dieses that sich auf und schloß sich hinter Jehuda, nachdem er eingetreten war, mit ungeheurem Getöse wieder zu. Jehuda sah sich nach dem Pförtner um, der mit ihm gesprochen. Der aber war nirgend zu schauen. Soweit sein Auge reichte, sah er nur Leichensteine und grüne Hügel. Der Ort, an welchem er sich befand, war der alte Friedhof, und die Ruhe des Todes lagerte rings auf Gräbern und Büschen. (Schluß folgt.) Sprechsaal. dem armen Demosthenes zu Muthe war, wenn Phocion nach ihm auftrat, den er die Axt seiner Reden zu nennen pflegte, ein ähnliches Gefühl überkam mich, als ich beim Durchblättern von Nr. 23 der Allg. Ztg. d. Judenthums unmittelbar hinter meinem Aussatze „Getaufte Juden im 19. Jahrhundert" „Ein Wort über die getaufteü Juden im 19. Jahrhundert von Dr. M. Kayserling" vorfand. Herr Dr. Kayserling meint, ein solches Thema überließen wir besser den Missionsblättern; ich bin der Ansicht, sowohl die Missionsblätter als auch die jüdischen Zeitschriften haben Veranlassung sich damit zu beschäftigen. Es kommt eben auf den Geist an, in welchem es behandelt wird. Jene jubiliren über den Gewinn, den die Kirche durch die Taufen davonträgt, so problematisch derselbe auch sein mag; diese beklagen den Verlust und weisen auf die Schäden hin, welche ihü verschulden. Oder sollen wir Vogelstraußpolitik treiben und wie jene Verblendeten, gegen welche Jeremia eifert, rufen: Heil! Heil! wo kein Heil ist? Ich habe mich über die Tendenz meiner Arbeit in dem einleitenden Artikel ausgesprochen und werde noch einmal ausführlich darauf zurückkommen. Es hat mir so mancher ehrliche und urtheilsfähige Jude ein ermunterndes pfn zugerufen, und ich hoffe, auch noch Herrn Dr. Kayserling von der Nothwendigkeit solcher Darstellungen zu überzeugen. Berichtigungen werde ich stets dankbar annehmen, namentlich wenn sie von einem Kayserling kommen, aber es müssen auch Berichtigungen sein. Herr Dr. Kayserling bemängelt, daß ich apodiktisch behaupte: Falkensohn Behr wollte zur Kirche übertreten, während meine Quelle nur davon.spricht, daß die Breslauer Juden seinen Uebertritt befürchteten. Aber hätten sie denn für nöthig erachtet, so energisch einzuschreiten, wenn sie nicht von seiner Absicht überzutreten, vollkommen überzeugt gewesen wären? —Was Herz Homberg anbetrifft, so meint Dr. Kayserling, ich nenne ihn fälschlich den Erzieher der Mendelssohnschen Söhne, da er in Wirklichkeit nur einen Sohn, den ältesten, erzogen hat. Hatte Mendelssohn denn bloß Söhne? Setzen wir also statt „Erzieher seiner Söhne" „Erzieher seiner Kinder", so ist alles in Ordnung; an der Sache ändert das gar nichts. Darin bin ich vielleicht im Jrrthum gewesen, daß ich annahm, Mendelssohn habe den Charakter seines Hauslehrers durchschauen müssen; denn er hatte für diesen Mann ein merkwürdiges Faible, obgleich er dessen wissenschaftliche Produktionen richtig beurtheilte. Daß Homberg aber schon als junger Mann zur Erziehung jüdischer Kinder wenig geeignet war, das glaube ich auch heute noch — trotz dieser „Rettung". Was ein Haken werden will, krümmt sich bei Zeiten. Herr Dr. Kayserling übergeht mit Stillschweigen, was für die Beurtheilung des Mannes die Hauptsache ist, daß er einige seiner Kinder zur Kirche übergeführt hat. Wie ein jüdischer Religionslehrer, der seine eigenen Kinder taufen läßt, auf fremde jüdische Kinder segensreich einwirken und zur „geistigen Erhebung" der Juden beitragen kann, ist mir unverständlich. Wenn schließlich Herr Dr. Kayserling meint, ich sollte mich doch mit denjenigen beschäftigen, welche zum Judenthum übergetreten oder zurückgekehrt sind, so freut es mich aufrichtig, daß ich seinem Wunsche zuvorgekommen bin. Aufsätze über Proselyten habe ich mehrfach veröffentlicht; mindestens zwei derselben sind Herrn Kayserling bekannt, denn er hat sie der Erwähnung gewürdigt, und wenn ihm vielleicht Brann's Jahrbuch für 1895 zu Gesicht kommen sollte, so wird er darin auch die zuin Judenthum Zurückgekehrten unter dem Titel „Reuige Apostaten" von mir behandelt finden. Berlin, im Juni. Dr. N. Samter. * Geehrter Herr Redakteur! cH^ch habe erst gestern Nr. 21 (22. Mai) Ihrer geschätzten Zeitung ,5g gelesen und fand da im Artikel „Getaufte Juden im neunzehnten Jahrhundert' von Herrn Dr. Samter (III, S. 245-46) einen großen Jrrthum, den ich sofort berichtigen will. Herr Dr. S. schreibt: „Weniger sprechen sie (die Katholiken) von einem anderen Weill, Grand-Rabbin von Marseille, dessen Uebertritt freilich aus minder heiligem Motive erfolgt ist. Er verließ Rabbinat und Judenthum, um seine langjährige Maitresse, eine Katholikin, als Eheweib heimzuführen." Die ganze Nachricht ist grundfalsch. Sie hat 1877 allerdings in der „Jüdischen Presse" (S. 213) gestanden, die sie wie alle Zeitungen aus einem hebräischen (glaube ich) Blatt ab gedruckt, wo ein Elender sie veröffentlicht hatte, um sich an Herrn Weill zu rächen, aber die Nachricht war falsch, grundfalsch. Herr Weill hat nie das Rabbinat noch das Judenthum verlassen. G. L., er ist heute noch Großrabbiner in Marseille, er hat vor kurzer Zeit den Präsidenten der französischen Republik in Touloy begrüßt im Namen seiner Gemeinde. Er ist ein Landsmann von Zadoe Kahn, Beide sind aus Mommenheim (Elsaß) gebürtig. Frau Weill ist eine vortreffliche Israelitin, von Hagenau gebürtig. Wenn alle Geschichten von getauften Rabbinern wahr sind wie diese, so ist nie ein Rabbiner zum Christenthum übergegangen. Genehmigen Sie den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung Schirrhofen, 31. Mai. Simon Levy, Rabbiner. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.