Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1896)
- Date
- 1896-06-19
- Page
- Seite 299 (sequence 11)
- Language
- German
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299 und legt den Stab ab; denn es steht geschrieben: kommt der { Sabbath, dann kommt die Ruhe, und schlecht zur Ruhe paßt der , Stab, das Werkzeug des Manderns. Der Orach aber, der eingetreten war, ohne die Pfoste zu berühren oder den Sabbathgruß zu sprechen, legte weder den Stabj ab noch nahm er den Platz ein, den ihm Rabbi Wolf öngeboten, sondern trat ans Fenster und sah scheigend lange in die mondhelle Nacht hinaus. — Sagt mir, Hausherr, wandte er sich endlich gegen Rabbi Wolf, ist das nicht der Friedhof draußen, auf dem der Mondschein liegt? — Er ist's, erwiederte Rabbi Wolf. Doch möchte ich lieber, daß Ihr den Frieden unter meinen: Dache suchtet und an meiner Sabbathruhe theilnehmet; denn Ihr scheint weit des Weges gekommen, fremd hier in unfern Landen, eben nicht der Freude und Lllstbarkeit halber zu reisen und bedürft wohl vor allem der Ruhe. — Wohl komme ich aus fernen Landen, erwiederte der Orach, aus Landen, die weder Ihr noch irgend ein Sterblicher kennt. Auch ist meine Reise keine Reise der Lust. Doch bin ich hier nicht fremd, sondern stamme wie Ihr, aus dem Schooße der heiligen Gemeinde Prags. Das laßt Euch genügen und dringt nicht weiter in mich mit Fragen. Das aber sagt mir noch: was bedeutet jenes offene Grab dort, in das der Mond jetzt hineinleuchtet, daß man den Kiesel auf seinem Grunde kann zählen? Ist es für einen Todten bestimmt, den Ihr heute zu beerdigen verabsäumt? Oder ist es Sitte bei Euch, Gräber in Vorrath zu graben, wie die bösen Geister mit Ungeduld der scheidenden Seelen harren? — Keines von beiden! bedeutete Rabbi Wolf. Das Grab ist das Grab eines Acher*) in Israel, das seit einem halben Jahrhundert offen liegt, und in das kein Schnee fällt und kein Regen, kein Thau und kein Reif, an dessen Rande kein Gras gedeiht, und dessen Nähe der Vogel in den Lüften meidet, damit er nicht todt hineinfalle. Es ist das Grab des Acher Jehuda, der auf so seltsame Weise von der Erde verschwunden und von dem man sich so viel des Wunderbaren erzählt. — Jehuda, spracht Ihr? fragte der Fremde. Und Wunderbares erzähle man sich von ihm? Wohl übt der Herr Wunder; doch was des Menschen Auge davon sieht, ist nur die undurchdringliche, oft rauhe Schale; der Kern ist Milde und Weisheit. Laßt hören! Was spricht man von Jehuda? — Vor langen, langen Jahren lebte hier in Prag ein Bachur?) erzählte Rabbi Wolf bereitwillig, Namens Jehuda, der weit und breit im Rufe seltener Gelehrsamkeit stand. Er ging bei Rabbi Meir, der damals das Oberhaupt des Beth-Diu (Synode) war. zur Schule. Rabbi Meir, der in ihm einen Bachur von seltener Schärfe des Verstandes erkannt, achtete ihn mehr als seinen Freund, denn als seinen Schüler, und sie forschten und stritten mit einander und brachten Tage und Nächte zu in Ergründung des heiligen Wortes. Als Jehuda achtzehn Jahre zählte, sprach Rabbi Meir zu ihm: Wenn Du fortfährst, wie Du begonnen, so wird sich an Dir die Verheißung bewahrheiten, daß in Israel ein Mann erstehen wird, der Moses übertrifft und dessen Name von einem Ende der Welt zum andern getragen wird werden und dessen Ruhm so weit reichen wird, als man den einzigen Gott bekennt. Jehuda aber antwortete: Jawohl will ich zur Wahrheit machen die Verheißung! Zog jedoch Gott, als er Moses die Tafeln des Gesetzes gab, an ihm unsichtbar im Zuge des Ostwinds vorüber, so will ich ihn schauen von Aug' y latein. alienus, der sich entfremdet. 2) Jünger. zu Aug', von Angesicht zu Angesicht; denn im Wissen liegen die Sprüche, die selbst Gott bannen! Fragen will ich ihn dann, wonach zu fragen Moses versäumt hat und um deffenwillen jetzt Israel in Knechtschaft jammert und in Elend! — und vergrub sich von Stund' an noch tiefer in die Geheimnisse der Kabalah, die sich seinem Geiste so frühzeitig erschlossen. Als ein Jahr herum war, sprach Jehuda zu Rabbi Meir: Rabbi, erlaube, daß ich von den Stufen der Lade herab zur Gemeinde spreche! Rabbi Meir erlaubte es, und Jehuda hielt seine erste Predigt am Sabbath vor dem neunten Ab. und die Kenner der Schrift strömten von allen Enden des Landes herbei, so daß die Altneuschule ihre und des Volkes Menge kaum zu fassen vermochte, das herbeigekommen, die Rede Jehudas mit anzuhören. — Möge der Herr Deinen Geist beschützen, sprach Rabbi Meir nach vollendeter Predigt zu Jehuda; Du bist mir vorangeeilt in jungen Jahren! Ein Tag ist Dir gewesen, was mir siebenzig Jahre, und ich nenne Dich meinen Meister. Womit kann ich Dir bezeugen, daß mein Mund spricht, wie meine Seele denkt? Es soll geschehen! — Rabbi, erwiederte Jehuda, Ihr habt eine Tochter, an Schönheit Rebekka und an Milde Rahel gleich. Laßt mich Euren Sohn sein nicht nur dem Worte nach und im Geiste, sondern auch im Blute — gebt mir sie zum Weibe! — Es geschehe nach Deinem Willen, entgegnete Rabbi Meir, und nach wenigen Wochen schon lud er Freunde und Verwandte in sein Haus, und Malke, sein einziges Kind, wurde das Weib Jehudas. Als wieder ein Jahr um war, da die Zeit des Sabbaths vor dem neunten Ab kam, wurde Jehuda mit einem Male schweigsam :und ernst und sprach weder mit Rabbi Meir, noch mit seinem Weibe, sondern sperrte sich in seine Studirstube und forschte Tag und Nacht; denn er gedachte an jenen: Sabbath eine Predigt zu halten, in der die Verheißung, daß einst ein Mann über Moses erstehen werde, bewahrheitet werden sollte, und die Kunde davon war bereits zu allen Gemeinden gedrungen, und die gelehrtesten Rabbinen und Schriftkenner kamen herbei, den Mann zu hören. - Am Freitag Abend vor dem bestimmten Sabbath erschien Jehuda in der Altneuschule, und Rabbi Meir nahm seinen Platz -ihm zur Linken; denn, sprach er, Du bist mein Meister! Und 'Aller Augen waren auf den gerichtet, von dessen Lippen morgen 'das Wort strömen sollte, das voller klingt als das Wort Mosis und tiefer gedrungen in den Geist des Herrn. Jehuda aber sprach auch hier mit Niemand; denn so verlangte es die Kabalah, daß, wer Gott will schau'n von Angesicht zu Angesicht, eine gewisse Zeit lang allen irdischen Verkehres und Gespräches sich enthalten müsse. Aas der Schule ging er nach seiner Wohnung zurück, segnete hier schweigend Wein und Brod, nahm dann sein graues Gewand und seinen Stab und machte sich auf, ffortzugehen. Da trat sein Weib vor ihn hin, ihren Säugling, Jehuda's erstgeborenes und einziges Söhnlein, an der Brust. Rabbi, sprach sie, wo willst Du hin am Sabbath in dem sonderlichen Anzuge? Jehuda aber erwiederte kein Wort, sondern legte schweigend seine beiden Hände auf das Haupt des Kindes, segnete es in Gedanken und segnete auch sein Weib und verließ die Stube. Schweigend schritt er durch die dunklen Gassen, denn schon waren allenthalben die Sabbathlampen erloschen und keine lebende Seele wandelte mehr zwischen den Häusern. Vor einem schwarzen Pförtlein endlich blieb er stehen, zog ein kleines Büchlein aus der Brusttasche und las daraus ein Gebet,