Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1896)
- Date
- 1896-06-19
- Page
- Seite 293 (sequence 5)
- Language
- German
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293 Armenpflege, des Samariterthums, der thätigen Nächstenliebe ein ungemein großes Feld segensvollster Wirksamkeit. Obwohl Behörden und Privatvereine bestens bemüht sind, das soziale Elend zu mildern, es nistet doch in tausend Brutstätten fort und vernichtet alljährlich zahllose Existenzen, die lautlos, stummen Opfern gleich, in die Tiefe versinken, ohne daß die Außenwelt davon erfährt, ohne daß sie sich darum kümmert. Wie manches Menschenleben aber könnte erhalten werden, wenn sich rechtzeitig eine erbarmende Hand fände, die den Sinkenden stützte und aufrichtete! Die täglich wachsende Noth besonders in den Großstädten weist deutlich darauf hin, daß, so viel auch in jeder Hinsicht geschieht, noch mannigfache Schäden vorhanden sind, daß die PZohlthütigkeitseinrichtungen weder genügen noch ausreichen und zudem noch oftmals nicht den wahrhaft Bedürftigen zugute kommen. Läßt sich da nichts ändern, nichts bessern? Gewiß, unendlich viel sogar; gerade hier könnten feinfühlende gebildete Mädchen unglaublich viel Gutes wirken, unsäglich viel Elend lindern helfen! Wie viel Zeit und Geld verschwendet eine große Zahl der unbeschäftigten Töchter der höheren Stände in zweckloser Weise an nichtige Dinge, während doch die zielbewußte Verwerthung dieser drei Faktoren an dem edlen Liebeswerke, Noth und Elend lindern zu helfen, thätigen Antheil zu nehmen, eine so große Fülle segenbringender Arbeit in sich schließen würde! Dank der größeren Freiheit, die das weibliche Geschlecht in unserer Zeit genießt, nachdem allmälig die engherzigen Schranken gefallen sind, welche einst das Leben und Wirken der Frau einzig und allein in den beschränkten Kreis.des Hauses bannten, kann jetzt jedes Mädchen ohne Scheu hinaustreten, mit Wort und That für die Jnteresten seines Geschlechtes einstehen und somit, wenn auch vielleicht nur iiibireft, Mitwirken an der Lösung der sozialen Frage. Darum Ihr Mädchen, jüngere und ältere, denen es noch nicht und denen es vielleicht nie beschiedcn ist, den ureigensten Beruf des Weibes als Gattin und Mutter, als Bildnerin und Erzieherin einerneuen Generation zu erfüllen, gehet hin Und übet jenen edlen Samariterdienst, der bereits hienieden seinen Lohn in sich trägt, weil er Euch wahre Befriedigung schafft. Es giebt ja so viele verschämte Arme, von deren Noth meist nur der Arzt Kenntniß hat; diese Armen, die es nicht vermögen, die öffentliche Wohlthätigkeit anzurufen oder gar zu betteln, und die, weil oft vielleicht in befferen Verhältnissen gewesen, den Druck der Armuth doppelt schwer empfinden, suchet auf, tretet ihnen rathend, helfend, tröstend nahe, trocknet mit weicher Hand die Thrünen bekümmerter Herzen und richtet die verzweifelten Seelen mit liebevollem Zuspruche auf! Und wenn Euer Sprengel ein noch so kleiner ist je kleiner, desto schärfer können einzelne Fälle untersucht werden, desto kräftiger, schneller und wirksamer kann man Hilfe schaffen! Unsere Frauen werden dann in der That rechte, echte Mitarbeiterinnen an der höchsten Aufgabe des Menschengeschlechtes, das Loos der Armen und Elenden, der Enterbten der menschlichen Gesellschaft zu mildern, die sozialen Mißstände zu verbessern und das hohe Wort von Freiheit und Gleichheit im idealen Sinne für Mann und Weib, für Reich und Arm der Verwirklichung entgegcnzuführen. Wahrlich, ein herrliches, erstrebeuswerthes Ziel! Kchutzncht. Von Mittelschullehrer Max Golde in Dresden. V.1) fahrend die jugendliche Persönlichkeit daran geht, ihre Neigungen und Ansprüche zu sixiren und unter den Darbietungen sowie den Anforderungen des Lebens eine Auswahl zu treffen, während sie zugleich ihre Erzieher bereit findet, ihr bei dieser freien Wahl behilflich zu sein, darf sie doch nie vergessen, daß ihrer Freiheit auch Schranken gezogen sind. Die frühe Jugendzeit trug den Gehorsam mit derWilligkeit, die allein Denen zu eigen ist, welchen die Selbständigkeit ihrer Persönlichkeit noch nicht im Bewußtsein aufgestiegen ist, und welche bei uneivilisirten Volksmassen die patriarchalisch natürlichen Verhältnisse erzeugt, die wir dieser Tage in Rußland von ihrer glänzenden Seite kennen lernen konnten. Die reifere Jugend aber soll den Gehorsam als eine nothwendige, gebieterische Pflicht anerkennen und ertragen. Sie soll sich bei ihrem Streben an Schranken gewöhnen, damit dieses nicht im späteren Leben dem Spiele des Zufalls zum Opfer falle. Während also der Charakter sich immer breiter entfaltet, muß gleichzeitig auch der Gehorsam geübt werden, ein Vorblick echter Sittlichkeit. Vor allem fordert die Schulordnung eine mehr oder minder freiwillige, jedenfalls aber eine völlige Unterwerfung unter ihre Bestiminungen: regelmäßigen Schulbesuch, pünktliches Erscheinen, Ruhe vor und nach dem Unterricht, gute Haltung während beffetbcn, eine feste Ordnung in der Schule, schickliches Betragen in und außerhalb derselben u. s. w. Wie diese, so sollen auch alle sonstigen Vorschriften hier von allgemeiner Art sein, so daß sie nicht auf einzelne Fälle, sondern allgemeine Anwendung finden. Dadurch erlangt der Zögling freien Spielraum, um zu prüfen, ob ein besonderer Fall unter die allgemeine Vorschrift fällt oder nicht, und sich danach zu entscheiden. Die Beobachtung derselben muß,' wenn sie ausbleibt, zunächst durch Mittel, welche in dem Boden des Gemüthslebeus wurzeln, herbeigeführt, im ungünstigen Falle aber auch erzwungen werden. Sowohl die selbstgefaßte Neigung als auch die Vorschrift erlangen ihre Dauerhaftigkeit erst durch die Gewöhnung. Diese soll zunächst alle äußerlichen Tugenden in steter Uebung erhalten, aber auch die Wahrheitsliebe, der Wohlthütigkeitssinn, selbst der Gottesglaube und das Gottvertrauen können durch sie im Gemüthe befestigt werden. Das felsenfeste Gottvertranen unserer Mütter, ihre innige und opferfrohe Gottesfurcht, welche das Familienleben weihte und verklärte, war ihnen nicht durch Belehrung und Reflexion, sondern lediglich durch äußere Nachahmung und Gewöhnung zu eigen geworden. Die sorgfältige, scheinbar rein äußerliche und mechanische Beobachtung der vielen religiösen Gebräuche trocknete ihr Gemüth nicht ans, im Gegentheil schöpften sie daraus eine solche Innigkeit des Gefühls und Feinheit des sittlichen Taktes, daß sie darin dem höchstgebildeten Geschlechte als Vorbild hätten voranleuchten können. Es ist nicht allein im Interesse des jüdischen Religiouslebens, sondern auch im Interesse der Erziehung lebhaft zu bedauern, das; die Frauen Israels unseren jüdischen Mädchen jenen reichen Schatz vorenthalten, der auch ihnen, unbeschadet ihrer sonstigen Bildung, aus der sorgsamen Uebung der religiösen Formen im Hause entquellen müßte. So manche junge Dame verdankt ihrer *) Durch ein Versehen hat der vorige Artikel die Serienzahl V statt IV erhalten. Berichtigung: Auf S. 281 d, 2. Absatz, Zeile 15 fehlt noch „mannigfachen"; auf S. 282g., 3. Absatz, Zeile 6 fehlt noch „jüdischen"; auf S. 282d, 1 Absatz, Zeile 9 statt „geht", „pocht".