Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1896)
- Date
- 1896-06-19
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
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292 auferlegt, die bisherige Beitragsfreiheit in eine Beitragspflicht von jährlich einer Mark umzuwandeln, wovon für jedes Mitglied 50 Pfennig Beitrag an den D. I. L.-B. abgeführt werden. Punkt 6 der Tagesordnung. Bericht der Kommission über Herbeiführung einer gesicherten Lebensstellung der Lehrer. Herr Baum-Rheine verliest ein von der Kommission ausgearbeitetes und an die Gemeindeverwaltungen verschicktes Memorandum, in welchem den Gemeinden Vorschläge für die Besserstellung ihrer Lehrer gemacht werden. Die'Versammlung dankt der Kommission für ihre eifrige Thätigkeit und spricht die Hoffnung aus, daß die Vorschläge seitens der Gemeinden beherzigt werden möchten. Punkt 7 der Tagesordnung. Freie Besprechungen. Die Versammlung beschließt, in Zukunft den ersten Pfingsttag als Konferenzlag auszuschließen. Nach einem Schlußwort des Herrn Dr. Auerbach spricht der Vorsitzende allen Förderern unserer Kasse und unserer Bestrebungen den herzlichsten Dank aus und schließt die Konferenz mit einem Hoch ans Seine Majestät unfern erhabenen Kaiser. Die Schriftführer. Kaufmann-Gelsenkirchen. Ostermann-Vochum. 'ts&r Armenpflege.J) Von Regina Neisser. §^^^ohlthütigkeit zu üben, Nächstenliebe zu bethätigen, Nothleidende zu unterstützen, gemeinnützige Zwecke zu fördern ist ein uraltes Gebot unserer heiligen Religion. Zu allen Zeiten haben besonders israelitische Frauen warmen, weichen Gemüthes, scharfen, klaren Verstandes dieses große, weit verzweigte Feld bebaut. Andern zu helfen und wohlzuthun, birgt für jedes liebevolle Frauengemüth einen unermeßlichen Schatz von Befriedigung in sich, und in dem kleinen Mädchen regt sich schon frühzeitig dieser echt weibliche Trieb. Man braucht selbst nicht reich mit Glücksgütern > gesegnet zu sein, um seinen bedürftigen Mitmenschen Liebe und Freude zu geben; unsere Wohlthaten können auf verschiedene Art geübt werden, oft wird schon das Wort zur That, nicht immer, nicht überall sind reiche Geldspenden am Platze, das gute Wort findet stets eine gute Stätte. Mehr als je sind in unseren Tagen hochgesinnte Frauen bemüht, das Dichterwort: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut", nach allen. Richtungen hin zu erfüllen. Die Fürstinnen gehen mit gutem Beispiele voran; unvergessen wird bis in die fernsten Zeiten bleiben,< was die hochselige Kaiserin Augusta auf dem Gebiete der barmherzigen Nächstenliebe gewirkt und geschaffen hat; nicht minder die verstorbene Königin Olga von Württemberg. Ihrem trefflichen Vorbilde pietätvoll und mit segensreichstem Erfolge nacheifernd, wandeln in ihren Bahnen die deutschen Fürstinnen alle, insbesondere die edle Großherzogin von Baden, die Kaiserin Friedrich und die junge Kaiserin Auguste Viktoria. Das musterhafte Beispiel der höchsten Frauen hat in allen Kreiserr begeisterte Nachahmung gefunden. Je nach Vermögen und- Können nehmen Frauen an öffentlichen Wohlthätigkeitswerken, Wohlfahrtseinrichtungen und milder: Stiftungen reger: Antheil, sind Beratherinnen und Helferinner: eines größeren oder kleinerer: Theiles bedürftiger oder unbemittelter Personer: und Wirker: als stille Wohlthüterirrrren der Armen. 9 Bei dem lebhaften Interesse, welches diese Frage gefunden, geben wir hier gern den warmempfundenen Aufsatz einer geschätzten Mitarbeiterin wieder, der uns, wie aus dem Schluß ersichtlich, überhaupt die erste Anregung zur Behandlung dieser Frage in Nr. 21 gegeben. Die Red. Nachdem nun in neuester Zeit mehr urrd mehr besonders in den Großstädter: Frauen zur Armenpflege herangezogen Werder:, erschließt sich hiermit ein neues großes Arbeitsfeld, ein ungemein segensreicher Wirkungskreis für die Töchter der begüterten, höheren Stände. Die Zeit, welche die Töchter des bürgerlichen Mittelstarrdes gut. und nützlich d::rch Mithilfe in: Haushalte oder durch Ausübung eines Berufes ausfüllen, wird' von den Töchtern der höherer: Stände in unseren Tagen in den seltenster: Fällen durch nützliche Arbeit, soildern zumeist durch Spielereien und Nichtsthurr ausgefüllt. Woher giebt es in diesen Kreisen so viele junge und ältere Mädchen, die ar: Unzufriedenheit urrd Langeweile kranker:? Wahrscheinlich, ja gewiß aus dem Grunde, daß den ganzen Lebensinhalt dieser jungen Damen, deren günstige Verhältnisse eirre Berufswahl ausschließeu, Toilettenfragen, Besuche, Gesellschaften, Bälle, Reisen, Romarrlektüre urrd die Ausübung einer dilettanterrhast betriebenen Kunst, für die gar oft Talent und Begabung fehlen, bilden. Dies heißt nicht die Zeit, das edelste, kostbarste, unwiderbrrnglichste Gut der Menschen, verwerthen, sorrdern vergeuden. Es mag wohl eine Zeit lang einer: gewissen Reiz gewähren, nur sich, seiner Unterhaltung, feiner Zerstreuung leben zu dürfen, allein auf die Dauer vernrag dies unmöglich die Gedankenwelt auszufüller:; eir: Gefühl der Herzensleere entsteht, das oft Müdigkeit, Uebersättigung, Weltschmerz, ja innere Zerfahrenheit, die sich bis zur Melancholie steigert, im Gefolge hat, und so finden wir gerade ir: dieser! bevorzugten Kreisen kaum einen Bruchtheil wahrhaft Glücklicher und Zufriedener; gerade die Verwirklichung aller Wünsche ruft Langeweile. Blasirtheit, Abgestumpftheit gegen alle Annehmlichkeiten des Lebens hervor. „Das Mädchen ist blasirt urrd überspannt", lautet das rasche Urtheil der Menge; aber selbst die Angehörigen mißdeuten gewöhnlich den Seelenznstand dieser eingebildeten „Unglücklichen". Und doch läßt sich die Ursache so leicht erklären. Das Bewußtsein ihrer Ueberflüssigkeit macht sie urrliebenswürdig und verbittert, das nutz- und zwecklose Dasein hat diesen Zustand erzeugt, diesen Schaden angerichtet! An die Leistungsfähigkeit der Töchter der höherer: Stände werden zu wenig Anforderungen gestellt; zu arbeiten brauche,: sie nicht, im Elternhause besorgt die Dienerschaft alles; einen Beruf ausüben, schickt sich weder für reiche Mädchen, noch ist es in ihrer bevorzugten Lebensstellung nöthig; so bleibt denn jahraus jahrein der Lebenszweck dieser armen reicher: Mädchen unverändert, und damit wächst die Herzensöde ebenso erschreckend, als das Gespenst der Langeweile immer drohender erscheint, um so mehr, wenn sich die Hoffnung auf eine „gute Partie" noch immer nicht verwirklichen will. Was fängt nun so ein armes reiches Mädchen mit seinem Ueberfluß von Zeit, Thalkraft und warmer: Gefühlen an? Denn auch die Jungfrau besitzt gleich dem Jünglinge einen Ueberfluß an Kraft, der nach Bethätigung mächtig drür:gt. Findet nun dieser Trieb bei der: Mädchen nicht einen natürlichen Ableiter in der Ehe und deren Pflichtenkreis, so bleibt er unbefriedigt und zeitigt jenen krankhaften Gemüthszustand, der: fo werüge, selbst die zärtlichsten Eltern nicht, richtig zu beurtheilen und noch weniger richtig zu behandeln verstehen. Da giebt es nur ein Heilmittel: „Arbeit". Wie viel Elends Roth, Kummer, Sorger: und Jammer existiren rings um uns her; besonders in den Großstädten; wie viele Mädchen könnten sich nützlich machen, um zu helfen und zu lindern! Für die unbeschäftigten Töchter begüterter Eltern ist daher das Gebiet der