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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-06-12 · Heft 24 (12.6.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 24 (12.6.1896)
Date
1896-06-12
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Erledigung eine sehr interessante Debatte über einzelne vom oberschlesischen Synagogen-Gemeinde-Verbande angeregte Punkte sich entspann. Durch die selbstlose, durchaus sachgemäße und zielbewußte Behandlung der zur Diskussion gestellten Fragen, wie Einführung von festen Taxen für Kasualien, Ausübung von Funktionen innerhalb lokalbegrenzter Bezirke, Anstellung von Seelsorgern bei allen prästationsfähigen Gemeinden, hat der oberschlesische Rabbinerverband bewiesen, daß er auf der Höhe seiner Aufgabe sich befindet und in sich einen festen Einheitspunkt für die Stärkung und Festigung des religiösen Lebens in Oberschlesten birgt. Als Ort der nächsten Versammlung wurde Gleiwitz bestimmt. 6. Wreschen, 5. Juni. Gestern Nachmittag fand in der hiesigen Gemeinde die feierliche Einführung des neugewählten Rabbiners, Herrn Dr. M oses Lew in aus Berlin, in sein Amt statt. Dieser Akt gestaltete sich zu einem Feste für die ganze Gemeinde. Die Herren Gemeindebezw. Repräsentantenvorsteher Mendel, Miodowski und Hugo Ehrenfried fuhren dem Rabbiner bis. Miloslaw entgegen und geleiteten ihn mit einer Empfangskommission vom Bahnhofe nach dem Beth-Hamidrasch, wo das Minchagebet verrichtet würde. Nunmehr ging es zur Synagoge. Hier intonirte ein Chor mit Musikbegleitung, dirigirt vom Herrn Lehrer Cohn, die Begrüßungs- und Weihegesänge. Nunmehr richtete der Gemeindevorsteher, Herr Miodowski, herzliche Worte der Begrüßung an den Rabbiner und führte ihn in sein Amt ein. In seiner Antrittspredigt entwickelte Herr Dr. Lewin sein Programm, wie er der Führer und Lehrer der Gemeinde sein wolle, und schloß mit einem Segen für die Gemeinde, für Kaiser und Reich. Im Rauer'schen Saale fand hierauf ein Festessen statt, bei welchem Herr Vorsteher Miodowski zuerst den Kaisertoast ausbrachte. Hierauf wurde die Nationalhymne gesungen. Den neuen Rabbiner begrüßte Herr H. Ehrenfried im Namen der Gemeinde, die Herren Rechtsanwalt Peyser und Robert Siebweth, als Mitglieder der Gemeinde, Herr Lehrer Cohn im Namen der Neligionsschule, Herr Lehrer Wolff als Rendant. # Nordhausen, 7. Juni. Einer Reihe tapferer jüdischer Kämpfer, die für das Vaterland den ehrenvollen Tod auf dem Schlachtfelde gefunden, wurde in der gestrigen hiesigen Stadtverordnetensitznng gedacht. Beim letzten Sedanfest hatten die städtischen Behörden u a. auch beschlossen, die in den Kirchen u. s. w. befindlichen Erinnerungstafeln an die Feldzugsgefallenen auf städtische Kosten bekränzen zu lassen. In der gestrigen Stadtverordnetensitzung wurde nun gelegentlich der Rechnungslegung seitens des Referenten hervorgehoben, daß in dieser Beziehung unter den neun Gotteshäusern der Stadt die jüdische Synagoge den Ehrenplatz einnehme, da in ihr nicht weniger als neun Erinnerungstafeln an Angehörige der jüdischen Gemeinde vorhanden seien, die in den Feldzügen von 1806 ab, also seitdem Nordhausen nicht mehr freie Reichsstadt, sondern preußisch ist, ans dem Schlachtfelde geblieben sind. X Marburg, 5. Juni. In vergangener Woche tagte dahier die Konferenz der israelitischen Lehrer des Nabbinatsbezirks Marburg. Dieselbe war von 20 Lehrern besucht. Herr Provinzialrabbiner Dr. Munkeröffnete die Verhandlungen mit einer Begrüßung und einer Ansprache, in der er, anknüpfend an einige Midrasch-Stellen, die belehrende und erziehende Aufgabe des Lehrers mit dem Lichte des heiligen Leuchters und dem Räucherwerk auf dem Räucheraltare verglich und der Hoffnung Ausdruck gab, daß auch die diesjährigen Verhandlungen dazu beitragen mögen, die Lehrer in der Erfüllung ihrer Aufgaben zu kräftigen. Herr Oppenheim-Treysa hielt darauf einen längeren Vortrag über das Thema: „Wie ist der Unterricht in der jüdischen Geschichte mit dem der Weltgeschichte und der Geographie in der israelitischen Volksschule zu verbinden." An diesen, mit vielem Beifall aufgenommenen, sehr anregenden und interessanten Vortrag knüpfte sich eine lebhafte Debatte, die sich besonders über den Punkt erstreckte, ob der Unterricht in der jüdischen Geschichte ein selbständiger Unterrichtsgegenstand oder ein Apendix zur allgemeinen Weltgeschichte sein soll. Schließlich wurde folgende Resolution einstimmig angenommen. „Die jüdische Geschichte ist im Anschluß an den biblischen Geschichtsunterricht bis zum Abschnitt des babylonischen Talmuds systematisch zu behandeln. Die spätere jüdische Geschichte soll in Verbindung mit dem Religionsunterricht, der allgemeinen Geschichte, bezw. Geographie gelehrt werden." Herr Oppenheim wurde ersucht, für die nächste, im Herbst anzuberaumende Konferenz einen Lehrplan nebst Pensenvertheiler hierfür auszuarbeiten und der Konferenz vorzulegen. Wegen vorgerückter Zeit mußte der zweite Punkt der Tagesordnung ausfallen und erfolgten hierauf noch die Berichte der einzelnen Lehrer über die sozialen Verhältnisse in ihren Gemeinden. Der Konferenz schloß sich ein gemeinsames Mahl an. Der größte Theil der Lehrer folgte hierauf noch der Einladung des Vorsitzenden zu einer Dampferpartie. © Karlsruhe, 8. Juni. In der Vorstandssitzung des israelitischen Landesasyls für Sieche und arme Greise (Friedrichsheim) vom 14. v. Mts. wurde eine Deputation, bestehend aus den Herren Oberrath Bensheim, Rechtsanwalt Dr. Friedberg und Rabbiner Dr. Lewin zu dem Zwecke gewähltum dem Großherzog von Baden die Bitte um Annahme des Protektorates über das zu gründende Siechenhaus vorzutragen. Diese Abordnung wurde am 27. v. Mts. in Audienz empfangen. Der Großherzog äußerte beim Empfang der Deputation seine lebhafte Freude und Genugthuung darüber, daß ihm zur Feier seines siebzigsten Geburtstages eine solche Stiftung von den Israeliten des Großherzogthums als Huldigung gewidmet werde, und erklärte sich gerne bereit, diese Widmung anzunehmen. Auf Vortrag der Bitte seitens der Deputation, daß diese Stiftung zum dauernden Andenken an unfern allverehrten Landesfürsten den Namen desselben tragen dürfe, bewilligte der Großherzog sofort und huldvoll diese Bitte mit dem Anfügen, daß ihn diese Art der Huldigung, welche gleichzeitig den Armen und Verlassenen zu Gute komme, besonders angenehm berühre. Ueber die Einzelheiten, wie der Fonds gesammelt werde, wo und wie die Anstalt ins Leben treten solle, hat der Großherzog mit lebhaftem Interesse sich erkundigt und zugleich den Wunsch ausgesprochen, daß die Sammlung für die Stiftung einen möglichst guten Fortgang nehme Nach beendigter Audienz bei dem Großherzog wurde die Deputation zu der Großherzogin befohlen. Bei dem sehr huldreichen Empfange erkundigte sich die hohe Frau in eingehendster Weise nach den Zielen, welche bei Errichtung des Asyls angestrebt werden. Einige weitere Mittheilungen über die -Audienz dürften nicht blos den Badensern willkommen sein. Der Großherzog hat die Deputation sehr gnädig empfangen, und die Ansprache, welche darlegte, daß die Israeliten des Landes durch ein Werk der Wohlthätigkeit auch ihrerseits dazu beitragen wollen, daß der Name des verehrten Landesfürsten in Segen dauere, huldvoll angehört. Nachdem der Plan, wie das Asyl eingerichtet werden soll, eingehend besprochen war, richtete der Fürst an die Mitglieder der Abordnung ihre Person und ihre Bestrebungen betreffende Fragen, setzte voraus, daß der Rabbiner Dr. Lewin in Breslau studirt habe, und zeigte durchaus zutreffende Bekanntschaft mit der Richtung, den wissenschaftlichen Leistungen und den hervorragenden früheren Lehrern des Seminars. Die Großherzogin ist ja bekanntermaßen, gleich ihrer hohen Mutter, der Kaiserin Augusta, anerkannte Autorität auf dem Gebiete der werkthätigen Menschenliebe. Besonders erfreut war die hohe Frau darüber, daß greise Ehepaare im Asyl nicht getrennt werden sollen. Sie erinnerte sich an das Mannheimer Hospital in allen Einzelheiten und kannte die Frankfurter Versorgungsanstalt als ein sehr gut geleitetes Institut, als von . dem Wortführer. dieselbe unter den vorbildlichen Anstalten mit den Worten ausgeführt wurde: Herr Justizrath Dr. Geiger habe es mit dem freudigen Stolze geschildert, mit dem ein Vater von einem wohlgerathenen Kinde spricht. Bei der von der Großherzogin ausgesprochenen Bemerkung, daß die Israeliten im Wohlthun nicht Zurückbleiben, wurde erwähnt, daß in der Ansprache an den Großherzog der Vers Jesajas 32, 8 in der Auffassung Raschis ausgeführt worden sei: „Er wird wegen der Wohlthaten dauern." Diesen Vers wünschte die Fürstin im hebräischen Texte zu hören und knüpfte daran Fragen, wie es überhaupt in unserer Zeit mit dem Studium des Hebräischen stehe und welche Ziele der hebräische Unterricht in unseren Religionsschulen erstrebe. Auf die Antwort, daß das Verfiändniß des im Gottesdienste Vorkommenden erzielt werden soll, äußerte die Großherzogin, daß man darin nur nicht Nachlassen möge! — Es ist natürlich nicht möglich und nicht statthaft, das ganze Gespräch wiederzugeben. Auch dürfte es kaum gelingen, die milde, schlichte und doch erhabene und erhebende Weise des hohen Fürstenpaares ganz zu schildern. Das Eine nur sei noch hervorgehoben: Die Deputirten selbst chatten in dieser Stunde vergessen, daß da draußen die Israeliten hier und da mit anderem Maßstabe gemessen werden als die anderen Bürger.

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