Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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m MMM Oesterreich-Ungarn. lH Wien, 7. Juni. Der Verein zur -Abwehr des Antisemitismus hielt im Saale des Kaufmännischen Vereins unter dem Vorsitze seines Präsidenten Freiherrn v. Suttner seine sechste Generalversammlung ab, welcher unter Anderen die Ehrenpräsidenten Herrenhausmitglied Baron Leitenberger und Hofrath Nothnagel beiwohnten. Der Vorsitzende begrüßte die zahlreich besuchte Versammlung. Heutzutage, in der schweren Zeit des Terrorismus, sei es fast ein Muth, einer Versammlung beizuwohnen, welche offen gegen den Terrorismus Protest erhebt. In den sechs Jahren unseres Bestandes, sagte Freiherr von Suttner, haben wir nicht ein einziges Wort der Ermunterung seitens jener maßgebenden Faktoren gesunden, deren Beruf es wäre, unsere Bewegung in erster Linie zu unterstützen. Da kam das Ministerium Badeni und nahm Anfangs in anerkennenswerther Weise gegen den Antisemitismus Stellung, und wir glaubten ausrufen zu können: „Endlich!" Allein Lueger, dem kürzlich die Qualifikation, Bürgermeister zu werden, abgesprochen wurde, hat die schmeichelhafteste Anerkennung gefunden. Er hat Strobach zum Bürgermeister wählen lassen, den er offen als seinen Automaten erklärte. Diese Sache wäre eines Opereltentexi es würdig, wenn es nicht traurig wäre, an Stelle der Residenzstadt Wien die Stadt Schilda setzen zu müssen. Dr. Lueger hat angekündigt, wie er die Staatsgrundgesetze handhaben will. Er hat ausdrücklich bemerkt, daß Juden auf städtische Arbeiten und Lieferungen nicht rechnen dürfen. Die liberale Partei im Parlament wird Gelegenheit haben, offen gegen eine derartige Verhöhnung der Staatsgrundgesetze Stellung zu nehmen. Schließlich ersuchte Freiherr v. Suttner um engen Zusammenschluß jener Elemente, welche gegen den Antisemitismus Protest erheben. (Beifall.) Sodann verlas der Vorsitzende ein Schreiben des ehemaligen Reichsrathsabgeordneten Carneri, in welchem es unter anderem heißt: „Ein unglückseligeres Experiment als das gegenwärtige, wodurch die Negierung Wien emporhelfen will, kann ich mir nicht vorstellen. Im Namen der Religion wird seitens der Antisemiten die Gerechtigkeit in Frage gestellt. Was haben wir zu thun? Es liegt dies in dem Worte: „Ausdauer". Ferner wurde ein Schreiben des Konsistorialrathes Dr. Schöpf aus Salzburg zur Verlesung gebracht, in welchem derselbe in entschiedenster Weise gegen den Antisemitismus Stellung nimmt. Dem Jahresberichte zufolge verlor der Verein durch Austritt und Tod 200 Mitglieder, während 250 neue Mitglieder demselben beitraten. Nach Erstattung des Kassenberichtes wurde dem Präsidium Dank und Vertrauen ausgesprochen. Bei den hierauf vorgenommenen Neuwahlen wurden gewählt: Zum Präsidenten A. G. Freiherr v Suttner, zu dessen Stellvertreter Reichsrathsabgeordneter Professor Eduard Sueß und Reichsritter v. Kiesling; zum Kassier August Beiling; zu Schriftführern Ernst Viktor Zenker und Balduin Groller; zu Vorstandsmitgliedern Vinzenz Chiavacei, Reichsrathsabgeordncter Dr. Ferdinand Kronawetter, Ludwig Hetsey, Neichsrathsabgeordneter Karl Wrabetz und Dr. Karl Zimmermann; ins Schiedsgericht wurden berufen Reichsrathsabgeordneter Hofrath Wilh. Exner, Gemeinderath Leopold Seiler und Franz Frauenberger. Sodann hielt Univerfitätsdozent Dr. Feilbogen einen Vortrag, in welchem er den Beweis führte, daß der Antisemitismus in nationaler, kirchlicher und sozialer Beziehung eine Gefahr für den Staat sei, und daß daher die Bekämpfung des Antisemitismus nur im eigensten Interesse des Staates gelegen sei. Im Anschlüsse an seinen Vortrag beantragte Dr. Feilbogen folgende Resolution: „Die Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus ermächtigt das geehrte Präsidium, bei passendem Anlasse an die gesetzgebenden Körperschaften und an die hohe Regierung mit dem Ansuchen heranzutreten, es sei in den von öffentlichen Behörden ausgestellten Dokumenten oder für öffentliche Behörden bestimmten Anmeldungen die Angabe der Konfession nicht zu gestatten, da es vermöge der Staatsgrundgesetze den öffentlichen Behörden nicht .erlaubt ist, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession als Voraussetzung zur Erlangung irgend einer Rechtsstellung zu beachten." Nach der einstimmigen Annahme dieses Antrages wurde die Versammlung geschlossen. Rußland. . M Petersburg im Juni. Es ist geradezu rührend zu lesen, in welch herzlicher Weise die Juden die Tage der Krönung gefeiert haben. Ueberall, auch in kleinsten Gemeinden, fanden Festgottesdienste statt, würden die Armen gespeist und Stiftungen'zum Gedächtniß des Tages gemacht. Dafür ist aber auch von der großen Gnadensonne ein Strahl auf sie gefallen. Wie Sie bereits gemeldet, wurden die drei zür Krönung geladenen Rabbiner am 18. ds. mit der nicht orthodoxen Geistlichkeit zur Audienz befohlen. Sie waren, wie die anderen Geistlichen und wie der Chacham der Karäer in weiße Talare gekleidet und erhielten wie diese jeder eine goldene Medaille, am Bande des Stanislausordens zutragen Unter den Deputationen der Städte und Vereine waren auch mehrere Glaubensgenossen in Moskau erschienen. Baron H. Günzburg, Staatsrath L. Poljakoff, I. Poljakoff, Daniel Poljakoff, Bregmann aus Grodno, Wilkowiski aus Bialystok und Welisberg aus Libau. Ferner haben die folgenden Herren anläßlich der Krönung Auszeichnungen erhalten: Kollegien-Assessor G. Rosenberg in Kiew, den St. Annen-Orden III Klasse, der Arzt im Kinderkrankenhause des Prinzen Peter von Oldenburg, S. Pupkin, den Stanislaus-Orden II Klasse, der Arzt im Armenkrankenhause zu Petersburg, Dr. A. Nathansohn, den Stanislaus-Orden III. Klasse, der Assistent im Kinderkrankenhause des Prinzen Peter von Oldenburg, S. Rapaport, denselben Orden, Dr. L. Gordon den St. Annen-Orden III. Klasse, der Assistent im Kaiserlichen Krankenhause, Dr. Spira, den Annen-Orden II. Klasse, der Arzt S. Eisenstadt in Zerepow den Stanislaus- Orden III. Klasse. Non Nah und Fern. Dr. M. Ehrenpreis von der hiesigen Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums ist einstimmig zum Rabbiner in Diakovar gewählt worden. — Die Berliner Akademie der Wissenschaften hat dem Heidelberger Professor Dr. S. Lefmann den Ehrenpreis der Boppstiftung zuerkannt. — Der in der Pfingstwoche abgehaltene Eisenacher Burschentag der im A. D. C. vereinigten 48 deutschen Burschenschaften hat folgenden Beschluß gefaßt: Der Burschentag äußert' den dringenden Wunsch, daß in den Reihen der Burschenschaften fortab keine jüdischen Mitglieder mehr gesehen werden. Die Form des „dringenden Wunsches" ist offenbar mit Rücksicht auf die jüdischen Alten Herren gewählt worden, welche einzelne Burschenschaften noch haben. — Die alte renommirte Buchdruckereisirma Gebrüder Gotthelft in Kassel, auch Verlag des Kasseler Tageblattes, ist zur königlichen Hofbuchdruckerei ernannt worden. — Die für Entwürfe zum Bau einer Synagoge in Dortmund ausgesetzten Preise von 5000, 3000 und 1600 Mark wurden den Architekten Fürstenau in Potsdam, Höniger und Sedelmeier in Berlin und Neff in Magdeburg zuerkannt. — Nachdem Bericht des „Staatsanzeigers" über den Stand der gerichtlichen Strafanstalten Württembergs im Jahre 1895 befanden sich unter 1609 Gefangenen 736 katholische, 1057 evangelische, 7 jüdische Gefangene — 0,39 Prozent, während die Prozentzahl der jüdischen Einwohner fast das Doppelte (= 0,6 Prozent) beträgt. — Die kaiserliche Akadenn'e der Wissenschaften in Wien hat in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse den ordentlichen Professor der Zoologie an der deutschen Universität in Prag, Dr. Berthold Hatschek, zum korrespondirenden Mitglieds gewählt. — Professor Dr. Alois Zucker in Prag ist zum Hofrath ernannt worden. — Die Anklage wegen Betrug, die-gegen den antisemitischen Agitator Feichtinger in Graz erhoben ist, wurde noch, auf drei antisemitische Gemeinderäthe ausgedehnt. Unter diesen befindet: sich ein Advokat, welcher Obmann des antisemitischen Preßvereins ist. —- Das russische Krönungsmanifest vom 14. (26) Mai verordnet untere anderem, die von den jüdischen Ackerbauern im Jekaterinoslaw^ schen Gouvernement der Staatskasse für die Zeit bis 1. Januar 1887' treffenden Grundsteuerrückstände seien als getilgt betrachtet. — Ernesch Nathan, ein in Italien naturalisirter Engländer, ist an Stelle des Sign. Lemmi zum Großmeister der italienischen Freimaurerlogen erwählt worden.. — Wie mau uns Mittheilt, ist der Advokat Jules Dietz, Redakteur des „Journal des Döbats" in Paris nicht der alleinige Testamentsvoll-- strecker des Baron Hirsch. Außerdem. fungiren noch in g'sicher Eigenschaft der Bankier Adler in Dresden, der österreichische Konsul Bauer in Brüssel und Herr Cass e l in London. Als Vormund der Adoptivtochter: ist der Schwager des Verstorbenen, M. Mo niefiore, eingesetzt. —- In London ist der Grabstein für den dort verstorbenen Großrabbiner von Bulgarien, Dr. M. Grünwald, auf dem Gemeindefriedhof ausgestellt.. V- Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion.Mar Bauckwid in Berlin. - -r