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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-06-12 · Heft 24 (12.6.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 24 (12.6.1896)
Date
1896-06-12
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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60. Lchrgang. Nr. 24. ^XX ffierlm, 12.3tmi 1896. ^eifage zur „Akkgemeinen Seitung öes IuöenLHurns". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 8. Juni. Die gestrige Sitzung der Nepräsentantenversammlung war eine der lebhaftesten, die in jenem Saal: wohl jemals stattgefunden haben. Leider war sie nur schwach besucht; es fehlten sieben Repräsentanten. Aus den geschäftlichen Mittheilungen heben wir hervor, daß Herr Moritz Man Heimer in einem Schreiben in herzlichster Weise seinen Dank ausspricht für die ihm bei Gelegenheit seines siebzigsten Geburtstages gewordene Ehrung. Die Religionsgemeinde Charlottenburg bittet in einer mit 125 Unterschriften bedeckten Petition, die westlich vom zoologischen Garten belegenen Stadtbezirke der Synagogengemeinde Berlin einzuverleiben. Alsdann erklärt sich die Versammlung einverstanden mit dem Rückkauf von zwei Synagogenständen zum Preise von 800 Mark. Desgleichen bewilligt die Versammlung 185 Mark für Renovirung von Grabsteinen der Kriegergräber und für Pflege der Hügel. Für Versuche zur Verbesserung der sehr mangelhaften Akustik des Sitzungssaales (auf der Galerie ist überhaupt so gut wie nichts zu verstehen) werden 300 Mark bewilligt. Die Versammlung beschließt sodann die Dringlichkeit eines nicht auf der Tagesordnung stehenden Antrages betreffend die Einrichtung von Jugendgottesdiensten an den hohen Feiertagen, eine Institution, die die A. A Z. zuerst und schon seit Jahren dringend angeregt hat. Der Referent, Herr Geheimrath Dr. Kirsten,, theilt mit, daß der Gottesdienst an den beiden Neujahrstagen und am Versöhnungstage zweimal stattfinden soll. Die hierfür nothwendige Agende ist in Uebereinstimmung mit dem Rabbinat ausgearbeitet worden und enthält einige Abweichungen von der üblichen Tradition bei der Vorlesung aus der Haftara der beiden Feste. Gegen diese Aeuderungen wendet sich mit lebhafter Entrüstung Herr Professor Lev in (in einer so heftigen und aggressiven Weise, daß wir nur um unseres unabänderlichen Prinzips willen,Perjönlichkeiten nicht anzugreifen, auch über diese „Tonart" uns Stillschweigen auferlegen). Herr Prof. L. spricht überhaupt dem Vorstand wie dem Laienthun, das Recht ab, in Angelegenheiten des Kultus Aeuderungen vorzunehmen. Er ist empört darüber, daß die Kommission die Haftara der beiden Feste für den Jugendgottesdienst zu ändern gewagt habe. (Die eine für den ersten Neujahrstag (1. B. M. K. 21) erzählt bekanntlich die Geschichte der Sara und der Hagar, die andere für den Nachmittag des Versöhnungstages (3. B. M K. 18) handelt von den Ehegesetzen, speziell von der Blutschande!) Redner bittet um Ablehnung der Vorlage. Herr Dr. Blumenthal bittet um nochmalige Prüfung der Vorlage im Ausschuß, bei noch über manche Einzelheiten keine Klarheit geschaffen sei. Herr Justizrath Meyer erwiedert in kräftiger und entschiedener Weise, ohne auf alle Provokationen und Anspielungen einzugehen und rein sachlich; er bittet um Annahme der Vorlage, damit schon in diesem Jahre wenigstens ein Probeversuch gemacht werden könne. Mit Entschiedenheit nimmt Redner auf Grund der statutarischen Bestimmungen für die Gemeindebehörden das Recht in Anspruch, auch in Kultusangelegenheilen nach Anhörung des Rabbinats Entscheidungen zu treffen. Herr Leonhard Sachs hält gleichfalls eine nochmalige Prüfung der Vorlage im Ausschuß für nothwendig. Herr Direktor Herrmann bittet, mit dem Gutachten des Rabbinats sich zu beruhigen und die Vorlage anzunehmen. Herr Justizrath Tiktin vermißt'gleichfalls eine eingehende Begründung, kann sich aber die Motive des Prof. Levin nicht zu eigen machen. Gerade das sei der Vorzug im Judenthum, daß das Läienthum zu entscheiden habe und nicht der „Klerus". Herr Fränkel bittet, die Agende in Druck zu geben, und erst dann, wenn sie jedem Mitglied zugänglich geworden sei, in einer Sitzung am nächsten Sonntag darüber zu entscheiden. Herr Professor Levin verlangt nochmals in nicht minder heftiger Rede vom Vorstand größeres Entgegenkommen der Majorität gegenüber. Man solle nicht rütteln an dem, was durch Ueberlieferung > heilig geworden sei, nicht im Wege der Verwaltung das Ueberkommene £ willkürlich ändern. Redner erklärt, daß auch das Gutachten des hiesigen 'j* Rabbinats ihm nicht immer maßgebend sei, er werde erst andere ' J Rabbiner befragen, ob diese Aenderungen gestattet seien! Die Vorlage sei ( eine Überrumpelung und dürfe keine Annahme finden. Der letzte Aus- J; druck wird vom Vorsitzenden, Herrn Landsberger, gerügt und der Redner zur Ordnung gerufen Während der Rede des Herrn Prof. Levin Ä wurden vielfach Stimmen des Unwillens in der Versammlung laut. jj Herr Justizrath Meyer wendet sich noch einmal in energischer Weise g'egen die Ausführungen des Vorredners. Er sei gern bereit, der Verü: sammlung entgegen zu kommen, werde, aber niemals der Partei nach-!, geben, die das, was in 30 Jahren mühsamer, ernster Arbeit errichtet 1 worden sei, abreißen wolle. Auch Herr I. E. Isaak tritt dem bei. " Von Seiten der nachfolgenden Redner, der Herren S. Leichtentritt, Tiktin, Blumenthal, Direktor Sachs, San-Rath Jastrowitz u. s. w , an die Prof. Levin als „an seine Freunde" appellirt hatte, wurde derselbe ' in ruhiger und würdiger Weise, aber auch ganz entschieden desavouirt; r sie. alle beklagten den scharfen persönlichen Ton, der in die Debatte hineingetragen worden sei. Nach dieser fast l*/3 Stunde dauernden ( Diskussion werden die Anträge auf Vertagung von Seiten der Herren jf Fränkel und Prof. Baginsky schließlich abgelehnt und die Vorlage der Kommission mit einer Majorität von 10 gegen 5 Stimmen angenom- -fi men. Die Vorlage betreffend die Baupläne für die Westsynagoge?! und das Honorar für die beaufsichtigenden Architekten werden der geheimen Sitzung überwiesen. Die Versammlung erklärt sich ferner fl einverstanden mit der vorläufig diätarischen Anstellung von 2 ständigen ' , Hilfsarbeitern bei der Gemeinde-Hauptkasse. Von der Tagesordnung abgesetzt wird die Vorlage betr. Verlängerung des Vertrages über.das \] Leichenfnhrwesen. Zu längerer Diskussion führt noch zum Schluß ein erneuter Antrag der Finanzkommission hinsichtlich eines Beitrages für das russisch-jüdische Krankenhaus in Memel. Dem Beschlüsse . j| der vorigen Sitzung, den vom Vorstande vorgeschlagenen Beitrag von j 50 Mark auf 100 Mark zu erhöhen, ist der Vorstand nicht beigetreten. H Namens der Kommission trat nunmehr Herr Louis Sachs in warmen I , Worten dafür ein, daß die Versammlung die Angelegenheit nochmals 11 oem Vorstande zur Erwägung anheimstelle, Justizrath Tiktin * beantragt, von dem Vorstande eine höhere Subvention zu verlangen. Herr Justizrath Meyer erklärt Namens des Vorstandes, daß derselbe in dieser Frage auf seinem früheren prinzipiellen Standpunkte verharren i I müsse. Der Antrag Tiktin wird schließlich angenommen. Nach Kennt- |! nißnahme der Rechnungs-Abschlüsse einiger Spezial-Verwaltungen schließt die öffentliche Sitzung. Der Eindruck derselben war für den unbefangenen Beobachter kein günstiger. „Die schärfere Tonart" drückt das - : Niveau der Repräsentantensitzung auf das der gewöhnlichen politischen ■ Volksversammlungen hinab. Demgegenüber nimmt sich der Wunsch nach -. stenographischen Protokollen mindestens seltsam aus. Für-die liberale Hl Partei in der Gemeinde gäbe es freilich kein wirksameres Agitations-?! mittel, als wenn sie alle bisherigen Reden des. Herrn Prof. Levin drucken j s Und in den weitesten Kreisen verbreiten ließe. Wer übrigens die histoi rische Entwickelung der Thora-Vorlesungen kennt, wird jene fromme jj j Aufregung kaum begreifen. Am Ende haben doch auch die Alten nur die für Zeit, Ort und Verhältnisse besonders paffenden Stücke aus i den Propheten gewählt. Manchmal paßt's ja allerdings ganz merk- { würdig, und die aufmerksame Lektüre des Thora-Abschnitts, der an * diesem Sabbath verlesen wird, könnte z. B. unfern Lesern über Vieles -; ausreichende Aufklärung geben. f Ä,! LL Berlin, 8. Juni. Der Ausschuß des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in Berlin 11 hielt gestern im Leipziger Garten die statutenmäßige Sitzung betreffs -, der Vorstands mahlen ab. Nach kurzer Debatte wurden die bisherigen * { 'Vorstandsmitglieder wiedergewählt und für die wegen Ueberbürdung

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