Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- Seite 287 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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287 Auf diese Anrede neigte der Fremdling das Haupt, reichte dem Lempeldiener schweigend die Hand, und sie traten hinaus, und Rabbi Wolf führte seinen Gast durch die stillen Straßen, in denen es so ruhig und friedlich war von der Feier des Sabbaths und so hell von den tausend Flämmchen der Sabbathlampeu?die aus den verhängten Fenstern hinausleuchteten in die Stille der Freitagnacht, und in denen die Mädchen auf und abgingen und die Kinder der heimkehrenden Väter harrten, um gesegnet zu werden. In frommer Sitte grüßte Rabbi Wolf die Hausfrauen, die vor den Thüren standen, indeß sein Gast mit fragenden Mienen die alten verfallenden Häuser betrachtete und dann die neugebauten, als silche er irgend eines und könne es nicht finden. (Fortsetzung folgt.) 'v$<r Ein siebzigster Geburtstag. Von Dr. Georg Minden. jßht dem goldschimmernden Saale des geselligen Vereins der pö/ Gesellschaft der Freunde zu Berlin, Potsdamerstraße 9, der schon so manches Prunkmahl gesehen, wurde am Sonnabend den 30. Mai, Abends 8V2 Uhr, ein Fest von ganz eigenthümlichem Reize gefeiert: ein Herrensouper mit einigen Damen; ein Subskriptiousball ohne Tanz; ein Wohlthätigkeitskonzert ohne Orchester und ohne Sängerin — eine Vereinigung von fast 100 Personen, die mit wenigen Ausnahmen das Schwaben-Alter überschritten hatten und sich mit der Einladung doch so freuten wie ein Schulkind, das ztnn ersten Male bei einem Klassenkameraden zur Geburtstagschokolade „gebeten" ist. Fast ausschließlich Ehemänner, die ihre schöneren Hälften, und Gattinnen, die ihre Herren zu Hause gelassen hatten — zu Hause lassen mußten! Ist dies etwa ein Karnevalsfest? Ist es die „verkehrte Welt", wie sie schon vor Moses Zeiten auf ägyptischen Wandbildern gemalt worden ist? Rein: Es ist der siebzigste Geburtstag Moritz Mauheimers, des großen Menschenfreundes und unerschöpflichen Wohlthäters, — nicht einmal der Geburtstag selbst. Denn der bescheidene Mann hatte sich zum 1. Mai aus Berlin „gedrückt", und als die Hexen, von denen — wie ich genau weiß — einige mehr oder weiniger reizende Exemplare auch in Berlin W. wohnen, nach durchschwärmter Walpurgisnacht auf ihren Taxameter-Besenstielen vom Blocksberg heimritten, sahen sie im Fluge, daß die Parterrewohnung der Thiergartenstraße 5a verriegelt und verschlossen, verhangen und eingemottet war?) Der Jubilar selbst aber weilte mit seiner sorgsamen Gattin, Frau Bertha geb. Lehweß, nur von wenigen Verwandten und Freunden umgeben, in Baden - Baden. Dieser kleine Kreis hatte alle Hände voll zu thun, um Glückwunschschreiben und Telegramme mit der peinlichsten Ordnungsliebe zu sichten, zu ordnen und auf das Prompteste zu beantworten. Aber daß.Moritz Mauheimer 70.Jahre alt werden sollte, ohne auf .feierliche Weise angesnngen, angesprochen, ungegessen und angetrunken 31t werden, war doch undenkbar, und so mußte Herrmanu Landsberger das ovationsscheue Wild stellen. Gewiß keine leichte Aufgabe! Erst vor IV2 Jahren war derselbe Jägersnmnn beauftragt gewesen, zu ähnlichem Zwecke denselben Edelhirsch anzuschleicheu; als seine Auftraggeber ungeduldig forschten: „Nun, haben Sie ihn gesprochen? Wann erwartet er uns, um die Adresse entgegenzunehmen?", da berichtete er uns: „Ja, gesprochen habe ich ihn; ich traf ihn y Vielleicht von Frau Mauheimer höchsteigenhändig. scholl unterwegs, als ich zu ihm wollte. Er lief mit jugendlicher Frische der Pferdebahn nach,'um zu irgend einer Sitzung zu fahren. Als ich ihn allhielt und ihln leise audeutete, um was es sich handelte, da rief er mir zu: „„Ach, inachen Sie doch keine Geschichten!"" Und verschwmlden war er!" Aber' trotzdem gelallg unser Vorhaben damals. Und so ist es auch diesmal gelungen. Moritz willigte ein, und nach feiner Rückkehr setzte sich die Feier iit Bewegung. Das ans Herrmailn Landsberger, Albert Philipp Meyer, Geheilurath Dr. Marcuse, H. Heilmann bestehende Festkomitee hat seine Sache trefflich verstandell. Es war nicht ganz leicht, die richtige Form zu findell, um Denjenigen, der so Viele gespeist hat, alich eiu- >ual dlirch Andere speisen zu lassen. Hätte mau eine nllbegrenzte Subskription eröffnet, so wäre die Mellge der Theiluehmer unübersehbar geworden. Noch gestern machte mir ein Herr — und zwar ein rein arischer Freund — liebenswürdig-heftige Vorwürfe, daß ich, der ich doch nicht einmal Komithäter bin, nicht seine Zuziehulig veraillaßt hatte! Das Arrangement aber war folgendes. Als Eillkadende fuilgirten die Mitglieder der hauptsächlichsten Kollegien und Kuratorien, benett der Jubilar angehört: die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde zu Berlin, die Verwaltungskörper der Alter-Versorguilgs-Anstalt, des Kranken- und Siechenhauses, die Vorstände der Magine Renn uild Gesellschaft der Freunde, sowie des Handwerker-Uiiterstützungs- Vereins. Als Ehrengäste waren außer bem Jubelpaar und einigen Mitgliedern der Fauiilie erschienen' der Vorstand der jüdischen Gemeinde, das Rabbinat, die Aerzte der Alter-Versorgungs-Anstalt. endlich eine Deputation ans Gommern, Provinz Sachsen, wo nach deill heut erschienenen statistischen Jahrbuch des deutsch-israelitischen Gemeindebnndes 16 jüdische Seelen wohnen. Diese Deputation bestand aus dem Bürgermeister und zwei Stadtverordneten, darunter deren Vorsteher. Gommern ist die Geburtsstadt Mauheimers und hat denselben schon vor längerer Zeit znni Ehrenbürger gemacht. Wie oben angedeutet, waren die Gattinnen der Gastgeber und Ehrengäste nicht mit aufgefordert worden; auch die Ehrendamen der oben angeführten Wohlthätigkeits-Anstalten waren nur allein geladen So kam es, daß sich nur wenige Ehepaare an der Festtafel befanden, während eine Anzahl von Damen „auf hohem Balkone in schönem Kranze" (den sie aber nicht auf dem „behüteten" Kopfe hatten) zuschauen und zuhöreu durften. Nachdem man sich im Vorsaal guten Tag gesagt und an der gedeckten Tafel Platz genommen, wurde das Jubelpaar in den Saal geführt, begrüßt von dem vorzüglichen Gesänge eines Doppel-Quartetts unter William Wolfs's Leitung. Vor der Quertafel des Hufeisens stand ein Tisch mit den Ehrengaben, die überreicht werden sollten. Eine größere Anzahl von Geschenken und Adressen war schon vorher in der Behausung des Jubilars dargebracht worden, darunter auch diejenige des Berliner Gemeinde-Vorstands und der Gommerner (oder heißt es Gommeraner?) Deputation. : Als Ceremonienmeister klopfte Albert Philipp Meyer auf den Tisch, und H. Landsberger trat als Sprecher der Repräsentanten vor. Er verlas nach einleitenden Worten die mit einem prachtvollen Deckel aus Onyx gezierte Adresse. Es folgte Sanitätsrath Wiesenthal Namens der beiden Altec-Versorgungs-Anstalten. Eine silberne - Platte, auf der beide Gebäude eiugravirt waren, war. die Festgabe derselben. Stadtverordneter Lollis Sachs übergab für das Krankenhaus einen mächtigen silbernen Pokal. Dann folgte für Magine Reim Ihr Berichterstatter mit einem, das Wappen und die Devise der Gesellschaft zeigenden fi(6erneu Schreibzeug. Zum Schluß kam