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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-06-12 · Heft 24 (12.6.1896) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 24 (12.6.1896)
Date
1896-06-12
Page
Seite 286 (sequence 10)
Language
German
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zu. machen, und mit Niemandem spreche außer mit Ensel, dem Diener Rabbi Cheskels, und mit Niemandem verkehre, außer, mit den Sterberegistern und mit den Grabsteinen. Da ging die Thür auf, und Ensel trat herein und setzte sich schweigend neben mich hin ans Fenster auf den andern Sessel und ruckte den geschnittenen Hut tiefer in die Stirn. Und als der Mond aufging und ihm gerade ins Antlitz schien, da sah ich, daß er ernster war denn sonst und auch hinübersah nach dem Häuschen des alten Mannes und nach den Fenstern, aus denen der sonderbare Lichtschein kam, und nach dem Fliedergebüsche, das sie verdeckte, lind ich fragte ihn : Wißt Ihr nicht, Ensel, warum der alte Manu da drüben heute nicht in den Friedhof herausgekommen und was der Lichtschein in den Fenstern seines Häuschens zu bedellten hat? Jüngelchen, das Eine weiß ich nicht, antwortete Ensel. Aber woher-der Lichtschein kommt, das .will ich Dir sagen. Nach dem. Abendgebet wollte ich hinüberschauen zu dem Alten, als ich aber an die Thür kam und anpochte, da wlirde inir nicht aufgethan; und als ich wohl zehnmal vergeblich gepocht und die Klinke gezogen, da legte ich endlich mein Auge ans Schlüsselloch unb sah hindurch. Da sah ich denn, wie der Alte sich sein weißes Sterbegewand anzog. und das weiße Käppchen alifsetzte, den hohen Lehnstuhl hinrückte vor's Fenster, Wachskerzen anzündete und sie um denselben hernmstellte mib dann ein Blich nahm lind sich hinsetzte in den Sessel und anfing zu beten. Das Buch erkannte ich geilau, denil ich habe es wohl hundertmal von ihm geliehen, wenn sie Einen begruben, oder weml ich zu Einem gerufen wurde, der sterben wollte. Es war der Maabir Jabots. Der Schein, beit Du nun siehst, ist der Schein der angezündeteu Kerzen. Uild was meint Ihr, Rabbi Ensel, daß das wohl zu bedeuten habe? fragte ich weiter. Morgen ist der nelinte Ab^), und den Tag begeht der Alte immer auf seine eigene Weise. Schon vor einigen Jahren sagte er mir, es werde ein neunter Ab kommen, den er besonders feierlich und mit nie gesehener Trauerfestlichkeit begehen werde. Vielleicht ist's der inorgige, den der Alte längst erwartet. Und ist denn Alles wahr, was man von ihm erzählt? Manches ist wahr, Manches ersonnen. Denn die des Alten Schicksal und Geschichte kannten, die liegen längst drüben, und was bekannt geblieben, das sind nur Meinungen lind Auslegungen von dem, was man täglich an ihm bemerken kann. Die eigentliche und wahrhaftige Geschichte des alten Mannes aber, die weiß außer mir hier keine lebendige Seele auf Erden, und daß sie nicht in ewige Vergessenheit gerathe, wenn sie auch mich einst begraben, will ich Dir sie erzählen. . Hierauf rückte Ensel seinen Stuhl zrirecht, sah noch einmal nach dem Lichtscheine hinüber unb begann: Das Häuschen, in welchem der alte Mann wohnt, war vor alten Zeiteil das Leichenhaus des vormaligen Friedhofes, darin die Todten gewaschen wurden und eingekleidet und eingesegnet, ehe man sie begrub. Nachdem die letzte Leiche in diesem Friedhofe begraben und der Gemeinde außerhalb der Stadt ein neuer angewiesen worden, nahm es der Alte in Besitz und wohnt darin seit jener Zeit, zuriickgezogen von aller Welt, schweigsam und einsam, wie Du es selbst weißt. Als er es bezog, da war ich ein Knabe von etwa zehn Jahren, und der alte Mann, ehemals Tempeldiener in der U „Uebergang über den Strom Jabot," so heißt das Buch, welches die Sterbe- und Begräbnißgebete der Juden enthält. 2) Gedächtnißtag der Zerstörung Jerusalems. Altueuschllle, mochte es gerne leiden, daß ich zil ihm kam in senli traurige Stube, in welcher noch die Bretter und die Tonnen umherstanden, deren man sich zum Waschen der Leichen bedient hatte, und die Bahren und die Grabscheite und andere dergleichen Geräthe mehr. Ich war ihm in Manchem dienlich, brachte ihm z. B. die milden Gaben, die ihm die Reichen zuwandten, frisches Obst und manches Andere, was die unheimliche Stätte der Todten wohnlicher machen konnte. Dafür hörte ich voll seinem Munde manche seltene Geschichte längst vergessener - Zeiten und von längst verschollenen Leuten, darunter auch sein eigenes wuildersames Loos. Es war nämlich einmal des Freitags Abends vor jenem Sabbath, der dem neunten Ab vorangeht und den man in Vorbereitung zur Trauer um Zions Fall und Jerusalems Verwüstung zu begehen pflegt. In der Altneuschule sang der Vorbeter den Segen über den Wein, und der Gottesdienst war zu Ende, und die Leute gingen aus der Synagoge, um auch in ihren Wohnungeil und im Kreise der Ihrigen den Sabbath zu verkünden, der eben angegangen war. Zu beiden Seiten des Ausganges, auf den Stufen der Vorhalle, die aus der Tiefe des Gotteshauses zur freien Straße hinausführen, standen zahlreiche Orchim*) und harrten der Hausväter, bei beneu sie für den Sabbath zu Gaste angenommen waren, sowie die, die erst spät des Abends vor Sabbatheingang in die Stadt gekommen, in Bekümmerniß warteten, ob sich nicht einer der Herauskominenden ihrer annehmen und sie an seinen Tisch laden würde. Die bereits versorgt waren, boten ihren Wirthen in Demuth den Sabbathgruß und gingen mit ihnen. Auch die Spätgekommenen blieben nicht stehen. Gastfreundliche Männer nahmen sich ihrer an unb hießen sie in Gottes Nanien milgehen. Alls der untersten der Stufen aber stand ein Orach, dessen sich Niemand annahm, und dem Niemand von Allen, die da herausgingen, die Hand zuin Gruße reichte, denn er stand seitwärts von den Andern, und seine Äugelt schweiften nicht mitleidsüchtig umher, und sein Wort drängte sich Niemandent auf in schmeichelnder Allrede; den aber Alle bemerkt hatten, denn sein Aussehen war ein ungewöhnliches und seltsames, wie er da stand auf der untersten der Stufen in zerschlissenem grauen Gewände, an seinen Stab gestützt, dessen Laub noch frisch uild grün war, als wäre er eben heute vom Baume gebrochen, und wie ihm der schneeweiße Bart bis zu dem Gürtel herabfiel und unter dem breiten, staubbedeckten Hute von beiden Schläfen die schneeweißen Locken bis zu ben Knien herabhingen, und wie er mit regungsloser Miene dem Innern der Schule zugewandt die funkelnden Blicke an das schwarze Gemäuer heftete, und wie ihm eine glänzende Thräne in den Wimpern hing, als denke er längstvergangener Tage. Als endlich die ganze Gemeinde fort war, machte Rabbi Wolf, der Tempeldiener und mm der Bewohner des alten Leichenhauses drüben, noch einmal die Runde dllrch das Gotteshaus, um nachzusehen,ob sich nicht Jemand in der Andacht des Gebetes verspätet, und trat dann in die Vorhalle, und sah sich auch in ihr um, eh' er sie verschloß. Da bemerkte er den seltsamen Fremdling. — Was säumt Ihr hier, wenn alles fortgegangen? redete er ihn an. Habt Ihr vielleicht Euer Sabbathgebet noch zu verrichten? So will ich warten, bis Ihr es verrichtet. Oder seit Ihr ein Orach, der keinen Gastherrn gefunden? Seid dann in Gottes Namen willkommen und geht mit mir. Ich bin zwar nur ein armer Mann und Hab' weder Weib noch Kind, doch denkt,, daß auch Abraham die Engel blos unter einem Baume bewirthet, und kommt mit. l) Gäste, arme Fremdlinge.

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