Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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285 Behörden könnte sonst leicht Zögerungen veranlassen, und leicht, erlangst Du dies dann, dies würden wir dann schon noch ausführlicher besprechen. Dein Aufenthalt in Paris ist für diese Sache nicht mit Gold zu bezahlen, denn die französische Sprache zieht ja die Leute an wie ein frischer Butterweck. Ach, ich freue mich schon kindisch darauf, und inich ärgert nur, daß Du Dich in zu viele Dinge eingelassen, um ganz Dich diesem Plane hinzugeben; dann wollen wir schon zusammen Arbeiten liefern, und nicht blos Arbeiten liefern, sondern Praktisches ausführen und auregen, das von nicht geringer Bedeutung fein mag. Es sind für Preußen so ein Paar Kerls, wie wir sind, nöthig und einflußreich, und es müßte mit seltsamen Dingen zugehen, wenn' wir eine Stadt nicht ganz umwenden können sollten. Schreiber/) den ich Dir schon einige Male wohl genannt habe, sagte, als ich ihm den größten Theil Deines Briefes mittheilte. wie. ich dies gewöhnlich thue: den sollten wir hier haben, und Schreiber ist ein vortrefflicher Mensch, ans dem man ungeheuer viel machen kann. Er ist fähig, für eine Idee und eine Person, die ihm eine Idee verkörpert darstellt, Tausende hinzugeben, und das ist auch keine Kleinigkeit. Also schnüre Dein Bündel zu Ostern, packe, da hinein Manuskripte, soviel wie möglich, notire Dir Manuskripte und bestelle Abschreiber, bereite Dich aber auch im Lateinischen, Mathematik, Physik und Geschichte tüchtig vor, reise hierher, wo wir Alles mündlich gehörig besprechen, die etwa hier nöthigen Schritte persönlich abmachen, dann reisest Du nach Berlin, wirst Staatsbürger, machst das Oberlehrer-Examen, oder besser, machst dieses hier, kommst ein um die Erlaubniß zu einer Privatanstalt, wo man hier Vieles dafür leisten kann, uub betreibst die Sache in Berlin persönlich. In einem halben Jahre ist sicherlich die Sache abgemacht, und dann frisch ans Werk! Sollten Deine Fonds nicht ansreichen, so hat dies keine Noth, denn Du kannst schon geborgt bekonnnen, und fürs Wiederbezahleu brauchst Du bei dieser sicheren Spekulation keine Sorge zu tragen. Im Jahre 1842 leben wir dann hübsch zusammen, ich zu Dreien, Du bald zu Zweien, und geben einander Thees und Soupers, das Leben hier ist gar nicht übel. Nebenbei — das hätte ich fast vergessen — errichten wir auch eine jüdisch-theologische Fakultät, und das ist gar keine eitle Phantasie gerade, die ich Dir da so hinwerfe. Nicht wahr, Du thust es? Laß mich Dich küssen, Alterle. Was wir für Biographien schreiben wollen! Mein liebes Breslau! Es verdient, gehörig zngestutzt zu werden, und — sub rosa sei es gesagt — es hat's auch noch tüchtig nöthig. Im Grunde bin ich hier zu isolirt; die Gemeinde ist zu groß und hat zu Viele, die früher das Eine und das Andere au sich genommen, als daß ich Alles thnn könnte, und diesen Führern sich anschließen bringt keine Frucht, schon wegen des Mißtrauens, welches diese haben, ihre Autorität einzubüßen, obgleich ich mit allen freundschaftlich lebe. Aber wir Zwei werden uns schon ordentlich herausbeißen! Nun vorläufig genug davon. Wie ich mit Sehnsucht Deiner Antwort hierauf entgegeuharre, kannst Du Dir denken; heute muß ich schließen, um noch manches zu besorgen, morgen geht der Brief in die weite Welt hinein. Ach, bleibe diesmal ja pedantisch, das paßt auch so gut für 'neu Schulmeister, Du siehst, daß Du auch mich zum ordentlichen Menschen machst und meine Antwort hübsch rasch kommt; das würdest Du auch in anderen Dingen schon bewirken können durch persönliches Zusammensein. Gute Nacht, Liebster, ans Wiedersehen um Ostern! r) Moritz Schreiber, einer der angesehensten Männer der Breslauer Gemeinde, der auch (vergl. Geigers Leben) sonst mpter den thatkräftigen und verständnißvollen Förderern von Geigers Plänen genannt wird. Er wurde, nicht ohne Geigers Zuthun, der Schwiegervater von Berthold Auerbach. «-1 I—'I 1-:--—-:---1 -1 II- IlMMMIM > l * l FEUILLETON | l I P| H—:---as*-1 1—1!i—-. Jüdische Märchen. Der seltsame Orach. Zwar eines Abends, Rabbi Cheskel, bei dem ich zur Talmudschule ging, schlug den großen Folianten zu und sprach: Kinder, betet Euer Abendgebet, daun mögt Ihr nach Hause gehn! Und müde des langen Sitzens auf den harten Bänken der Schulstube, schlugen wir die abgegriffenen Bücher zu, nahmen jeder unser Gebetbuch zur Hand und stellten uns hin, mit dem Antlitz gegen die Thür gewandt, über welcher die große Tafel mit den zwei goldenen Löwen hing, die in ihren Tatzen das blaugemalte Schild Davids hielten, darin geschrieben stand: Osten! von dieser Seite weht der Odem Gottes! und der älteste Knabe betete laut vor. und wir beteten still mit, und die Abendröthe warf ihre rotheu Scheine auf unsere Büchlein. Als wir zu Ende gebetet hatten, ging Rabbi Cheskel -in seine Stube, die Knaben rafften ihre Schultaschen und ihre Rechentäfelchen zusammen und stürzten lärmend zur Thür hinaus und polterten die Stiege hinunter und jagten einander durch das schmale Fricdhofgäßchen hin in glücklicher Ungezogenheit. Ich aber blieb allein zurück und trat ans Fenster uub sah ihnen nach, bis daß sie um die Ecke verschwände::, und ließ dann meine Blicke nach dem alten Friedhofe hinüberirren und nach den lvirren Fliederbüschen und nach den langen Reihen beinooster Leichensteine und Leichenhüuschen, die da in wirrer Unordnung untereinander standen seit undenkliche!! Zeiten. Rar Eines suchte mein Auge heute vergebens: den alten Mann mit dem silberlveißen Barte und dem dreieckigen Hute, mit dem verblichenen grauen Kittel und dein hohen spanischen Rohre, mit den schwarzseideneu Strümpfen und den Schuhen mit Silberschnallen, der oft bis in die sinkende Nacht vor der Thür des alten zerfallenden Häuschens am Friedhofseingauge zu sitzen pflegte, worin er wohnte, wenn er nicht eben zwischen den Grabsteinen umherwandelte und von den Inschriften das Moos ablas oder sie mit schwarzem Firniß anfrischte. Der alte Mann war mir inuner vorgekonnneu wie die verkörperte Seele des Friedhofs, unsterblich wie die Ewigkeit, unwandelbar wie der Friede. Und zwiefach todt schien mir heute die Stätte der Todteu, da er sie nicht belebte. Aus den fliederumwachsenen Fenstern des Häuschens ging dafür ein seltsamer Schimmer von brennenden Kerzen aus und rang mit dem Roth des Abends, fast wie ein zu Ende flackerndes Leben mit dem Erwachen im Jenseits. Ich schloß daraus, daß sich der alte Mann heute in seiner Stube gehalten habe, vieüeicht vertieft in die Todtenregister von Jahrhunderten, die er zu durchblättern liebte, um sich den Sterbetag des Einen oder Andern in Erinnerung zu rufen. Mittlerweile war es dunkel geworden, und ich setzte mich an: Fenster nieder, unter dem schwarzen Bücherkasten, und sah hinein in die abendliche Dunkelheit der düstern Stube und dachte weiter an den seltsamen alten Mann vom alten Friedhof und an all' das Wunderbare, das man von ihm erzählte, und wie er seit fünfzig Jahren in seinen! sinkenden Häuschen in weltvergessener Einsamkeit lebe und es nie verlasse, außer uin einen Gang über den Friedhof