Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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283 zuhcmchen ist; das einzig Lebendige ist der Schutt, und der soll weggeräumt werden, und die geschichtliche Zähigkeit, und die reibt sich von selbst immer mehr ob, aber eine lebendige innerliche Fortbewegung, und zwar eine genügendere, ist nicht vorhanden, und so wird, je mehr die Zeit voronschreitet, dos Judeuthum, wie es sanktionirt ist, immer mehr antiquirt oussehen. Do erscheint von dem D. Heß, dem Rabbiner in St. Lengsfeld, ein Blatt: „Der Israelit des 19. Jahrhunderts", das zwar mit großer Entschiedenheit, aber mit eben so vieler Seichtheit den Rabbinismus gänzlich verwirft, aber, lieber Himmel, wo ist die Idee, die, sei es Welt- oder Judenheit bewegende, um dessen-Umsturz im Leben der Art herbeizuführen, daß nicht ein krankhaftes Hinsiechen und Auflösung nachfolgt, sondern ein freudiges, gesundes Aufblühen. Oder wohlan der Mann, der doch nicht blos Theoretiker, sondern Praktischer Rabbiner ist, der trete doch nun auf und schaffe die schoehtim ab, laste die mikwes zuwerfen und dergleichen, was wird da für Geschrei sein, nicht blos bei seinen Pfarrkindern — das Volk habe ich kennen gelernt, ein schmutziges Dorfpublikum—sondern auch bei den ©ebilbeten, die sich selbst darüber hinwegsetzen, aber in diesen Negationen nicht das Positive erkennen, jenen wahrhaft imponirenden, gewaltigen Geist der Wahrheit. Und was nützen nun alle jene Duodez- Reformen in Synagogengesang, in „Nikur“1) des Hinterviertels — das in Württemberg eingeführt worden — und dergleichen mehr? Was nützt ein Religionsunterricht, der da lehrt, was der Lehrer nicht glaubt und der Schüler nicht glauben soll, lind der blos verschweigt, was bekämpft zu werden verdient? Ich nmß gestehen, ich verzweifle manchmal ganz an der Stellung dieses Wesens. Unsere weltgeschichtliche Bedeutung ist vorüber, wir kriechen nach; wer aber nicht mehr das Weltbewegende ist, der hat alles Recht verloren zum Dasein, und dieses Recht macht sich nach und nach im Leben immer mehr geltend in seiner auflösenden Gewalt, selbst ohne daß von außen ihm Mittel dazu geliehen werden, was aber auch nothwendig geschieht. Deshalb entschwindet mir auch das einzige Rettungsmittel des Schisma, und so sehe ich blos ein Hinschleichen, das vom Herzen der Bildung nach den Extremitäten hingeht, immer mehr nach Osten zu, umgekehrt wie bei dem thierischen Leben. Allerdings reagirt die Natur auch wieder gegen die Auflösung, und so zeigt sich denn ein Aufschwung, ein Kraftaufgebot — und Du wirst es mir nicht übel nehmen, wenn ich mich 'auch als Produkt eines solchen betrachte — aber das sinkt dann wieder zusammen und hinterläßt für die Gesammtheit noch größere Zerrüttung. Was ist das Erbtheil der Mendelssohnschen Periode für das Judenthum? Für den Einzelnen höchst vortrefflich in ihren Folgen, hat sie das Ganze erschüttert, ohne ihm ein Neues, Gesundes zu geben. Was ist das Resultat der Tempelinstitutionen? Gute und schlechte Predigten, von denen jene die Einzelnen erbauen, auch vieles Reden voll und über Judenthum veranlassen, aber deinroch sich gewissermaßen an alles, es verschönernd, anklammern, ohne die religiöse Gesammtanschauung unb die daraus herfließende religiöse Praxis als sanktionirt umzugestalten. Das Ergebniß des auflebenden Interesses in Zeitschriften, Zeitungen und Annalen, nun das ist gar ein Schwebeln und eine Billigkeit und Friedlichkeit, die einen völlig verjagen kann. Ich sehe wohl überall Fortschritt, und ich habe meine Gedanken auch ziemlich klar dargelegt in meinen zwei Artikeln über „jüdische Zeiti) Porsche» des Hinterviertels; mikwes — Badestuben, schoclitim — Schächter. Für die meisten Leser bedarf es dieser Uebersetzung nicht, noch weniger eines Eingehens auf die Einrichtungen, die durch diese Worte angedeutet werden. schriften"^, aber das geht alles blos bis zu einem gewissen Punkte hin, über beu nicht hinaus geschritten werden kann, der aber gerade überschritten werden muß, wenn etwas Gediegenes erstehen soll. Ich weiß auch, daß der Blick auf andere Koilfessionen auch dort ein Aehnliches gewahren läßt; doch erstens ist ein Aehnliches noch nicht ein Gleiches. Der Protestantismus in deutscher Weise ist Herrscher der Position, das läßt sich ihm nicht abstreiten, er erzeugt die Wissenschaft, er weiß sich immer in sie zll schicken, sich mit ihr zu modifiziren. Die gebildete Menschheit muß und weiß sich zu helfen, sie wird ein Neues gebären, sie hat die Kraft dazu, während wir dastehen inüsten und warteli. Das freilich ist dann wieder das Tröstende, daß von verschiedenen Seiten aus für jene neue Epoche gewirkt lverden müßte, dieses dunkle Bewußtsein hält auch die Jllden zusammeil, daß sie nicht für ein anderes Bestehendes, sondern für ein Werdendes lind Zukünftiges, das freilich nicht blos sie allein angeht, zu wirken haben. Unsere Zeit geht schwer zu Geburt mit der Umgestaltung ihrer sämmtlichen Verhältnisie, die auch im sozialen Leben vor sich geht,,und es wird nicht ohne manche Zertrümmerung vor sich gehen, die Kurzsichtige einen hervorbrechenden Vandalismus nennen; aber das muß so kommen. Deshalb blicke ich gerne auf Frankreich, das zwar nicht recht weiß, was es will, aber die Unbehaglichkeit und das Bedürftliß des Anderswerdens fühlt, und deshalb sehe ich mit gespannter Erwartung immer auf die Ereignisse, die einen solchen Ausbruch verkünden. Die Vorfallenheiten in den verschiedenen Branchen stehen mir auf gleicher Linie. Mir ist Thiers ein neuer Rabbiner, den die dynastische Linke, die ruhigen Aufgeklärteil, kaute cte mieux unterstützen, der aber an seiner Halbheit fällt; ihm folgt Guizot, ein Rabbiner, der sich zwar den Bart geschoren, reines Deutsch spricht und mit den Aufgeklärten akkordirt, aber sie dennoch verwünschte, wenn er fanatisch genug wäre, woran es ihm aber auch fehlt; vielleicht folgt ihm ein echter Fanatiker, freilich mit glatten Mienen, vielleicht ein noch prononzirterer Aufgeklärter, aber die Geduld muß beim doch bei allen Halbheiten reißen, und dann gehles drunter und drüber. — . Den 23. Danke Gott, daß ich gestern nicht aufgelegt war, fortzufahren, und heute nicht Lust habe, in demselben Tone fortzufahren. Blos noch über unsere preußischen Zustände will ich Dir etwas hinzufügen, ehe ich Deinen Brief vornehme. Der König ist höchst verständig und zeigt viel Wohlwollen, aber darum, fürchte ich, bleiben wir umsomehr auf halbem Wege stehen. Die Juden erhalten einige Brosamen der Milde, aber ob sie auch nun eine wesentliche Erweiterung ihrer Rechte erhalten, das muß abgewartet werden. Ob das religiöse Gehenlassen, ohne daß der Staat sich weiter darum bekümmere, mit Ausnahme wo Klagen Vorkommen, und man den früheren status quo aufrecht erhält, ob dieses aufhöre, muß sich auch noch erst zeigen. Jedoch stehen wir erst am Beginne seiner Regierung. Meine hiesige Stellung ist wohl wirksam genug, aber nicht zur Herbeiführung von Institutionen; das hat für mich Betrübendes, weil ich auch selbst mit mir nicht recht klar werde, was zu unternehmen ist. Ich halte jetzt Vorträge über Geschichte der Juden, wöchentlich ein Mal, welche ich die vorige Woche begonnen, denen aber ein so gemischtes Publikum beiwohnt, daß ich sowohl in Inhalt als Darstellung beschränkt bin. i) Die beiden Artikel über jüdische Zeitschriften in Geigers Zeitschrift Bd. 4, S. 286—292, 459—470. Der erste gab eine historische Ueberficht und behandelte hauptsächlich Rießer; der zweite war der eigenen Zeitschrift, der Philippsons und vielen anderen kürzer lebenden Zeitungen gewidmet. In Bd. V, S. 372—390, 446-477 folgte ein dritter und vierter Artikel; diese beiden stammen aber erst aus dem > Jahre 1844.