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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-06-12 · Heft 24 (12.6.1896) · p. Seite 282

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 24 (12.6.1896)
Date
1896-06-12
Page
Seite 282 (sequence 6)
Language
German
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Unterwerfung unter viele Anordnungen der Schule soll auch nach : dem Eintritt in die größeren Lebensgemeinschaften fortdauern, und ' die Selbstentäußerung soll zur Selbstverläugnung gegenüber unlauteren Neigungen erstarken. So legt der frühzeitige Gehorsam die Grundlage zur Sittlichkeit, unb seine Uebung wird zum Kerne ' der Willensbildung. Da der Gehorsam schon mit der Geburt be-; ginnen muß und bis zur Stunde des Todes dauern soll, so ist er während der ganzen Schulzeit in angemessener Weise zu Pflegen. ' Sein Wesen läßt Lessing kurz und treffend durch den Klosterbruder enthüllen, der gleichmüthig den Auftrag ausführt, gegen welchen sich doch sein gesundes Empfinden sträubt: Tempelherr:-Und da gehorcht ihr denn auch, ohne"' viel zu klügeln? Klosterbruder: Wär's.sonst gehorchen, lieber Herr? Tempelherr:-(Daß doch die Einfalt immer Recht behält!)1 Der Gehorsam des Kindes bleibt aber nicht ohne alle innere Begründung, denn er wird ihm durch seine Liebe zum Erzieher, die dieser durch freundliche Herablaffung zu erwerben weiß, und durch? die Ehrfurcht, die dessen Ueberlegenheit ihm einflößt, erleichtert.' Diese subjektive Verknüpfung des Zöglings mit seinen Pflichten soll sich aber bei der fortschreitenden Entwickelung seines Intellekts zum ' objektiven Wohlgefallen an ihnen umwandeln. Man versäume nur ja nicht, die interesselose Gefügigkeit des. Kindes auszunutzen. Es würde sonst, wenn es groß geworden, für; das, was gerade damals vernachlässigt worden, von seinen Erziehern : Rechenschaft fordern. Jean Paul sagt: „Wann könnte das Göttliche besser eiuwurzeln, als in der heiligen Zeit der Unschuld, und wann.. das, was ewig wirken soll, in der nämlichen, die nie vergißt?" Das - Kind werde daher gewöhnt, täglich zum himmlischen Vater zu beten, der es speist und versorgt und auf seinen Wandel achtet. Es lerne Liebe, Dank und Höflichkeit gegen die Freunde der Eltern sowie ' gegen Fremde und dazu die äußeren Formen, um diesen Gesinnungen Ausdrück zu geben. Es werde zur Geschwisterliebe lind zur Gerechtigkeit gegen die Gespielen, zum Wohlverhalten, zur Ordnung inrb Reinlichkeit angehalten. Vor schlechter Gesellschaft und verderbendem Beispiele durch Dienstboten und andere Hallsgenossen bewahre man es sorgsam. Doch hüte man sich, einen Gruild fiir<Jdiese Einschränkung oder irgend welche andere Bewahrung anzugeben. Denn die frühe Kindheit soll allein dazu angeleitet werden, sich den Mitgeschöpfen liebend anzuschließen, und darf daher die Mißstimmung ihrer Verhältnisse noch nicht erfahren. — So nimmt das Kind mechanisch Gewohnheiten an, die ihm fürs ganze Leben bleiben, ohne dabei den Mangel der persönlichen Freiheit zu empfinden. Wie diese vorbereitet und die Selbstthätigkeit angebahnt wird, ist uns durch Raummangel darzustellen versagt. Wenn sich im Knaben das eigene Streben kräftig zu regen und im Mädchen das eigene Empfinden reich zu entfalten begiimt, dann hat die Schulzucht den Unterricht, insbesondere den biblischen und den allgemeinen Geschichtsunterrichts zu Hilfe zu nehmen, um an der reichen Fülle ihrer Bilder das sittliche Gefühl „umherzuleiten" und zu üben und dadurch den Charakter zu „bestimmen". — Wir müssen uns hier darauf beschränken, kurz über die Begeisterung im ' Unterrichte abzuhandelu, die gegenwärtig von Laien fast allgemein und zuweilen selbst von Schulmännern weit überschätzt wird. Die Begeisterung ist bei außerordentlichen, feierlicheil Ereigniffen des., Schullebens ln.it religiösem, patriotischem oder allgemein Nleilschlichem.j Anlasse recht wohl am Platze, da sie diesen einen Nachdruck verschafft, - i) Herbart: Ueber die ästhetische Darstellung der Welt rc., Willmann J S. 288 u f. ein Brief an Herrn v. Steiger v. September (?) 1798, -' S. 55. - Allg. Päd. II. 6., I, S. 425 u. f. u. a. a. O. der die Erinnerung daran nie wieder schwinden läßt. Sie nimmt nänllich die vollste Aufmerksamkeit für ihren Gegenstand gefangen unb spannt sie bis zu einem so hohen Grade, daß unser Wesen bis in sein Innerstes erschüttert wird und die Erinnerung daran noch alle Faserll unseres Gemüthes nachzitterll macht. Dagegen müssen die unerschütterlichen Maximen und Gewohnheiten, welche die Angelpmlkte des Charakters bilden sollen, durch ein stilles, ruhiges Streben erworben und gesichert werden. Nicht anders ist es auch beim Erwachseneil, der bereits im Kampfe des Lebens steht. Zwar geht „der Strom der Zeit", welcher die mannigfachen.Schicksale heranträgt, mit wechselnder Gewalt an sein Inneres, aber hier löst der arbeitende Geist die äußere Unruhe in stille Harmonie auf und faßt die roh durcheinauderwogenden Seelenklänge zu welligen mächtigen Leitmotiven zusammen. — Ferner silld die Wirkungen der Begeisterung immer nur von kurzer Dauer und ganz besonders bei Kindern, bereit Vorstellungen doch noch unstät hin- und widerschwanken. (Sobald die durch irgend einen Affekt in einem Punkte des Bewußtseins gleichsam aufgethürmten Vorstellungen sich über die anderen erhoben und sie zeitweilig paralysirt haben, stemmen sich diese in rückwärtiger Bewegung gegeil sie unb treiben sie wieder bis zur Schwelle des gleichförmigen Bewußtseills zllrück. De.r Affekt büßt also in denl Maße an Dauerhaftigkeit ein, als er an Kraft gewinnt?) — Daruni könnte die Begeistemng bei der gewöhnlichen Erziehuugsweise nur zu bereit Schaden allgewendet werden. Würden die Erregungen der Begeisterung aber so gehäuft werden, daß sie auf die Charakterbildung Einfluß gewinnen, dann könnten sie im Manne nur Fanatismus, im Weibe Schwäriilerei entwickeln. Mall lese doch nur in diesem Sinne das Zwiegespräch zwischen Nathan und Necha mit Daja I, 2. — An Stelle der Begeisterung ist besser ein warmes und thatbereites Interesse^) zu erregen, wie es zuerst von Herbart beansprucht b) wurde, und seitdem von der gesammten Pädagogik' obwohl in beschränkterem Umfange, adoptirt ist. Die tut erziehenden Unterrichte aufkeimenden sittlichen Theorieen können im Verkehre mit Erzieher und Mitzögliligen auch schon praktisch angewelldet werden. Besonders des Ersteren natürliche Rückwirkungen auf die hervortreteilden Aeußerungerl des werdendeil Charakters helfen diese „regeln" lmd „bestiulinen", „uiiterstützell" lind „halten", und die linbewegte Bestimmtheit seines Sinnes befördert die bei allen Veränderungen sich gleichbleibende Beharrlichkeit des sittlichen Wolleiis, welche Herbart das „Gedächtniß des Willens" nennt. Doch müssen wir die näheren Ausführungell darüber aus Mangel an Raum znrückhalten. Abricham Geigers Briefe an I. Mrenbourg. (1833-42) Herausgegeben von Prof. Dr. Ludwig Geiger. XIX. Breslau, 22. November 1840. -Und nun im regen Vorwärtsschreiten des Judellthums, liebster FrelUld, ich bin wieder gewaltig mißmuthig darüber, und ich weiß ilicht, ob diesen geschichtlichen Trümmern ein nelies Leben ein- 1) Vgl. die Psychologie v. Professor Lindner, herausgegeben von Dr. Fröhlich. 2) Herbart, allg. Päd. II, 2: Begriff des Interesse. b) Dr. R. Staude in Rein s „Päd. Studien", Heft II, 3 — nach Ufer, Vorschule der Pädagogik Herbarts S. 47.

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