Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- Seite 281 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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r=7 - v Kchupucht. Von Mittelschullehrer Max Golde in Dresden. V. in Pragmatischer Rückblick ans die Geschichte der Schulzucht, welche dieser Essay in ihren Hauptphasen darzustellen versucht hat, läßt als das treibenbc Prinzip darin das Streben erkennen, die kindliche Persönlichkeit von dem Zwange der sie belastenden Arbeit und niederhaltenden Zucht zu befreien. Die Fehlgriffe mehrerer Epochen lassen sich auf ein Ueberspannen dieser Freiheitsbestrebungen zurückführen, und selbst heute, da die Zwecke der Schulzucht allgemein gebilligt sind, werden die dafür aufgewendeten Mittel noch oft genug versagt. Doch werden solche historischen Freiheitsbellemmungen in jeden» Zeitalter wiederkehren, weil das Verfahren der Jndividualerziehung selber einen unallsbleiblichen Widerstreit in sich schließt. Diese kann nämlich ihre segellsreiche Einwirkung auf das Kindesgemüth nicht ausüben, ohne zugleich dessen Frohsilln bisweilen zu hemmen oder zu trüben. Schon Herbart, der Nachfolger Kailts auf dem philosophischen Lehrstuhle zu Königsberg, forscht nach dem Rechte einer Kunst/) „welche das kindliche Gemüth in seinem Frieden stört, es an Zutrauen und Liebe bindet, um es nach Gefallen zu drücken unb zu reizen und in der Unruhe der späteren Jahre vor der Zeit herumzuwälzen," und Schleiermacher fragt/) wie die Erziehung es verantworten könne, eine Lebenszeit der andern anfzuopfern. — Da aber die Erziehulig eine sittliche Pflicht ist, die jeder Mensch ebenso den vergailgellen wie den kommenden Geschlechtern und auch dem werdenden selber schuldet, und der Zwang, welchen sie ausübt, auf psychologischen, also natürlich gegebeneil Verhältnissen, die nicht durch bequemere zu ersetzen sind, gegründet ist, so werden die Opfer, die sie von der Jugend fordert, durch die Sittlichkeit geweiht und erscheinen selbst als Sittlichkeit. Diese Erkeniltllis; nlacht uns fest gegen alle schwächlichen, philantropiilistischell EmPfiliduligen sowie im Dienste der erzieherischen Pflicht selber und streng in der Beurtheilling derer, welche diese zu umgehen sllchen. Eine besondere Bedeutung gewinllen die hart erscheinellden Maßnahmen der Schulzucht noch durch die allgemeinen moralischeil Verhältnisse der Gegenwart. Kaum je zeigte sich wohl der Zwiespalt zwischen moralischer Theorie und Praxis so weit verbreitet wie in unseren Tagen. Viele entwerfen in ihrem Geiste Idealbilder menschlichen Handellls, aber in der Unruhe des Lebens und in seinen mannigfachen Erregungen lassen sie sich von unlauteren Grüilden leiten und verleiten. Religion, Staatsgesetz, sogar die mächtige öffentliche Meinung kämpfen vergeblich an der Seite jener trefflichen Moraltheorien, um ihnen zum Siege zu verhelfen. Man giebt ihrem Drucke nur so lange als nothwendig nach und folgt, wofern er sich nicht einstellt, oder gar statt seiner irgend ein Vortheil winkt, den entgegengesetztell Neigungen. Auch bieten die Verhältnisse des gesellschaftlichen Lebens ebenso viele Gelegenheiten zu unsittlichem wie zu sittlichem Thun, und dabei wirken die ersteren noch weit mächtiger als die letzteren, da die Begierden reizbarer und ungestümer sind als das sittliche Wollen. Das Uebergewicht, welches diesem neben dem bloßen Moralisiren praktische Geltung verschaffen soll, kann also nicht durch äußere Einrichtungen erzeugt werden, sondern muß im Innern vorhanden sein. Die Seele muß in sich selbst die nothwendige Kraft entwickeln, um alle ihre Theile im Gleichgewichte zu erhalten, /) Allgem. Pädagogik rc. I. Buch, 2. Kap.: Eigentliche Erziehung; II. Buch, 4. Kap. I: Unterricht, als Ergänzung zc. 2) Professor Th. Waitz, allg. Pädagogik, § 11, S. 147. und dazu kann ihr nur eine voll und energisch einsetzende Schulzucht verhelfen. Für' uns Juden endlich wird diese auch noch durch die eigenthümliche Gestaltung des jüdischen Geisteselements bedingt. Dieses zeigt häufig eine abnorme Bildung des Selbstbewußtseins, nämlich einen gewissen Mangel an Selbstachtung und eine gewisse Achtung vor fremden Mängeln. . Das Fehlen von Autorität und Pietät vor der Größe des eigenen Stammes erzeugt Geringschätzung und Verkleinerungssucht auf der einen, Anmaßung und Selbstvergrößerung auf der andern Seite und gipfelt in der Neigung zu einer erbarmungslosen, zerfleischenden Kritik der eigenen Art. Das Liebäugeln mit dem Fremden auf vielen Gebieten trägt zur Verstärkung dieser gesinnungslosen Selbstverleugnung bei und äußert sich in der Ueberschätzung und dem Herauskehren äußerlicher, oft mrechter Vorzüge. Hin und wieder schlagen diese Fehler auch in Chauvinismus uub Fanatismus um. In dieser Verwilderung des Selbstbewußtseins ist die Ursache für einen großen Theil der mannigfachen Unarten zu suchen, ihre eigenen Ursachen können in der Leidensgeschichte der jüdischen Diaspora obenauf gefunden werden. Leider fließt ihr auch heute noch fortwährend neue Nahrung zu, und zwar durch die thatsächliche Ausnahmestellung des Juden in den meisten Zweigen des Erwerbs- und Gemeinschaftslebens, durch die Sorgen und Schäden, welche mancher Glaubensbruder selbst dem Glaubensbruder in Bethätigung jener unsittlichen Gesinnung schlägt, endlich durch die folgerechte Regellosigkeit und Dürftigkeit der eigenen Verhältnisse, welche den Glanz der fremden um so verlockender erscheinen lassen.— Die Heilung dieser psychischen Abnorinität ist um so nothweudiger, als sie die bekanntlich ohnehin geschwächte Nervenkraft des Juden noch weiter zerrüttet und hat ganz besonders auf prophylaktischem Wege durch eine entsprechende gesunde Schulzucht zu geschehen. Diese wird alles das sorgfältig zu meiden haben, was das Selbstbewußtsein heftig erregt, also das Anspornen des Ehrtriebes durch übermäßiges Lob und Tadel, Zurücksetzung und Unterschätzung, besonders auch jedes Ueberspannen der geistigen Anforderungen (!) Man schränke den Gebrauch der aufregenden Erziehungsmittel, die Begeisterung und jeden andern Affekt ein und bevorzuge die ruhig lind stetig wirkenden, nämlich Beispiel, Gehorsam und Gewöhnung. Man übersehe ja nicht, daß das gewöhnliche frühreife Aussehen jüdischer Kinder kein Zeichen geistiger Ueberlegenheit, sondern ein Krankheitssymptom ist, welches jenen psychischen Defekt warnend vorherkündet, und beschäftige das Kind weder zu sehr mit der eigenen Person, noch räume man ihm im Verkehr mit anderen eine selbstständige Stellung ein. Man wecke also das Selbstbewußtsein nicht, ehe es von selber erwacht, und daun dämpfe man es noch, daß es nicht überwuchere. Endlich lasse man sich nicht von dem eigenen Temperament fortreißen, welches sich gegen diese Erziehungsart heftig sträuben wird. Die Erziehung hat mit der Stunde der Geburt zu beginnen, indem sie die früh hervorbrechenden Begierden hemmt und die sittlichen Regungen pflegt/) Die Schulzucht setzt diese Bemühungen fort, indem sie sie zugleich erweitert. In den ersten Schuljahren muß sie vor allem den Gehorsam des Kindes begründen, nicht nur um den sittlichen Gewohnheiten eine frühe und feste Grundlage zu bereiten, sondern auch um seiner selbst willen. Der Gehorsam gegen den Erzieher soll sich dereinst auf den Staat, die Religionsgemeinde, die Gesellschaft und die eigene Vernunft ausdehnen, die bedingungslose *) Waitz, allg. Pädag. § 12, auch Housseau Lmüs I. — Pestalozzi, Wie Gertrud ihre Kinder lehrt, Reelam S. 184 bis 190 und 198 bis zum Schluß; vergl. auch Art. III.