Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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280 Von der Deutschen Lehrerverfammlung in Samtrurg. Bon Mittelschullehrer Jos. Feiner in Hamburg. (s^^Leit über den Kreis der Berufsgenoffen hinaus reicht die Bedeutung der diesjährigen „Deutschen Lehrerversannn- 0 lung". 7500 Teilnehmer aus allen Gauen des deutschen Vaterlandes hatten sich in Hamburg, eingefunden, um über Angelegenheiten der Schule und des Lehrerstandes zu berathen. Dabei offenbarte sich eine solche Fülle von Geistesthätigkeit und von wahrhafter Begeisterung für alles Gute,und Wahre, daß die Verhandlungen von dem Niveau eines Kongresses von Fachleuten zu einer Kundgebung der Nächstenliebe und edler Bestrebungen im Sinne jenes Mannes erhoben wurden, dessen Geist über der Versammlung schwebte, im Sinne Joh. Heinrich Pestalozzis. Der jüdische Lehrer hatte ein doppeltes Interesse an der Versammlung. Zunächst das Jntereffe des Fachmannes, der aus dem Munde der Autoritäten seines Standes pädagogische Lehren und Ansichten vernahm, die befruchtend auf Unterricht und Persönlichkeit wirken müffen. Sodann erfreute ihn als Juden von ganzem Herzen der in allen Zusammenkünften herrschende vornehme und vorurtheilslose Ton. Ohne Mißklang oder vielmehr mit starker Betonung der Gleichheit aller Menschen und der Gleichberechtigung aller Konfessionen vollzog sich der ganze Verlauf der imposanten Versammlung, und wir haben nur gewünscht, daß alle jüdischen Kollegen zugegen wären, um die Empfindung mit hinwegzunehmen, daß es noch eine Stätte giebt, die frei geblieben ist von der betrübendsten Krankheitserscheinung unserer Tage. Die große deutsche Lehrerschaft in ihrer überwiegenden Mehrheit bildet ein Bollwerk, das jedem irgendwie gearteten Vorurtheil kräftigen Widerstand entgegenstellt; sie wird auch den offenen Kampf nicht scheuen, wenn es gilt, die Güter zu vertheidigen, die unsere edelsten Geister für uns erworben haben. Berufene Vertreter.des Lehrerstaudes und warme Förderer der Bestrebungen desselben, wie Schulrath Mahrann-Hamburg, Oberlehrer Schubert-Augsburg und Hauptpastor Dr. Nohde-Hamburg, haben in offener, begeisterter und begeisternder Rede keinen Zweifel darüber gelassen, daß es ihnen ernst ist, Wissenschaft und Gewissensfreiheit gegen jeden Obskurantismus zu schützen. _ Um den jüdischen Theilnehmern an der Versammlung Gelegenheit zur Aussprache im engeren Kreise zu geben, hatte der Verein „Mendelssohn" für den Nachmittag des 20. Mai eine Zusammenkunft veranstaltet. Es fanden sich 25 Personen, Lehrer und Lehrerinnen, ein. So manche Dinge, die uns als jüdischen Lehrern besonders am Herzen liegen, wurden im Verlauf dieser Versammlung besprochen. Auch eine dankenswerthe pädagogische Anregung, in Gestalt eines Aufsatzes von dem Prediger der Tempelgemeinde, Herrn Dr. D. Leimdörfer, der persönlich am Erscheinen verhindert war, wurde einer kurzen Besprechung unterzogen?) Während des Festmahls, bei welchem Reden auf die „Deutsche Lehrerversammlung", auf den „Verband der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche", auf den Verein „Mendelssohn" und auf die anwesenden Kolleginnen gehalten wurden, hielt auch der Verfasser dieses Artikels eine Ansprache, die in der Hoffnung veröffentlicht werden mag, daß sie in jüdischen Lehrerkreisen ein Echo finde: *) Wir werden den trefflichen Aufsatz in einer der nächsten Nummer^ unserer Zeitung veröffentlichen. Die Red. Werthe Damen, liebe Kollegen! Im Namen des Vereins „Mendelssohn" rufe ich Ihnen Allen ein herzliches Willkommen zu, ganz besonders aber den Kollegen, die aus weiter Ferne hierhergekommen sind, um mit den Berufsgenoffen Arbeit und Freude zu theilen. Ein Armeekorps ist in diesen Tagen in Hamburg eimnarschirt, doch galt es keinen Kriegszug; denn die Bewohner unserer Stadt stehen den „Siegern von Königgrätz" durchaus nicht -feindlich gegenüber. So dürfen wir hoffen, daß der Zug, den Sie unternommen haben, trotz seines friedlichen Charakters doch ein Sieges- und Eroberungszug werde, daß Sie heimkehren, reich an Erhebung, reich an Freude und reich an stärkender und erfrischender Erinnerung an die Pfingsttage in Hamburg. Bei uns Deutschen sind Ernst und Freude eng verbunden; wenn wir am fröhlichsten sind, singen wir das wehmuthsvolle Lied: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin." So können auch wir, trotzdem unsere Brust von Stolz und Freude geschwellt ist, die Wehmuth nicht ganz bannen. Tausende von christlichen Kollegen weilen in Hamburg und, wie ich aus dem Theilnehmer-Verzeichniß entnommen habe, nur zwölf jüdische. Das ist ein Mißverhältniß, das noch in andern Gründen als in den zur Pfingstzeit tagenden jüdischen Lehrer - Versammlungen seine Ursache zu haben scheint. Diese Ursachen können wir heute nicht untersuchen; ich persönlich, der ich seit zehn Jahren Mitglied freier Lehrervereine bin, bedaure es, daß ein großer Theil der jüdischen Lehrerschaft sich fernhält von der Arbeit mit den christlichen Amtsbrüdern. Allerdings giebt es im engeren Kreise genug der Arbeit, doch entbindet diese nach meiner Meinung durchaus nicht von der Zugehörigkeit zu dem größeren Ganzen. Den Kollegen aber, die weder Mitglieder der jüdischen noch der interkonfessionellen Lehrervereine sind, möchte ich mit einer kleinen Variante das Wort znrufen: „Lo hamidroscli ikor elo hamaasch.“ Der Lehrer als Volks- und Menschenfreund, als Träger des Idealismus, als Förderer des Wahren und Guten, hat auch noch andere Pflichten, als nur zu unterrichten. Er hat seine Menschenliebe in die Thai 11111znwandeln, er hat, selbst wenn er persönlich besser gestellt ist als andere, dafür einzutreten, daß den übrigen Kollegen auch ein menschenwürdiges Dasein geschaffen werde, damit nicht der eine oder der andere in der Verzweiflung zur Pistole greife, damit nicht (ich spreche auch hier von einer That suche) ein alter Mann, der ein Menschenaltcr seiner Gemeinde gedient hat, ohne einen Pfennig Pension entlassen werde und er, wenn er nicht wohlhabende Kinder hätte, bei den Leuten, die einst seine Schüler waren, betteln könnte. Ist es denn ein so gewaltiges Opfer, jährlich einige Stunden und einige Mark einem Verein zu weihen, der an deni Versuche mitarbeitet, Hunderte von Kollegen vor gräßlichem Elend zu bewahren?! Hoffen wir am heutigen Tage, da Deutschlands Lehrerschaft das erhebende Bild der Einheit und Geschlossenheit gewährt, daß auch mancher jüdischer Kollege sich auf seine Pflicht gegen die Gesammtheit besinne, hoffen wir, daß es dem neugegründeten Verbände gelingen möge, das Gefühl der Kollegialität unter uns zu stärken, und hoffen wir vor allem, daß die Arbeit, die in diesen Tagen in Hamburg gethan wird, die große deutsche Lehrerschaft einen Schritt Weiler bringe auf geistiger und sozialer Bahn. Ich weihe das erste Glas der Kollegialität und wünsche, daß dies herrliche Wort das Losungswort jedes Lehrers, ganz besonders aber jedes jüdischen Lehrers werde.