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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-06-05 · Heft 23 (5.6.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 23 (5.6.1896)
Date
1896-06-05
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Möge der Verband, unbeirrt vor Angriffen, seine Bahn des Fortschritts und der.religiösen Aufklärung weiter verfolgen. 8. Dessau, Ende Mai. Den israelitischen Bewohnern Anhalts schloffen sich dem Offenbarungsfeste noch eine Reihe anderer Feiertage an, die dem 25jährigen Regierungsjubiläum ihres geliebten Landesherrn, des Herzogs Friedrich, gewidmet waren. Das Wirken des Herzogs ist für sein Land ein überaus segensreiches gewesen, und es wurde von höchster Stelle durch Wort und That oft gezeigt, daß es hier keinen Unterschied zwischen den Konfessionen giebt, wie sich ja die Israeliten Anhalts stets einer wohlwollenden Behandlung erfreuten in Zeiten, als man noch nicht in Deutschland von gleichen Menschenrechten überzeugt und durchdrungen war. Diese Thatsachen fanden auch in der Sr. Hoheit überreichten Adresse der Gemeinden Dessau, Cöthen und Bernburg — ein Meisterwerk Ansgär Schoppmeyers, Berlin — beredten Ausdruck. Im Namen der Gemeinden des Landesrabbinats überbrachte Herr Dr. Freudenthal die Glückwünsche am Jubiläumstage, und -es oerdient die Thatsache weiteren Kreisen bekannt zu werden, daß der Vertreter des Landesrabbinats unmittelbar dem Darbringer der Huldigung der anhaltischen Landeskirche, dem Generalsuperintendenten Dr. Teichmüller folgte, während die Abordnungen der Regimenter, Städte u. s. w. später folgten. — Wie nicht anders vorauszusehen war, gestaltete sich der Festgottesdienst an diesem Tage (22. Mai) besonders erhebend. Die Festpredigt über Habakuk 8, 13 „Du ziehst zur Hilfe deinem Volke aus, zur Hilfe deinem Gesalbten," wird größeren Kreisen zugänglich, da der Vorstand der hiesigen Gemeinde dieselbe drucken läßt. — Durch Gnadenbezeugungen wurden ausgezeichnet: das Vorstandsmitglied Herr Julius Elkan durch den Titel Geheimer Kommissionsrath, und Herr Paul Märker durch die Ritterinsignien 2. Klaffe, außerdem erhielten die Jubiläumsmedaille: Herr Kommerzienrath Sonnenthal, Herr Hoflieferant Probst und Herr Landesrabbiner Dr. Freudenthal. — Mitte Mai starb hier Herr Rentier Adolf Ries, dessen Ahnen Begründer der jüdischen Gemeinde Berlin waren, nachdem sie aus Wien vertrieben und vom großen Kurfürsten das Riederlaffungsrecht für 50 Familien erworben hatten. Der Verstorbene hinterließ der Gemeinde, der Stadt und dem Kreise größere Kapitalien zu gemeinnützigen Zwecken und bewährte sich auch dadurch als Enkel großer Ahnen. Ts. Leipzig, 1. Juni. In bescheidener Stille, ohne jedwede öffentlichen Kundgebungen und Ehrungen, welche er schon bei Gelegenheit seines siebzigsten Geburtsfestes abgehnt hatte, feierte am 29. Mai d. I. der . langjährige erste Vorsteher unserer israelitischen Gemeinde Herr Alexander Wert Hauer seinen 75. Geburtstag. Bekannt als ehrenfester, zuverlässiger Charakter, erfreute er sich sehr früh schon einer allgemeinen Beliebtheit und fand und findet Gelegenheit, in Ausübung vielfacher, ihm übertragener Ehrenämter seinen ganz auf edles Thun und Wirken gerichteten praktischen Sinn zu bethätigen. Den klaren Blick stets auf das Nächstliegende, auf die Wirklichkeit der Dinge gerichtet, trifft er, von Welterfahrung und Klugheit unterstützt, mit Sicherheit der Anschauung und des Urtheils das Richtige und verfolgt seine dem Gemeindewohle geltenden Ziele mit ruhiger Festigkeit der Ueberzeugung. Ermunternd und tröstend gegen Trostbedürftige, liebreich gegen Rathholende, ein Freund seiner Gemeinde, in den wichtigsten und zartesten Privat- und Familiensachen befragt, und Rath und Ausweg wissend, tritt er mit Strenge und Nachdruck nur der Trägheit sowie allen unlauteren Bestrebungen entgegen. Mit Beginn d. I. hat Herr Vorsteher Werthauer sein bis dahin geführtes Bankgeschäft aufgelöst, um von da ab nur dem zu leben, was ihm am Herzen liegt: seiner Familie, dem Wohle und Gedeihen seiner Gemeinde und der Förderung alles Guten. Möge Gott auch ferner sein edles Wollen und Thun mit Erfolg krönen und ihn noch lange Jahre der Jugend theilhaftig sein lassen, die aus der Seele stammt, und die sich trotz weißer Haare bis ins höchste Greisenalter für alles Schöne, Gute und Wahre zu begeistern vermag. 4p Marburg (Hessen), 29. Mai. Gestern Abend erfolgte in der Universitätsstraße die Grundsteinlegung der neuen Syna goge. Außer den bauleitenden Beamten hatte .sich auch der Provinzialrabbiner Dr, Munk eingefunden, der einer einleitenden Ansprache die Bibelverse Sacharja, Kapitel 4, Vers 6 und 7 und Kapitel 3, Vers 9 zu Grunde legte. Darauf wurde die Abschrift der Bauurkunde in hebräischer und deutscher Sprache, sowie ein weiteres Schriftstück, das die Geschichte des ■■ .. . Baues, die Namen der zur Zeit in hiesiger Stadt fungirenden ersten Staats-, Stadt- und Universitätsbehörden, sowie die der Mitglieder und Vereine der jüdischen Gemeinde und ihrer Funktionen enthielt, in den Grundstein mit eingelegt. Die ersten Hammerschläge that Provinzialrabbiner Dr. Munk mit den Worten, daß Religion, Arbeit, Menschenliebe, welche der Talmud als die drei Grundsäulen der sittlichen Welt bezeichne, auch die Grundsäulen dieses Hauses sein, Gottesglaube, Gottesdienst und Menschenliebe in ihm gepflegt werden möge. Die Feierlichkeit schloß mit einer Ansprache des Dr. Munk unter Anlehnung an 1. Moses, Kapitel 28, Vers 22 und Psalm 127. Das Gotteshaus wird zum Herbst unter Dach kommen. Oesterreich - Ungarn. □ SSSictt, 1. Juni. Die erste Amtshandlung des antisemitischen Gemeinderathes, die Ablehnung der vom fortschrittlichen Parteiverbande präsentirten Stadtrathskandidatur des Bauraths Wilhelm Stiaßny durch den gemeinderäthlichen Äntisemitenklub, hat in den fortschrittlichen Kreisen der Bevölkerung die größte Entrüstung hervorgerufen. Sogleich wurde der Beschluß des Bürgerklubs über die Zurückweisung des Baurathes Stiaßny dem im Rathhause anwesenden Obmanne des fortschrittlichen Parteiverbandes mitgetheilt. Vizebürgermeister Dr. Lueger erklärte Herrn Dr. Vogler, daß er in Schweiß gebadet und ganz heiser sei, so sehr habe er sich bei seinen Parteigenossen für die Annahme der sechs von den Liberalen präsentirten Stadtrathskandidaten eingesetzt. Seine Bemühung sei aber an dem Widerstande der Partei gescheitert, welche prinzipiell einen Juden in den Stadtrath nicht aufnehmen wolle. Daraufhin haben auch dieanderen fünf zu Stadträthen nominirten liberalen Gemeinderäthe auf das Stadtraths-Amt verzichtet, und es sind sechs Antisemiten gewählt worden. — Die Reichsraths-Abgeordneten Noske, Exner und Genossen haben nun eine darauf bezügliche Interpellation eingebracht, in der sie fragen: „Welche Stellung nimmt die Regierung gegenüber der die Gleichberechtigung aller Staatsbürger verletzenden Ausschließung der Juden aus dem Wiener Stadtrathe ein?" — An demselben Tage überreichte der erste Obmann- Stellvertreter des Bezirksschulrathes, Dr. Reisch, seine Resignation auf das Bezirksschulrathsmandat und gleichzeitig jene der Herren: Dr. Daum, Dr. Friedjung, Gierster, Glasauer, Janotta, Lechner, Pabeschitz, Schieferl, Dr. Seidler, Wilhelm Seidler, Dr. Uhl, Wehle und Dr. Zimmermann. .LI. Budapest, 5. Mai. Die maßlose Agitation der antisemitischen Volkspartei giebt den Behörden und den Preßgerichten viel zu schaffen. In Sopron leitete die Staatsanwaltschaft gegen den Kaufmann Josef Preißl, der in einem Vortrage gegen die Juden hetzte, das strafgerichtliche Verfahren ein. Gegen das Blatt, welches diesen Vortrag an erster Stelle brachte, wurde ein Preßprozeß angestrengt. Das Organ der Volkspartei, Alkotmany, daß ' mit Hinweis auf die Gerichtsverhandlung des Blutmärchenprozesses die Moralitätszeugen des verstorbenen Adler schmähte und diese mit strafbaren Handlungen beschuldigte, wird sich auch vor dem Preßgerichte zu verantworten haben. Dänemark. V r. Kopenhagen, 1. Juni. Am 27. v. M wurde unter zahlreicher Volksbetheiligung und im Beisein der geistigen Elite Kopenhagens das Denkmal für den 1894 verstorbenen jüdischen Arzt und Philanthropen Professor L. I. Brandes enthüllt. Vor dem städtischen Krankenhause, in welchem Professor Brandes seine segensreiche Wirksamkeit entfaltet hatte, erglänzt auf blaugrauem Marmorsockel die überlebensgroße Bronzebüste des Unvergeßlichen. Einer der anwesenden Notablen hielt die Enthüllungsrede und hob nach Besprechung der zahlreichen humanitären Verdienste des Gefeierten hervor, es sei das erste Mal, daß hier zu Lande ein Denkmal für einen Juden errichtet würde, und man könne hieran die feste Hoffnung knüpfen, daß die häßliche, kulturfeindliche Bewegung, die in anderen Ländern so hoch geht, niemals hierherdringen würde'. Nach diesen Worten erhoben sich Alle und entblößten ihre Häupter, während der Schleier von der Büste fiel. — Professor Brandes hatte ein warmes jüdisches Interesse und bekleidete vor-Jahren die Stellung eines Repräsentanten in der hiesigen Gemeinde.

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