Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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Amerika. * E. J. New - Jork, im Mai. Die Sinai - Gemeinde in Chicago hat ihren Rabbiner Dr. Emil G. Hirsch vor Ablauf seiner Vertragszeit auf weitere zehn Jahre mib dem Gehalte von 12 000 Dollars wiedergewählt. Zu gleicher Zeit wurde Dr. Hirsch von der Zion- Gemeinde mit einem Gehalte von 2400 Dollars zum Rabbiner gewählt. Er predigt in. der Sinai-Gemeinde am Sonntag Morgen, in der Zion- Pemeinde am Freitag Abend. Dr. Hirsch, der im städtischen Wahlkampfe., erfolgreich für reine Munizipalverwaltung 7 eintrat, wurde von der republikanischen Partei als Wahlmann für die kommenden Präsidentenwahlen aufgestellt. — In der New-Aorker jüdischen Gemeinde hat folgender Vorfall großes .Aufsehen erregt: Der Geistliche der bischöflichen Kirche Dr. Morgen hielt eine von dem Unitarier-Prediger Putnam veröffentlichte Predigt und beging die Unvorsichtigkeit, die von dem ketzerischem Unitarier vorempfundene Predigt drucken zu lassen. Die Thatsache kam ans Licht und wurde vielfach kommentirt. Der Junior- Rabbi der Emanuel - Gemeinde Dr. Silverman machte die Frage nach der Rechtmäßigkeit des Plagiats zum Gegenstände einer Predigt, welche dem Senior-Rabbi Dr. Gottheil so sehr mißfieldaß er die Synagoge verließ und am Schluffe des Gottesdienstes sich mit seinem jüngeren Kollegen in sehr kräftigen Worten auseinandersetzte. Die Tagesblätter traten die Sache nach hiesiger Mode breit, worauf-Hdie Herren Rabbiner am nächsten Tage in der Zeitung erklärten, daM^ie einander nach wie vor brüderlich lieben. Der Vorstand der EmärMl- Gemeinde faßte den Beschluß, die Herren Rabbiner zu ersuchen, sichwei ihren Predigten an interne jüdische Angelegenheiten zu halten. —Min Tempel Emanuel in New-Pork wurde am 10. Mai eine GchächtnM seier für Baron Hirsch abgehalten, bei welcher unter Anderen 'Hr frühere Einwanderungskommissär Oberst John B. Weber. eine jedoch tnißrede hielt, welche in den wärmsten Worten den VerstorbendnMs ein Genie auf dem Gebiete thätiger Menschenliebe pries. Oberst WÄer hatte als amerikanischer Kommissär Europa besucht, um die. Ursac^n der Auswanderung zu studiren und Baron Hirsch in Paris kennen gelernt. — Die jüdische Gemeinde in Lancaster, Pennsylvanien, hatte. eine großartige Feier zur Einweihung ihres neugebauten Tempels am 25. April geplant,' als das-Gebäude Tags zuvor durch eine Gasexplosion so arg beschädigt würde, daß die Einweihung auf unbestimmte Zeit verschoben werden mußte. Non Nah and Fern. — Nach der Zusammenstellung des Königlichen Statistischen Büreaus betrug die Zahl der im preußischen Staate während des Jahres 1894 stattgefundenen Eheschließungen 250960, darunter befanden sich 2383 jüdische Paare. r- Geh. Rath Professor H ir s ch b e r g hat auf der Kolumbia - Weltausstellung für sein Buch „Elektromagnet" und die Abhandlung „100 Magnetoperationen" nebst einer Sammlling der ausgezogenen Splitter die Bronzemedaille erhalten., — ProfEor Dr.' Litten ist zum Mitglied der Loeiära medica-chirurgica in Bologna ernannt worden. — Am 14. Juni findet in Gleiwitz die Versammlung des Oberfchlefischen Gemeindeverbandes statt. — Ein früherer Hauptführer der Antisemiten in Altona-Hamburg, der Manufakturist Andersen, der sich der besonderen Freundschaft einiger antisemitischen Reichstagsabgeordneten rühmte, auch in Versammlungen, in denen dieselben sprachen, eine große Rolle spielte, ist als derjenige ermittelt und verhaftet, der in letzter Zeit zahlreiche Schwindeleien per Telephon ausgeführt hat. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung fand die Kriminalpolizei für mehrere Tausend Mark Waaren, die er sich auf die angegebene Weise.znsammengeschwindelt hat. Andersen ist übrigens wegen betrügerischen Bankerotts schon zu mehrjähriger Freiheitsstrafe verurtheilt und hat dieselbe verbüßt. — Rabbiner Dr. Breuer von-.der orthodoxen israelitischen Religionsgesellschäft in Frankfurt a. M., der Nachfolger von Samson Raphael Hirsch, geht als Rabbiner nach Men an die dortige orthodoxe Gemeinde. — Das großherzoglich hessische Ministerium hat entschieden, daß in der Provinz Starkenburg von Staatswegen zwei Rabbiner, ein orthodoxer und ein Reformer, zu bestellen seien. — Kommerzienrath Berolzheimer aus Nürnberg und Kommerzienrat!) Ullmann aus Fürth erhielten den Michaelsorden IV. Klasse?— Der. Universitätshörer- Carl (Irnst O sth aus wurde durch einen Polizeierlaß aus allen im Reichsrathe vertretenen ö st erreichischen Kronländern ausgewiesen. Osthaus war' der Anreger der bekannten Erklärung von 19 studentischen Verbindungen, daß Juden. nicht, . satisfaktionsfähig seien. — Der Vizepräsident der Pariser Österreich-ungarischen Handelskammer, M oriz Deutsch, wurde in Anerkennung seiner Verdienste um die Förderung des ungarischen Exportes durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Josef-Ordens ausgezeichnet. — Herr Dietz, der französische Testamentsvollstrecker des Baron Hirsch, erhält für seine Bemühungen fünf Jahre lang jährlich -80 000 Mark. Wenn alle Vermächtnisse ausgezahlt sind, so wird die Wittwe noch immer 520 Millionen besitzen. 800 000 Mark find der adoptirten Tochter vererbt, die von ihren wirklichen Eltern getrennt erzogen werden muß. Die adoptirten Söhne erhalten Grundbesitz in Oesterreich und Ungarn. — Die überwiegend aus'boulangistischen und klerikalen Advokaten bestehende Conference Mole-Tocqueville in Paris hat den Antrag Ponbriand in der Deputirtenkammer berathen und die denselben billigende Tagesordnung abgelehnt, dagegen die Tagesordnung, daß sämmtliche -Bürger, gleichviel welcher Abstammung und Konfession, vor dem Gesetze gleichberechtigt seien, mit einer Majorität von 48 Stimmen angenommen. Von besonderer Bedeutung war die Rede, mit der Rerfe Worms für die Rechte seiner Glaubensgenossen eintrat. — Der Großrabbiner von Algier, Morse Weil, hat in einem Schreiben an den kommandirenden General Protest dagegen eingelegt, daß die Gräber hervorragender Rabbiner vernichtet werden sollen, um Neubauten für militärische Zwecke Platz zu machen. — Herr Joseph Sebag, der als Neffe des seligen Moses Montestore den Namen Sebag-Montefiore trägt, wurde in den Freiherrnstand erhoben und trägt nun den Titel Sir Joseph Montefiore. Joseph Sebag-Montefiore ist Friedensrichter von Kent. Als Sephardi geboren, ist er seit vielen Jahren eines der tonangebenden Mitglieder der spanischen und portugiesischen Gemeinde Einige Jahre hindurch war er zu ihrem Präsidenten gewühlt. Vor einigen Monaten ernannte ihn der König von Italien zum italienischen Generalkonsul in London. —; Professor Samuel Alexander ist zum Prüfungskommissär für Ethik der Londoner Universität ernannt worden. In diesem Jahre hat die Londoner Universität noch zwei andere jüdische Prüsungskomtnissäre: Israel Gollancz für Englisch und Dr. Sidney Phillips für Medizin, ernannt. — In London ist der bekannte Komponist und Musiklehrer, P. E. von Norden im 70. Lebensjahre gestorben. — Der Direktor der jüdischen Schule in Bayswater, Mr. S. I. Heilbron, erhielt vom Thierschutzverein die Nachricht, daß einer seiner Schüler, Sidney Levy, den ersten Preis für seinen Aufsatz „Die Pflicht des Menschen gegen die Thiere" erhalten habe. Alljährlich werden solche Preise ausgeschrieben, um die sämmtliche Elementarschulen sich bewerben können. Im vergangenen Jahre bewarben sich 95 000 Schüler von etwas über 1000 Schulen darum und sechs Bewerber erhielten Preise. Unter diesen befand sich auch im vorigen Jahre Sidney Levy. — Die drei Rabbiner von Petersburg, Warschau und Moskau haben nunmehr der Krönung beigewohnt und sind mit der Geistlichkeit zusammen vom Zarenpaare in Audienz empfangen und durch Ordensdekorationen ausgezeichnet worden. Jeder von ihnen erhielt 600 Rubel Reisevergütigung. Auch Herr Baron Günzburg war zur Krönung eingeladen als Vorsitzender des Hospitals des Prinzen Peter von Oldenburg. — In Neapel ist infolge einer Lungenentzündung am 21. v. M. Frau Julie Salis-Schwabe, die Begründerin des internationalen Fröbel-Jnstituts, gestorben. — Baron Edmoud Rothschild hat eine neue jüdische Kolonie in Palästina gegründet. Sie liegt in Galiläa, nicht weit von Damascus, und besitzt 3000 Acres Landes mit zahlreichen Quellen. Der Jordan entspringt auf dem Gebiet der Kolonie. Zuerst sollen 60 erfahrene landwirthfchaftliche Arbeiter auf die neue Kolonie gebracht werden. Baron Rothschild will es bei seiner jüngsten Gründung mit der Selbstverwaltung versuchen. Seine übrigen Kolonien befinden sich unter der Leitung seiner Beamten. — Mr. Walter Davies, der in Johannesburg in der Versammlung der Australier gelegentlich'rlder-Hlnruhen den Vorsitz führte und nachher als Hauptmann der berittenen australischen . Polizei so gute Dienste leistete, ist ein Jude. Er ist aus Südaustralien gebürtig, und die Zeitungen waren voll des Lobes über sein muthiges Vorgehen im Transvaal. ' Druck und Verlag, von Rud olf Mosse in Berlin. - Verantwortlich für bie Redaktion. Mar Bauchwitz in Berlin.