Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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1895 von 54 Zöglingen besetzt, während mehr als 100 Bewerbern die Aufnahme aus noch näher darzulegenden Gründen versagt werden mußte. Dieser Umstand ist gewiß das beste Zeugnißwie sehr die Ziele, und Zwecke des Instituts gewürdigt werden, daß thatsächlich der Sinn für Ackerbau und Gartenbewirthschaftung unter den Israeliten vorhanden ist und nur des Momentes harrte, sich bethätigen zu können. Die Anstalt verfolgt ein zweifaches Ziel: 1. Knaben unter 14 Jahren in der Anstalt zu erziehen, sie mitdennöthigenBolksschulkenntnissen auszurüsten und gleiche zeitig deren Sinn für jegliche Art praktischer Berufsthätigkeit zu wecken und zu pflegen; 2. Zöglinge, die dem schulpflichtigen Alter entwachsen sind, ' zu Landwirthen und Gärtnern heranzubilden. Diesen Zwecken dient ein etwa 13 Hektar großes, an der Harenberger Chaussee in der Nähe des Limmer Brunnens belegenes Grundstück, das mittelst Straßenbahn in etwa V2 Stund, vom Mittelpunkte der. Stadt Hannover zu erreichen ist. Auf dem Grundstücke sind errichtet: ein Hauptgebäude zur Unterbringung von 60 Zöglingen nebst 2 Lehrern, Aufnahme der Schule und des Büreaus; ein kleineres Wohngebäude für sonstige Beamte, verschiedene Wirthschaftsgebäude und mehrere Gewächshäuser. Dem doppelten Zwecke entsprechend, in dessen Dienst die Anstalt steht, bilden auch die auszunehmenden Zöglinge zwei Kategorien: Knaben bis zum 14. Lebensjahre sind Schüler, über 14 Jahre Lehrlinge der Anstalt. Die Schüler genießen den von zwei Elementar- und zwei Fachlehrern geleiteten Elementar- und Religionsunterricht, einschließlich Turnen, Singen, Zeichnen und Schwimmen, abwechselnd mit praktischer Anleitung zu leichter Gartenarbeit und Handfertigkeit. Die Lehrlinge betreiben verschiedene Zweige des Gartenbaues und der Landwirthschaft unter Aufsicht eines Obergärtners und verschiedener Hilfsgärtner als ihre Hauptthätigkeit, genießen aber auch regelmäßigen Fortbildungsunterricht in der Gartenbau- und Landwirthschaftskunde, Blumenbinderei, Botanik, Religion, deutscher Sprache, Rechnen, Zeichnen uyd Geographie. In Ausübung der religiösen Pflichten findet täglich zweimal gemeinsamer Gottesdienst in der Anstalt statt. Die Ausgaben der Anstalt betrugen 36 091,72 MH, die Einnahmen 23 859,57 Mk., mithin Mehrausgabe 11,232,16 Mk , zu deren Deckung zur Verfügung standen: einmalige Spenden und Jahresbeiträge 12,462,80 Mark, so daß sich hier ein Ueberfchuß ergab von 1230,65 Mark. Wir richten die dringende Bitte an alle Wohlthäter^ durch Zeichnung jährlicher Beiträge mitzuhelfen, um die Anstalt so lebensfähig zu gestalten, wie dies dem Stifter bei ihrer Errichtung in sichere Aussicht gestellt ist. Der Vorstand besteht aus den Herren: Konsul Alexander Moritz Simon, Vorsitzender, Rechtsanwalt Dr. Georg Benfey, Stellvertreter des Vorsitzenden, Manfred Berliner, Schriftführer, Hermann Lichtenberg, Stellvertreter des Schriftführers, Gustav Cohen und S. Reinhold, Rechnungs- und Kassenführer, Seminar-Direktor Dr. Knoller. 8p. Hannover, 1. Juni. Am 1. und 2. Pflngsttage tagte der Verein jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover in feister 32. Jahresversammlung in Falks Hotel hier. Der Vorsitzende eröffnete die erste Hauptversammlung mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser, erstattete über das verflossene Vereinsjahr eingehenden Bericht und ertheilte dem zweiten Vorsitzenden das Wort zu einem Berichte über den begründeten Verband jüdischer Lehrervereine im deutschen Reiche. Mit den Maßnahmen der Delegirten gab die Versammlung ihr Einverständniß zu erkennen und wählte den bisherigen Vorstand per Akklamation wieder. Herr Lehrer Wertheim-Münden i. H. sprach hierauf über das vom Verband gestellte Thema: „Auf welche Weise läßt sich am besten und schnellsten die Forderung in § 9o der Satzungen des Verbandes betr. die lebenslängliche Anstellung sämmtlicher jüdischen Lehrer, ihre Pensionirung und die Versorgung ihrer Hinterbliebenen auf gesetzlichem Wege erfüllen, resp. welche Grundlagen sind zur Herbeiführung dieser Forderung nothwendig?" Die Ausführungen des Vortragenden gaben Zeugniß von der innigen Wärme, mit der er das Thema erfaßt hatte. Die aufgestellten Leitsätze wurden einer Kommission überwiesen. Abends 9 Uhr hatte die Lesebuchkommission eine Sitzung, in welcher die Vorschläge des Referenten Spanier-Stolzenau gutgeheißen wurden. Der zweite Konferenztag begann mit einer Lehrprobe: „Davids Edelmuth gegen Saul", gehalten von Herrn Lehrer Bach-Hildesheim. Eine Besprechung derselben fand an Ort und Stelle statt. Nach dem Bereinslokale zurückgekehrt, hielt.Herr Lehrer Lomnitz-Eldagsen einen Vortrag über das Thema: „Wie muß ein Lesebuch für jüdische Schulen beschaffen sein?" Hieran schloß sich der Bericht des Referenten Spanier- Stolzenau über die Thätigkeit der Lesebuchkommission. Die Versammlung 2ertheilte der Kommission die Autorisation, das Lesebuch für Bürgerschulen vom Lehrerverein der Stadt Hannover in einer zweitheiligen Ausgabe für die jüdische Schule in konfessioneller Färbung fertig zu stellen und die behördliche Genehmigung zur Einführung nachzusuchen: Die freien Besprechungen, als letzter Gegenstand der Tagesordnung, hielten die zahlreich erschienenen Theilnehmer noch eine gute .Weile beisammen. Im Anschlüsse an die Versammlung fand eine Sitzung der Unterstützungskasse für jüdische Lehrer, deren Wittwen und Waisen in der Provinz Hannover statt. 3Z Bielefeld, 29. Mai. Der Bericht über die Thätigkeit des Verbandes der Synagogen-Gemeinden Westfalens während seines fünften Geschäftsjahres (1. April 1895 bis l. April 1896) ist als Vorlage für den sechsten ordentlichen Gemeindetag zu Hagen i. W. am 14. Juni 1896 eben erschienen. Er bietet ein interessantes . Bild rüstigen Fortschritts auf dem einmal mit Erfolg betretenen Gebiete. Die Zahl der Berbandsgemeinden ist von 36 auf 38 gestiegen. Dieselbe hat sich also seit der konstituirenden Versammlung fast verdoppelt. Angesichts der fortgesetzten Agitation der Orthodoxie gegen die Verbands- Bestrebungen ist diese Thatsache ein erfreuliches Zeichen für den gesunden Sinn unserer westfälischen Glaubensgenossen und für das rege Interesse, das dieselben dem Verbände entgegenbringen. Die Gründung der Pen - si onskasse dürfte sich noch in diesem Jahre vollziehen Ein diesbezüg- ' licher Statutenentwurf wird dem Gemeindetage vorgelegt und hoffentlich genehmigt werden. Auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes hat der Verband auch im verflossenen Geschäftsjähre durch pekuniäre Unterstützung leistungsunfähiger Gemeinden zur Einrichtung bezw. Unterstützung eines geordneten, planmäßigen Unterrichtes wesentlich beigetragen. Unterstützt wurden 4 Gemeinden; außerdem ist es den eifrigen Bemühungen der Bochumer Ausschußmitglieder, der Herren H. Laubheim und M. Liebenseld, gelungen, die Einrichtung eines regelmäßigen, geordneten Religionsunterrichtes in den Gemeinden Eikel und Bickern durchzusetzen. Die Inspektion des Religionsunterrichts erfolgte auch im verflossenen Jahre in verschiedenen Gemeinden durch die Inspektoren des Verbandes. Auf Wunsch des D. I. G. B. wurde, soweit die Verbandsgemeinden und die vom D. I. G. B. subventionirten Gemeinden dabei in Betracht kommen, Westfalen in bestimmte Jnspektionsbezirke eingetheilt. Von besonderer Wichtigkeit für die Bereitung geläuterter Ideen ist das Erscheinen des Schulgebetbuches, das vor einigen Wochen fertiggestellt wurde und zum Ladenpreise von 1 Mark — bei Partieabnahmen abzüglich 20«/o — durch' den Verband bezogen werden kann. Dasselbe ist ein genauer Abdruck des.im Aufträge des Verbandes von Herrn Dr. Vogelstein bearbeiteten Gebetbuches, jedoch ohne deutsche Uebersetzung. Die hebräischen und deutschen Kindergebete im Eingänge des Buches sind geblieben, ebenso die 10 Gebote. Neu eingefügt ist ein abgekürztes Morgengebet, ferner Thesillah und Mußafgebet für Neujahr, sowie Thefillah, Mußaf- und Schlußgebet für den Versöhnungstag. Ein besonderer Anhang enthält die hebräischen und deutschen Gebete für den Jugendgottesdienst, sowie eine Auswahl aus den „Sprüchen der Väter" mit deutscher Uebertragung. Das Buch umfaßt im Ganzen 306 Seiten; die Ausstattung ist eine gute. Es liegen bereits heute Urtheile von hervorragenden Fachmännern vor; welche sich außerordentlich günstig über dasselbe äußern. In ein ganz neues Stadium ist in allerjüngster Zeit die Lesebuchfrage getreten. Nähere Mittheilungen können jetzt noch nicht darüber gemacht werden;' indessen glauben wir versichern zu dürfen, daß dieselbe eine allgemein befriedigende Lösung finden wird. Das größte Interesse nicht allein innerhalb der westfälischen Verbandsgemeinden, sondern auch in weiten Kreisen der deutschen Judenheit erregte der Verlauf der Gebetbuchfrage, die durch die heftigen Angriffe, welche die Orthodoxie gegen das Bogelsteinsche Gebetbuch richtete, eine prinzipielle Bedeutung erhielt. Der Bericht schildert diese Vorgänge und konstatirt mit Genug, thuung, daß es der Orthodoxie trotz ihrer heftigen Agitation bis heute nicht gelungen ist, den Verband irgendwie zu schädigen. Im Gegentheil: die Zahl der Berbandsgemeinden wächst fortwährend, und das neue Gebetbuch findet in immer weiteren Kreisen Anklang. Der Bericht gedenkt auch der Gutachtensammlung, die der Verband herausgegeben hat, und der gegnerischen Bemühungen, einen orthodoxen Verein zu Stande zu bringen. Ueber diese Bemühungen liest man jetzt in orthodoxen Blättern Wunderdinge — wer aber die Verhältnisse und die Personen kennt, kann sich eines Lächelns darüber nicht erwehren