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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-06-05 · Heft 23 (5.6.1896) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 23 (5.6.1896)
Date
1896-06-05
Page
Seite 276 (sequence 12)
Language
German
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die Wände zieren. Sie bereiten wirksamer als alles andere Interieur die Stimmung für die Betrachtung des Werkes selbst box. Die Auswahl war eine sehr glückliche. Gegenüber dem Eingang / lesen wir den Spruch: „Ein Land mit Weizen und Gerste, mit. Weinstöcken, Feigen- und Granatbäumen, ein Land mit Olivewbäumen und Honig." Auf der linken Seite: „Der Feigenbaumschön reifen seine Früchte, und die Reben, in Blüthe, verbreiten Duft!" Auf der rechten Seite: „Rahm von Kühen 'und der Schafe Milch, Fett der Lämmer und der Widder Basans und Bocke mit dem Nierenfett vom Weizen; vom Blut der Trauben trankst du Wein." Diese Verheißung soll sich nun auch wirklich an späten Enkeln erfüllen; denn die Rückwand füllt eine Pyramide großer Weinfässer, deren oberstes ausdrücklich einen „Hechscher" des Herrn Oberrabbiner» von Jerusalem an der Stirn trägt. Es ist natürlich, daß wir zunächst von diesem Wein mit etwas Mißtrauen kosten. Ich habe einmal eine „Rose von Saron" getrunken — und zwar an einem Seder-Abend — von der ich am anderen Morgen die Dornen noch stark zu verspüren hatte. Aber wie angenehm war ich diesmal enttäuscht! Dieser Wein ist in der That vorzüglich und wohl geschaffen, des Menschen Herz zu erfreuen. Der rothe aus Rischon le-Zion hat den Duft und das Aroma der besten Bordeaux-Weine. Den süßen habe ich aus leicht begreiflichen Rücksichten noch nicht gekostet; aber wie mir fromme Kenner versicherten, soll er ebenfalls sehr mild llnd gut schmecken und dem französischen Iquem fast gleich kommen. Es ist nur ein Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit, wenn ich auch bei dieser Gelegenheit des allsgezeichneten hierosolymitanischen Cognacs gedenke, dessen Qualität der der „drei Sterile" kaum etwas nachgiebi. Fromme Juden „beißen" ja in der That auch erst „an", wenn sie drei Sterne sehen. Freunde eines guteil Tropfens werden sich nur schwer aus diesem kleinen gemüthlichen Raum entfernen, in dem, um das Ensemble zu vervollständigen, ein liebeilswürdiger Küfer,, der zugleich, so ganz nebenbei, ein vorzüglicher Lamdan ist und eine der Kolonien selbst begründet hat, in freundlicher Weise die Honneurs macht. Haben sie sich aber einmal losgeriffen, so werden sie mit nicht geringerem Interesse in dem Hauptraunl der Allsstellung die lan'tzwirthschaftlicken Produkte des heiligen Landes bewundern. Auch dieser Saal ist mit Bibelsprüchen reich geschmückt, und Mar mit folgenden:. „Trinke mit frohem Herzen deinen Weill." — „Ein Land, in dem du all Nichts Mangel haben wirst." — „An jenem Tage werden die Berge von Most triefen und die Hügel von Milch überfließen." — „Ich werde dich tränken mit würzigem Wein, mit herrlichem Most." Es erscheint fast wie eine Erfüllung dieser Verheißungeil, lvenn wir an der einen Walld das genaue Verzeichniß der jüdischen Dörfer im heiligen Lande und die Photographien derselben, sowie die Pläne mld Karten betrachten. Und noch mehr: die hier ausgestellten Proben von Getreide und Hülsenfrüchten sind wohl geeignet, den Neid unferer Agrarier zu wecken, währelld hie Ausstellung der Seidenerzeugniffe, von den Cocons angefangen bis zu den prächtigen Seidenstoffell, wieder den Neid unserer Damenwelt erregen muß. Ja, sogar Eau de Cologne und feine Parfüms fliej&t es in Palästina, Mit solchem Parfüin mag sich Esther geschmückt haben, da sie zum ersten Mal vor Ahasverus trat, oder die schöne Choma, die berühmte Gattin Abaji's, da sie vor ihren Richtern erschien. Es ist illtereffant, zll konstatiren, daß die Nachfrage nach diesem Parfüm alsbald eine so starke war, daß der gesammte Vorräth in den ersten drei Tagen ausverkaust wurde.' Uns Männer üiteressiren natürlich viel mehr die anderen Bodeüprodukte, ferner die Olivenholz-Schnitzereien und Steinarbeiteil, die in Jerusalem und auf den Kolonien von jüdischen Drechslern mit großer Kunstfertigkeit hergestellt werden, itub von denen sich Jeder gern irgend etwas zur Erinnerung mitnimmt. Noch ist die Ausstellung nicht vollendet; es fehlen noch die Südfrüchte, verschiedene Weinsorten und-Holzarbeiten. Aber auch schon in ihrer jetzigen Gestalt bietet sie ein interessantes, ja merkwürdiges Bild von der Entwickelung der jüdischen Kolonien im heiligen Lande. Was könnte aus diesen Kolonien werden, und wie könnte dieses Land neu aufblühen, wenn die reichen Mittel, die leider so vielfach zersplittert und unnütz verthan werden, einzig für diesen Zweck anfgewendet würden! Die Palästina-Ausstellung lockt viele Besucher aus verschiedenen Lebenskreisen an. Sie alle sind aber einig in der Anerkennmig und Bewullderung deffen, was in kurzer Zeit und auf einem Boden geschaffen wurde, auf dem der Fluch des Herrn seit zwei Jahrtausenden ruhte. Mit einem Gefühl von Neugierde habe ich die Palästina- Ausstellung betreten . und mit einem Gefühl inniger Wehmnth habe ich sie verlassen. Ich mußte der großeil Vergangenheit und der traurigen Gegenwart gebenlen; an meinem Geiste zogen die bunten Bilder der wechselvollen Geschichte meines Volkes vorüber, seiner Patriarchen und Propheten/ seiner Könige und Führer, seiner Rabbiileil uub Geistesfttrsten. ... Land der Wunder, Land der Trümmer, Dich begrüßet mein Gesang! Deine Cedern steh'n; noch immer Braust dein Meer mit wildem Klang. Aber deine Helden fielen Und verstummt ist dein Prophet, Und . von deinen Saitenspielen Ist das letzte Lied verweht. Sprerhfaal. Geehrter Herr Doktor! er geniale Begründer dieser Zeitung s. A. hat an uns Elsässer vor 25 Jahren einen Willkommensbrief gerichtet, der mit den ewig schönen Worten von Jesaias anfing: „Friede, Friede, dem Nahen wie dem Fernen!" und von dem ich ein Wort im Gedächtniß zurückgehalten habe, das als prophetische Lektion mir erscheint für viele Unberufene, die von Zeit zu Zeit uns in den politischen Zeitungen unnöthige Rathschläge ertheilen und ungewöhnliche Predigten halten. Dieser will nicht, daß wir den Jekum purkan sagen, der Andere wirft uns unsere 2-3 Orgeln, oder unsere anderthalb Harmoniums vor. Herr „Civis" will unsere Rabbinatskandidaten prüfen, die drei eminenten Oberrabbiner von Elsaß-Lothringen genügen ihm nicht für diese Aufgabe, oder er schickt uns nach Leipzig, um. dort zu lernen, wie man mit Andacht und Würde betet, „lluus pro mvltis" hat die vielfachsten Forderungen an uns zu stellen. Warum, fragt er mit Zorn, haben die Elsässer eine elsäsfische Kultuseinrichtung; eine badische Organisation und eine bayerische Synagogenverordnung sollten sie haben, „der alte Schlendrian darf nicht sortdauern" rc. Nun, alle diese Herren, die wahrscheinlich nichts anderes als Unzufriedene sind, welche auch gerne in unseren Konsistorien möchten sitzen, alle diese Herren erinnere ich an das Wort des seligen Philippson : „Ihr habt eure besonderen bewährten Einrichtungen'; ihr werdet sie bewahren können; in Deutschland werden ja nicht alle Lämmer über den nämlichen Kamm geschoren" (ich zitire auswendig). Das waren vernünftige, brave Worte die wir der Ueberlegung unserer Professoren aus dem Sprechsaal der „Straßburger Post" empfehlert und für die wir einem großen Todten Dank schuldig sind. Simon Levy, Rabbiner. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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