Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
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Im Ofen aber wurde Alles wieder lebendig. ' Im heftigsten Zorne raste der schöne Jüngling zwischen den glühenden Mauern seines Palastes und zwischen den lodernden Bäumen seines Gartens umher und rief seine Getreuen zusammen, die in blanken Rüstungen hin- und herrannten und flackernde Fackeln schwangen. — Rächet mich! rächet mich! so rief er. Das Kind der Finsterniß, das ich zur Fürstin des Lichts erhoben, ist Euch treulos geworden und Ihr habt wieder keine Königin! Nun könnt Ihr abermals tausend Jahre lang alle Feuerherde der Welt durchirren, bis Euch wieder eine wird und bis.Ihr auf Erlösung hoffen dürft aus den Feffelu dieses mächtigen Menschengeschlechtes, das Euch bewältigt hat, daß Ihr ihm dienstbar sein müßt, indem Jhrnur zerstöret! Und zornentbrannten Blickes stürzten sie heraus in die dämmernd stille Stube, die nur das schwache Halblicht des Lämpchens erleuchtete, das Blümchen während des Einschlafens auszulöschen vergessen; und im nächsten Augenblicke leckten die lichten Flammen an ben seidenen Vorhängen empor, und nach einer Minute stand die ganze Stube in Flammen, und das Feuer schlug zum Fenster hinaus und schwang sich über das Dach empor, und die Sturmglocke vom Dome herab verkündete: Feuer! Feuer! Da erwachte die Wittwe, aufgdschreckt von der ungewohnten Hitze in der Stube und von der ungewohnten Helle. — Blümchen, mein Blümchen, wo bist Du? Das war das erste Wort, das sie in der Angst ihres Herzens hervorzubringen vermochte. — Herr Gott Israels, errette mir nur mein Kind! rief sie dann wie eine Verzweifelnde und streckte die langen Arme durch die jagenden Flammen nach dem Lager ihres Kindes aus. Da stürzten rauchend und glühend die Querbalken der Stubendecke hernieder und versperrten ihr den Weg zu ihrem Kinde, wie einst die feurigen Schwerter Gottes den ersten Menschen den Weg zu Paradiese, und verloren war ihr Blümchen für alle Tage dieses Lebens, wenn ein Engel -Gottes sie nicht herausgetragen aus den Flammen oder bewahrt in der Gluth, wie Gottes Barmherzigkeit einst die frommen Jünglinge im Feuerofen geschirmt; denn einsam brannte die Hütte am Ufer und verlassen von aller Hilfe, und kein Rettungsruf war zu hören in der stillen Nacht außer-dem Stöhnen der Sturmglocke vom Dome. Jammernd stürzte die Wittwe in die N acht hinaus. — Vielleicht dachte sie, finde ich mein Kind draußen! Denn nichts hört später auf zu hoffen als ein Mutterherz, und nichts sieht schärfer in der Angst als ein Mutterauge. — Blümchen, mein Blümchen, wo bist Du? So klagend lief sie am Ufer dahin. Aber ach, all ihr Klagen war vergebens, denn n\\x das Jammern der Feuerglocke erwiederte ihren Angstruf, und - die Aermste mußte es anschauen mit eigenen Augen, wie ihr Haus eine Beute der Flammen ward und sinkendes Gebälke ihr einziges Kind begrub. — Unterdessen war der Morgen herangebrochen, und die Tagwerker, die herabgekommen waren, Eis zu hauen, fanden die Wittwe, wie sie wehklagend und verzweiflungsvoll herumirrte zwischen den kahlen Brandmauern ihres Hauses, und sahen sie, wie sie mit ihren Händen die heiße Asche und die verglimmenden Kohlen der noch rauchenden Brandstätte aufwühlte, und hörten sie rufen : Blümchen, mein Blümchen, wo bist Du? Und als sich das Gerücht verbreitete vom nächtlichen Unfälle, da kamen die Leute aus der Gaffe herbei, und mit ihnen Rabbi Feiwel, der Goldschmied, und Jakob, sein Sohn, imb Keiner wußte, wie das Entsetzlichste geschehen, und Keiner wollte die Sturmglocke gehört haben, als hätte ein böser Zauber ihren Wehruf in Bann gehalten, daß er den Weg nicht finde zu den Herzen der schlafenden Stadt. Die arme Wittwe aber saß auf einem verkohlten Balken und sah Niemanden ctit und hörte auf Niemandes Rede und antwortete nicht, wenn man sie fragte. Nur. ihre Thränen sanken in die Asche und ihr Mund nur rief zuweilen: Blümchen, mein Blümchen, wo bist Du? Doch lebte sie noch viele Jahre lang nach jener schrecklichen Nacht; in Sammt und Seide aber stickte sie nicht mehr und sparte nicht mehr schöne Silberthüler, sondern fristete ihr Dasein von den Gaben milder Hände und schlief des. Nachts im Kätzel, das ist in der Gemeindestube, darin die Aermsten wohnen und die Obdachlosen, und saß des Tags auf einem verkohlten Balken der Brandstätte ihres Hauses und wühlte im Gestein und sprach wie im Traume vor sich hin: Blümchen, mein Blümchen, wo bist Du? Nach einer Ueberschwemmung. die infolge eines ungewöhnlich starken Eisganges vor mehreren Jahren eintrat und einige Tage lang anhielt, ist die kohlige Stelle am ' Ufer nicht wieder zum Vorschein gekommen. Jetzt geht die Moldau über sie hin, und man sieht sie nur manchmal aus der Tiefe des Stromes heranfdunkeln, wenn es windstill ist und die Wellen ruhig und klar gehen. In der Berliner Gewerbe-Ausstellung, ir. (0|)Cyeut provinzialer Freund ist bereits längst abgereist, und ich muß nun die Wanderung nach Treptow allein antreten. 7 Aber sein Stichwort: „Ich sage Ihnen" klingt mir noch immer in den Ohren und mahnt mich daran, daß ich meinen Lesern eigentlich noch so gut wie gar nichts über die Ausstellung gesagt habe. Indem ich es, also versuche, die Eindrücke zu sammeln und die, welche für unseren besonderen Zweck von Werth sind, hier zu fixiren, gedenke ich zunächst und vor Allein jener Ausstellung, die zuletzt eröffnet wordell, die aber für uils als Jllden sicher das höchste Interesse hat. Man braucht gerade kein zionistischer Schwärmer zu . sein, um das Wort des Psalmisten: „Verwelke meine Rechte, wenll ich Dein je vergäße, wenn ich nicht Jerusalem immer an die Spitze meiner Freuden stellte" (im Io aale eth Jeruscliolajim al rösch simchothi), zu verstehen [imb zu theilen. Und deshalb werden Alle, die gleichen Sinnens sind, die Palästina-Ausstellung, welche in „Kairo" ihr friedliches Heim gefunden, sicher mit besonderem Interesse aufsuchen. „Wer Kairo nicht gesehen, der hat die Welt nicht gesehen," sagt der Aegypter von seiner Landeshauptstadt mit gerechtem Stolz. Man kann wohl auch behaupten, daß wer „Kairo" nicht gesehen, die Ausstellung nicht gesehen habe. Wenn wir durch diese Thore und Straßen ziehen, dann bietet sich uns ein echt orientalisches Bild, das uns an so viele biblische Szenen gleicher Art erinnert. Auf dem Palmenbestandenen Platze, seitwärts der Cheops-Pyramide, gegenüber dem großen Edfu-Tempel, dem Gott der Horus gewidmet, und neben der Kait-Bai-Moschee mit ihrem schlanken Minaret ist die Palästina-Ausstellung von Herrn Baumeister Wo hlgemuth in einem Bau sehr glücklich untergebracht, der in gelungener Nachahmung an den Davids-Thurm in Jerusalem erinnert. Ein Schild mit der Aufschrift: „Erzeugnisse jüdischer Dörfer in Palästina" weist den richtigen Weg. . Es ist nicht zum Schaden dieser Ausstellung, daß zuerst die herrlichen Bibelsprüche auffallen, die in großen hebräischen Lettern