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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-06-05 · Heft 23 (5.6.1896) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 23 (5.6.1896)
Date
1896-06-05
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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Unter diesen trat der schöne Jüngling mit der jungen Königin, und unter Gesang und Jubel kamen Beide in den Palast zurück, wo Alles bereitet war'zum herrlichsten Feste. Ganz oben an der Tafel, so unabsehbar lang, daß man ihre Heiden Enden nicht zugleich übersehen konnte, saß Blümchen an der Seite des schönen Jünglings auf einem herrlichen Throne; zu beiden Seiten die Gäste. Tausend Diener liefen ab und zu und kredenzten flüssige Gluth in Bechern von glühendem Edelstein und duftende Speisen auf Schüsseln von glühendem Krystall, und Alles schwelgte in lärmender Freude und tosender Lustigkeit, und die Becher klangen au einander, daß die Funken umher sprühten wie die Splitter zerschlagener Sterne und ihr Inhalt überströmte wie die Lava aus kleinen Kratern, und Alles dies durchtönte und überjubelte der Eine Ruf: Heil der Königin! So währte es die ganze Nacht. Erst als es wieder Morgen zu werden begann, erhob sich der schöne Jüngling von feinem Throne, führte Blümchen aus dem Saale, schlug seinen Mantel um sie, brachte sie eiligen Schrittes hinter die seidenen Vorhänge ihres Vettchens zurück unb legte sie hier in ihre weichen, weißen Kissen. Noch einmal sah er sie mit seligstem Wohlgefallen an mib küßte sie auf den schönen Mund. Dann sprach er: Leb' wohl, meine liebe Braut! Bald bist Du mein für immer! und verschwand. Und die hellen Glnthen im Ofen verloschen allmälig wieder, wie, sie sich entzündet, und als die Wittwe erwachte, um das Frühstück zu bereiten, war kein Fünkchen mehr im Ofen zu sehen und nur kalte, graue Asche lag auf den Stäben des Rostes. Leisen Schrittes und auf den Zehen öiitg die Wittwe in der Stube mnher. Sie wollte ihr Blümchen nicht wecken im süßesten Morgenschlaf. War es ihr ja theurer als je. Als aber das Frühstück schon auf dem Tische-stand und Blümchen noch immer nicht erwachte, da ward die Wittwe besorgt und wußte nicht, was es sei, daß ihr Töchterlein so ungewöhnlich lange schlafe. Ich muß doch nachschauen, sagte sie, trat an Blümchens Bette, lugte durch eine schmale Lücke zwischen den Vorhängen nach ihrem geliebten Kinde hin, das da lag in lächelndem Schlummer so schön und doch so bleich, so friedlich und doch so ganz anders als sollst. Das Kind muß heute Nacht wenig geschlafen haben, sprach die Wittwe vor sich hin, schloß die Bettvorhänge noch dichter und setzte sich allein alis Frühstück. Hab' ich doch selbst geschlafen, sprach sie weiter zu sich selbst. Jeden Augenblick war es mir, als ob meinem Blümchen irgend ein Leides geschehe, und ich erinnere mich genau, daß ich einige Male im Schlafe nach ihr gerufen! So ward es fast Mittag, nnb die gute Mutter hatte illizählige Male nach dem seidenen Vorhänge gelauscht, ob sich nichts dahinter regte, als Blümcheil elldlich erwachte und ganz erstalmt um sich sah und ilicht wußte, ob sie ihreil Augen trauen sollte oder nicht. Sie sllchte den schöneil Jüllgling, das schöne Gemach, die strahlende Lichtkugel — nlid als sie llichts sah, als ihre weißen Bettkissen und die grünseideilen Vorhällge, und nichts hörte, als die Stimme ihrer Mutter, die da fragte: Blümchen, bist Du endlich wach? da stieg sie traurig aus ihrem Bette und antwortete kaum auf eine der hundert Fragen ihrer Mutter und blieb still und traurig den ganzen Tag. und als die Mutter am Abend wieder ausgehen wollte, hob sie zu weinen und zu bitten an und sprach: Bleib' doch zu Hause, lieb' Mütterchen! Mir ist so bang ohne Dich! Die Wittwe blieb denn zu Hause, denn sie meinte, unser Blümchen sei nicht recht wohl, unb setzte sich neben sie hin den ganzen Abend in den warmen Ofenwinkel und erzählte manche schöne Geschichte, bis daß es Schlafenszeit war, dann segnete sie ihr Töchterlein und legte sich zu Bette. Blümchen aber überfiel eine unsägliche Angst vor dem Schlafengehen. Sie legte sich wohl zu Bette, aber die Lampe löschte sie nicht aus, sondern stellte sie auf das kleine Nachttischchen hinter den Bettvorhängen und las die ganze Nacht in den Psalmen bis' in den Hellen Morgen hinein. Daß aber die Mutter nichts merke, stand sie so früh auf wie sonst und sang muntere Lieder und hüpfte in der Stube umher und half der Wittwe Kuchen backen; denn es war Freitag, und morgen sollte Rabbi Feiwel, der Goldschmied, mit seinem Sohne kommen, und die Wittwe freute sich, daß ihr Blümchen wieder wohl war. *•. Nur wenn sie allein war, seufzte Blümchen tief auf und konnte es nicht hindern, daß ihr die Thränen ins Auge traten, denn sie dachte des schönen Jünglings. Vor der Nacht aber bangte ihr wieder; und so sehr sie sich wünschte, ihn noch einmal wieder zu sehen, so mochte sie doch nicht schlafen, und wachte und' betete die ganze Nacht. Nun war der Sabbath da, und Rabbi Feiwel und sein Sohn ließen nicht lange auf sich warten. Jakob Rabbi Feiwels war wirklich einer der schönsten Jungen, die es damals in der ganzen Stadt gab. Er war reich und Schönblümchen gefiel ihm. Als die Wittwe auch ihr Blümchen fragte, wie ihr Jakob gefalle, bekam sie nichts zur Antwort, als einen Strom heißer Thränen. Da kamen aber die Muhmen und die Basen und redeten ihr zu, und ehe noch der Sabbath zu Ende war und man Licht anzünden durfte, war die Hochzeit versprochen, und eine alte Muhme zerbrach einen schönen Steingutbecher in lauter kleine Scherben, °zum Zeichen, daß das Bündniß eben so wenig je zerschlagen werden solle, wie der Becher je wieder ganz werden könne, und ein Jüngel aus der Verwandtschaft lief nach einem schriftgelehrten Rabbi, damit auch die Verlobungsschrift geschriebenwerde. Der Rabbi kam, und die Wittwe bereitete ein weißes Tischtuch über den Tisch und zündete zwei Wachskerzen an, unb alle Anwesenden setzten sich, und der Rabbi schrieb auf ein weißes Pergamentblatt das Verlöbnis; und daß Blümchen und Jakob einander treu wollten sein und sich lieben bis in den Tod. Als dies geschrieben war, da freuten sich Alle, und die Wittwe trug ein wohlbereitetes Abendmahl auf, und nur Blümchen wollte sich nicht freuen und erwiederte Jakobs zärtliche Theilnahme an ihrer Traurigkeit mit flehenden Blicken, als wollte sie sagen: — Laß mich! laß mich! ich kann ja doch nicht dein Weib werden, wenn ich es auch versprochen: und wenn ich es werde, so darf ich es ja nicht bleiben * So ging der Abend hin unter Frohsinn der Gäste und Thränen der Braut, und es ward festgesetzt, daß nach Verlauf von vier Wochen die Hochzeit gefeiert werden solle. Lange schon hatten sich die Gäste verabschiedet, als noch die Wittwe mit ihrem Blümchen am Tische saß und ihr liebevoll zuredete und manchen Scherz darüber machte, wie sich noch alles geben werde und wie sie das kenne aus eigener Erfahrung. Eine Stunde vor Mitternacht war es, als sie zu Bette gingen: die Wittwe mit den lieblichsten Sorgen einer Mutter, Schönblümchen mit unsäglichem Bangen. Die Wittwe war über den hundert Gedanken, wie sie die Hochzeit anrichten wollte/bald eingeschlafen. Blümchen aber las in beit Psalmen. Müde von vielem Weinen, erschöpft von heimlichem Bangen und von der Angst zweier schlaflosen Nächte kämpfte sie vergeblich gegen den Schlummer. Ihre Augen schlossen sich endlich, wenn sie es auch nicht wollte, und sie hörte es nicht mehr, als von dem alten Domthurme herüber zwölf laute Glockenschläge die Mitternacht verkündeten.

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