Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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' So sprach er, und in einen glühenden Mantel gehüllt schritt er ' hinaus aus dem Ofen. Hundert Diener folgten ihm und rannten mit ihren Rauchfäßchen in der Stube umher und erfüllten sie mit dichten Wolken und hüllten Blümchens Bett in die lieblichsten Düfte. Der schöne Jüngling aber trat näher heran an dasselbe und lüftete die leise rauschenden Vorhänge und sah Blümchen mit innigem Wohlgefallen an, wie cs da schlief und wie sich die beiden Brauen hiubogen über die geschlossenen Angen gleich zwei schönes! Kohlenstreifen, und wie ein stilles Lächeln um die schönen Lippen spielte, gleich stillen Funken, die glimmend hin und her zucken, und neigte sich zu ihr nieder, küßte sie auf den schönen Mund und sprach: Du sollst meine Braut sein! Dann hüllte er sie in seinen Mantel ein und trug sie von hinnen. Als Blümchen erwachte, da lag es auf einer Ottomane vom schönsten feuerrothen Damast und trug ein leichtes dünnes, in den anmuthigsten Falten niederfließendes Gewand, und die schwarzen Locken wanden sich ihm wie spielende Schlangen um die weißen Schultern nieder. Und als es aufblickte, da sah es erst, daß es sich in einem seltsamen Gemache befinde, in das von oben herab durch ein großes, von lauter Rubinen gebildetes Fenster das lieblichste rothe Licht fiel und Alles, Spiegel und Polster, Fußboden und Wände, Tische und Blumengeschirr mit dem lieblichsten rotheu Schimmer übergoß. Es wagte in all' der Pracht noch kaum zu athmen, da erschienen wohl zwanzig der schönsten Jungfrauen und brachten kostbare Schleier und reiche Gewänder und funkelnde Geschmeide, und ehe Blümchen recht fragen konnte, wo es sich eigentlich befinde, wer sie seien und was sie wollten, knieten sie zur Erdekreuzten die Anne über die Brust und küßten die Teppiche des Fußbodens, und eine von ihnen sprach: Wir sind Deine Dienerinnen, Herrin! Erlaube, daß wir Dich ankleiden! Dann legten sie Blümchen die Gewänder an, hüllten es in die Schleier, hüngten ihm die funkelnden Geschmeide um, schmiegten ihm eine Krone aus Rubinen in die Locken, salbten es mit-duftenden Oelen und legten ihm noch über alles einen rothgluthenen Mantel um die Schultern, gerade wie jener war, den es selbst einmal für die Königin gestickt. Dann küßten sie ihm den Saum des Mantels und sprachen: Bleib uns immer gnädig, o Herrin! und verließen das Gemach. Unsere Kleine ließ das Alles geschehen und stand noch lange, nachdem die Dienerinnen verschwunden waren, in der Mitte des Gemaches und sah voll Verwunderung ihr Bild aus den hundert Spiegeln und Edelsteinen an den Wänden ringsum wiederstrahlen, und kannte sich selbst nicht mehr und hätte es sich gewiß nicht geglaubt, daß sie es wirklich sei, die die königlichen Prunkgewänder trage, wenn sie nicht ihr eignes Herz unter dem kostbaren Schmucke hätte pochen fühlen, und wenn sie es nicht deutlich gehört hätte, daß eine wohlbekannnte Stimme rufe: Blümchen, mein Blümchen, wo bist Du? Diesmal aber war es nicht die Stimme der Mutter, die Abends spät heimkehrte, sondern die des schönen Jünglings, die den rothwallenden Vorhang an der Stelle des Einganges theilte und hereintrat und sich ihr näherte. Andächtig und liebevoll hob er die Augen zu ihrer Schönheit empor, verneigte sich, beugte, ein Knie und küßte die rosigen Spitzen . ihrer Finger. Dann erhob er sich und sprach': Folge mir, schöne Königin! seit einer Stunde schon harren Deiner die Großen des Reiches! Und schön und stumm wie ein Bild, das erst von des Malers Hand gekommen, wandelte sie neben ihm dahin durch die hohen Säle und Hallen und über die breiten gluthmarmornen Treppen in den weiten Hofraum hinab, in welchem dir Großen des Reiches, Herren und Frauen, in glänzendem Aufzuge standen und Pagen mit kostbaren-Geschenken hervortraten und Mnsikchöre eine rauschende Musikerhoben, so wie Blümchen erschien. Und Alle beugten das Knie vor ihr und kreuzten die Arme über die Brust und sangen einstimmig: Sei uns gegrüßt, o Herrin, Auserlesene von Tausenden! Hierauf öffneten sich zwei große Flügelthüren, und sie trat am Arme des schönen Jünglings in einen herrlichen Tempel, und das ganze Volk und die Großen des Reichs und die Pagen unddie Musiker folgten. - Im Hintergründe des Tempels, den eben so wie alle Räume des Palastes ein mildes rosenfarbiges Licht erhellte, öffnete sich nun von innen heraus eine kleine goldene Pforte, und man sah hinter derselben einen tiefen dämmerdnnklen Raum, in dessen Mitte sich ein schlichter Altar von weißem Marmor erhob. Auf dem Altäre aber glimmte ein kleines Sternlein, gerade als hätte Jemand es erst aus der Ferne des Himmels herabgeholt und dahin gelegt. An der Schwelle des dunklen Raumes kniete der schöne Jüngling nieder und zog unser Blümchen sanft.nach sich. Da war es ihr, als hörte sie aus dem dunklen Raume herausrufen: Blümchen, mein Blüchen, wo bist Du? und sie erbebte in ihrem.Herzen und widerstrebte dem schönen Jüngling. Ihr war, als hielte eine Hand sie zurück, indeß die andere sie niederzog, und als wiffe sie nicht, welcher zu folgen. Die sie aber niederzog war die stärkere, und sie kniete neben den Jüngling hin. Nun erhoben sich wallende Töne wie aus der Ferne, und ein tiefer, ernster Gesaug erfüllte, immer näher und näher heranwogend, die luftigen Räume des Tempels. Während der Gesaug immer mächtiger und mächtiger heranschwoll, entfaltete sich auch das kleine Sternlein im finstern Raume immer mehr. und mehr und wurde immer größer und glänzender und schien immer näher zu rücken, wie aus der Ferne des Himmels zur dunklen Erde herab, bis es' ein großes blendendes Gestirn geworden, ein weißes Lichtmeer, in dessen zitterndem Glanze jedes Auge erblindete. Alle Herzen und alle Pfeiler im weiten Raume erbebten vor dem donnernden Strome des allmächtigen Chores, und kein Auge wagte emporzuschauen in das weiße Meer des Lichtes. -- Da trat ein Priester aus dem dunklen Raum hervor, in dessen Mitte das blendende Gestirn gleich einem riesigen Lichtball über dem Mär schwebte, und sprach zu Blümchen: Dll entsagst dem Glauben der Erde und dem Wahne des Menschenherzens und verläffest den Jrrthum der Sterblichen, um das Licht auzubeteu, das allbeseligende. So weihe ich denn im Nanien des Lichtes, daß Du treu bleibest dem Lichte und selig werdest im Lichte! Hieraus tauchte er eine goldene Schale in das zitternde Lichtmeer, hob sie hoch empor und zeigte sie der versammelten Menge, die-anbetend niederfiel, und goß sie aus über die dunklen Locken unseres Blümchens. Blümchen fuhr es dabei wie Feuer durch die Seele und wie schmelzende Kohle durch alle Adern. Sie wollte reden, sie wollte entfliehen; aber ihre Zunge war wie gebunden, und wie mit eisernen Klammern hielt es sie an den Stufen, auf denen sie kniete. Sie fühlte, daß ein Zauber über ihr walte, und den Zauber nur Einer zu lösen vermochte, und der Eine war der schöne Jüngling. Dieser küßte nun wieder die Spitzen ihrer Finger und küßte ihren Mund, und der Zauber war wirklich gelöst; beim sie konnte sich nun an seinem Arme erheben, und schritt zurück zwischen den glühenden Säulen des Tempels, indeß die versammelte Menge ihr allenthalben zujubelte und: Heil der Königin l rief. Vor dem Eingänge des Tempels harrten vier Männer und trugen an vier goldenen Stangen einen gluthröthm Baldachin.