Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in Buchara. Von D. Feitelberg. furch das Schicksal nach Mittel-Asien verschlagen, lebten hier' die Juden Jahrhunderte hindurch unter nicht minder schweren . Verhältnissen, wie ihre Glaubensbrüdcr in Europa. Die Muselmänner konnten sich lange Zeit nicht entschließen, ihnen gleiche Rechte,, mit den Gläubigen zu gewähren, und erst unter russischer Herrschaft, athmeten sie freier auf. Wenn auch die Muhammedaner den Juden " den Aufenthalt in ihrem Lande gestatteten, so betrachteten sie sie doch für zu gering und niedrig, als daß sie mit ihnen auf gleicher Stufe hätten stehen wollen. Wir erblicken daher in allen Verordnungen, ..= welche die Juden betrafen, das Bestreben, die freie Persönlichkeit des Juden zu vernichten, namentlich aber ihn im Vergleich mit dem Muhammedaner niedriger zu stellen. Mit dem Verbot der Freizügigkeit, mit der Beschränkung der freien Ansiedelung raubte man ihm sogar die Gleichheit vor dem Gesetze mit den Gläubigen. Außerdem gab es noch eine Unmenge;f Verbote und Gesetze, welche alle die Tendenz haben, den Juden in eine wenig beneidenswerthe Ausnahmestellung zur übrigen Be-: völkerung zu bringen, ja selbst die freie Religionsübung wurdeihm verkümmert. Der Jude durste nicht nach Sonnenuntergang in die Stadt; eintreten, er durfte zu seinen Reisen kein Pferd benutzen, sondern d mußte ausschließlich sich eines Esels bedienen; es war ihm untersagt, bunte Kleider und Stiefel zu tragen und eine andere Kopfbedeckung^ aufzusetzen, als diejenige, welche ihck vorgeschrieben war, und während die Muhammedaner, nach dem Brauch des Landes, sich mit einem, bunten Tuch umgürteten, war es den Juden nur gestattet, einen Strick um ihre Hüften 31t schlingen. . Diese Ausnahmegesetze brachten es naturgemäß mit sich, daß die, Juden sich von der übrigen Bevölkerung vollständig abschlossen und i ein eigenes Centrum bildeten, in welchem sich das Gefühl der Brüder-; lichkeit und der Solidarität durch gemeinsam erduldete Leiden zu einem hohen Grade entwickelte und namentlich das altüberlieferte biblische Judeuthum in nichts modisizirt wurde. Trotzdem ist aber auch bei den Inden Bucharas der Einfluß unverkennbar, den die Völker, in deren Mitte sie lebten, , auf sie aus- / übten. Das beweist am deutlichsten die Thatsache, daß sie die fremdem- Jdiome, wie persisch und turkestanisch, namentlich aber dentadschinskischen Dialekt zu ihrer Umgangssprache machten. Auch im Ban und in der Einrichtung der Häuser weichen sie von der übrigen Bevölkerung^ nicht ab, wie sie denn überhaupt viele Gewohnheiten und Besonderheiten der Muselmänner angenommen haben. Allein diese theilweise Assimilirung vermochte nicht, den spezifisch jüdischen Typus bei ihnen auch nur im geringsten zu verwischen., Er offenbart sich sofort in dem lebhaften, ausdrucksvollen Blick, in den pechschwarzen Haaren, in der etwas gekrümmten Nase, dem spitzen Kinn, dem schlanken Wüchse und dem stolz-schwebenden Gang. . So sehr der Jude Mittel-Asiens im Allgemeinen seinem.r europäischen Glaubensgenoffen ähnelt, so sehr unterscheidet er sich von ihm im Besonderen. Vor allem sind die Gesichtszüge weicher, , würdevoller. Die Kleidung der bucharischen Juden unterscheidet sich gegenwärtig wenig von derjenigen der übrigen Bevölkerung, nur daß sie über dem schwarzen Käppchen ein spitze, pelzbesetzte Mütze tragen. Das i Haar scheeren sie ganz kurz und lassen an den Schläfen längere^ Löckchen zurück. Unter den Reichen, besonders in den bucharischen Besitzungen Rußlands, herrscht noch Vielweiberei, welche sie von den Muhammedanern überkommen haben. Die Frauen, bei denen hierder Volkstypus noch weniger verändert als bei den .Männern ist. dürfen imverhüllten Antlitzes gehen, obgleich die meisten von ihnen noch das Gesicht mit einem schwarzen Haarschleier, einem sogenannten Parandscha bedecken, welchen' siealler oft und gern lüften. Als mit der Annektiruug Bucharas durch Rußland den Juden dort gleiche Rechte mit der übrigen Bevölkerung eingeräumt wurden, wandten sie sich bald allen ihren bis dahin verbotenen oder. nur . theilweise erreichbaren Beschäftigungen zu. Besonders lebhaft wurden die Handelsbeziehungen, welche sie mit Europa auknüpften, indem sie geschickt der neuentstandenen Nachfrage nach europäischer Waare Rechnung zu tragen wußten. Sie nehmen gegenwärtig in den turkestanischen Gebieten entschieden eine bedeutende Stellung ein und sind in dem großen Handelszentren Ost-Asiens, wie in Buchara, Taschkent. Samarkand und Kokan die Hauptvermittler des Waarenanstausches zwischen Asien und Europa. Ein großer Theil der jüdischen Bevölkerung befaßt sich aber auch mit Handwerk, hauptsächlich mit dem Färben der verschiedensten Gewebe, namentlich der Seide, wie denn gefärbte Seide überhaupt bei ihnen einen vornehmlichen Handelsartikel bildet. Die nahen Beziehungen, in welche die Juden Bucharas durch ihr Erwerbsleben zu Europa gebracht wurden, hatten zur Folge, daß die Jugend in letzter Zeit. Dank der öfteren Geschäftsreisen nach Baku, Moskau und Nischni-Nowgorod, ihren äußeren Menschen zu europäisiren begann. Kaum in Rußland allgekommen, oft schon an der Grenze in Usau-Ada, nehmen sie ihren asiatischen Chalat ab, um ihn mit einem modernen Alizuge zu vertauschen, während sie das kahlgeschorene Haupt mit den Seitenlöckchen unter einem Hut verbergen. —I —I --—-H l—l I-—- nmuntnnwimra MMMiM * 1 FEUILLETON | 1 ü H-:—-'-1 l—l 1—-- Jüdische Märchen. Glimmende Bohlen. II s&y mint war Blümchen eiugeschlafen, so begann es im Ofen in yJTV den verglommenen Kohlen wieder lebendig zu werden. Erst OoM machte ein Fünkchen in der Asche, daun ein zweites, dann ein drittes, und das knisterte und jagte hin und her zwischen den schwarzen Stücken, daß bald Alles in heller praffelnder Gluth stand; und wenn Blümchen wieder vor dem Ofenthürchen geseffen wäre, hätte es sehen können, wie all die Gestalten, die früher, eine nach der anderen stehen geblieben waren, jetzt wieder rege wurden und im hellgewordenen Garten hin und her wandelten, ganz so wie zuvor, nur noch lebhafter und geschäftiger. Auch der schöne Jüngling lag wieder auf den glührothen Rosenblättern in der Laube und las in dem Buche und schlug es auch wieder zu und küßte die rothgluthenen Deckel. Dann erhob er sich und trat heraus und winkte seine Diener zu sich und ertheilte ihnen Befehle, und die Diener stoben nach allen Richtungen auseinander, und im nächsten Augenblicke standen alle Rabbiuen und die Herren und die Frauen um ihn im Kreise lind verneigten sich ehrerbietig, und er sprach zu ihnen: Seid bereit! denn ich. führe Eure Königin heute in meinem Palaste ein und Ihr sollt ein Fest feiern« wie noch keines!