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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-06-05 · Heft 23 (5.6.1896) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 23 (5.6.1896)
Date
1896-06-05
Page
Seite 271 (sequence 7)
Language
German
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Testament ins neue hineinarbeiten muffen. Als noch junger Arzt wurde er Direktor des Thierarznei-Jrfftituts in Wien. Er wollte heirathen, aber da seine Braut sich ihrer neuen Schwäger, welche einfache Handelsjuden geblieben waren, schämte, verzichtete er ans die Heirath und trat in den geistlichen Stand. Seinen Ruhm begründete er als zweiter Domprediger bei St. Stephan in Wien. Sein Biograph, Ritter v. Hoffinger, nennt ihn einen der ersten Kanzelredner aller Zeiten. Er hatte auch ungeheueren Znlauf, obgleich seine katholische Rechtgläubigkeit angezweifelt wurde 'und seine äußere Erscheinung „affreuse" gewesen sein soll. Seinen früheren Glaubensgenossen wurde er ein Wohlthäter, als 1840 infolge des Verschwindens des Paters Tomaso in Damaskus die alte Blutbeschuldigung gegen die Juden wieder auftauchte. Er soll damals von der Kanzel herab, das Kruzifix in der Hand, die Lügenhaftigkeit solcher Beschuldigung beschworen haben?) Gerson Wolf stellt dies freilich in Abrede?) Edgar (Pius Maria) Mortara, dessen Raub aus dem Ghetto eine der letzten Heldenthaten der verflossenen päpstlichen Regierung war, ist von den Jesuiten so vortrefflich zum gläubigen Katholiken gezüchtet worden, daß er, zum Priester geweiht, für päpstliche Unfehlbarkeit und Judenbekehrung schwärmt. Der glühendste Wunsch seiner Seele, die ungläubige Mutter den Krallen des Teufels zu entreißen, ist unerfüllt geblieben; die unglückliche Frau starb im Herbste vorigen Jahres im Glauben ihrer Väter. — David (Paulus) Drach, ans Straßburg gebürtig, war bis zu seinem Tode (1865) Bibliothekar der Propaganda in Rom?) Eine traurige Berühmtheit hat dessen Schwager Simon Deutz erlangt, gleichfalls getaufter Jude, wenn auch kein Priester. Er verrieth nämlich seine Freundin, die Herzogin v. Berry, die Mutter des „Roy", als sie in der Vendöe einen Aufstand zu erregen suchte, für 500 000 Frs. an die Regierung. Gin Mort «brr die „Getauften Juden im neun^ehntenIahrhuiidert." Von Dr. M. Kupferling. C>*ut Nr. 19 dieser Zeitung beschäftigt sich Herr Dr. Samter mit einem Thema, das man getrost den Missionsblättern überlassen könnte, nämlich mit den getauften Inden im neunzehnten Jahrhundert. Daß gegen Ende des achtzehnten und zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts der Glaubenswechsel besonders in Deutschland nicht zu den Seltenheiten gehörte, daß Viele den Protestantismus mit dem Katholizismus vertauschten, infolge des überhandgenommenen religiösen Jndifferentismus auch eine verhältnißmäßig kleine Anzahl der Bekenner des Judenthums dem väterlichen Glauben den Rücken kehrten, das ist allgemein bekannt. Wir würden auch auf den Artikel über die getauften'Juden hier nicht zurückkommen, wenn derselbe nicht Manches enthielte, was berichtigt werden muß. Herr Dr. N. Samter eröffnet den Reigen mit dem polnischen Dichter Jsachar Falkensohn Behr und beruft sich dabei auf Wertheimer's Jahrbuch für Israeliten 5623, S. 6, vielmehr auf eine von mir in diesem Jahrbnche abgedruckte Arbeit. Dort heißt -es: „Behr verließ als ein von der Universität Halle 0 D. A. Rosenthal: Konvertitenbilder aus dem 19. Jahrhundert Bd. I. 1. Schaffhaustzn 1871. @.215. 2) Israelitische Wochenschrift 1877. S. 41. »- Rundschau über die Diaspora der Juden I. 1887. S. 42. promovirter Doktor der Medizin im Jahre 1773 Berlin und begab " sich nach Breslau, um in seine Heimath zurückzukehren. Doch kaum hatte er Breslau betreten, als auch seine Glaubensgenossen Anstalten trafen, ihn in Gewahrsam zu bringen, wie Professor Busch aus Hamburg dem jungen Herrn von Hennings, dem Freunde ' Moses Mendelssohns, mittheilte, weil sie fürchteten, daß er gleich Anderen zur Kirche übertreten werde." Daraus macht nun Herr Dr. S.: „Er wurde 1773 als eben promovirter Doktor der Medizin in Breslau, auf Betreiben der dortigen Judenschaft, festgenommen, weil er zur Kirche übertreten wollte." Daß Falkensohn Behr sich als Arzt in Hasenpoth, seiner Heimathsgemeinde, niederließ, wird nicht erwähnt, dafür aber die Aeußerung hinzugefügt: „Vermutlich hat er später Gelegenheit gefunden, seine Absicht auszuführen." Im weitern Verlauf konnnt Herr Dr. Samter auch auf die Kinder und Enkel Moses Mendelssohns zu sprechen. Es berührt Jeden gewiß recht schmerzlich, daß von den Nachkommen des unsterblichen Mannes kein einziger mehr als Jude lebt; dafür aber den Vater beziehungsweise den Großvater verantwortlich zu machen, ist entschieden unberechtigt. „Moses Mendelssohn selbst ist an dem Unglück, das über sein Haus hereinbrach, vielleicht nicht ganz ohne Schuld," urtheilt Dr. S. Worin soll seine Schuld bestehen? „Er nahm, Herz Homberg als Erzieher seiner Söhne, einen Mann, von dem er wohl hätte wissen können, daß er nur noch mit halbem Herzen beim Judenthum war." Woher er das wohl hätte wissen können? Etwa ans dem von ihm gearbeiteten Kommentar zum fünften Buche Moses? Wir sind weit davon entfernt, Herz Homberg rechtfertigen oder vertheidigen zu wollen. Daß er sich um die Kultur und geistige Erhebung der Juden im österreichischen Kaiserreiche verdient gemacht hat, müssen selbst seine heftigsten Gegner zugeben. Er rühmte sich in einem Majestätsgesuche, „er habe in. einer seiner " Schriften die Identität von Judenthum und Christenthum nachgewiesen." Deß rühmt er sich aber gar nicht. In dem Majefiätsgesuche vom 18. August 1833 spricht er sich über den Zweck seines Lehrbuches „Bne Zion" aus: „Religiöse Moral zu verbreiten unter seinen Mitbürgern, sittliche Empfindungen zu beleben und sie zu .belehren, daß die Grundbegriffe der christlichen Religion mit den unsrigen übe re in stimmen." Wir wollen diesen Ausspruch Hombergs nicht weiter deuten und nicht erklären; er that ihn, nachdem er bereits fünfzig Jahre das Mendelssohn'sche Haus verlassen hatte. Uebrigens war Herz Homberg gar nicht der Erzieher , der Mendelssohn'schen Söhne. Von den drei Söhnen war Abraham, als Homberg das Mendelssohn'sche Haus verließ, kaum sechs, und Nathan, der jüngste, kaum ein Jahr alt. — Die hat nicht Homberg dem Judenthum entfremdet; er war einzig und allein der Erzieher des ältesten Sohnes Mendelssohns, und dieser Sohn, Joseph Mendelssohn, blieb Jude und starb, wie dessen Sohn Alexander, als Jude. Statt mit den Getauften sollte sich Herr Dr. Samter mehr mit denjenigen beschäftigen, welche zum Judenthum übergetreten oder zurückgekehrt sind. Es wäre das ein weit dankbareres Thema. Mit Material könnten wir ihm dienen. So' kehrte hier vor ca. fünf Wochen ein sehr gebildeter und gutsituirter Mann, der vor siebenuudvierzig Jahren sich hatte taufen lassen,. im Alter von vierundsiebzig Jahren zum Judenthum zurück, und erst gestern kam ein höherer Beamter zu mir, um zum väterlichen Glauben zurttckzukehren; mit Thränen in den Augen versicherte er, daß er erst dann die Gemüthsruhe wieder fäiibe, wenn er wieder Jude wäre.

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