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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-06-05 · Heft 23 (5.6.1896) · p. Seite 270

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 23 (5.6.1896)
Date
1896-06-05
Page
Seite 270 (sequence 6)
Language
German
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Dürfen wir mit einem Statthalter Christi beginnen? Es soll ein Buch des Marquis von Consolini „?1o nono un ebreo“; existiren?) in welchem der Beweis versucht wird, daß dieser Papst aus der jüdischen Familie Mastai stamme. Professor Jäger erzählt: Als ein Dr. M. Pius IX. den Pantoffel küßte, war er von dem jüdischen Geruch betroffen, der von Sr. Heiligkeit ausströmte;, übrigens hat der Papst in einer Unterredung mit den Gebrüdern Cohen aus Lyon seine jüdische Abkunft selber zugestanden?) Ein judenchristlicher Kardinal ist mir nicht bekannt; ein unechter machte 1854 von sich reden. Hermann v. Scharff-Scharffenstein erzählt eine ffpaßige Geschichte von dem polnischen Konvertiten, „Rabbi" Meirowitsch, der um diese Zeit in Deutschland als „Kardinal Fürst Altieri" reiste, bis er von dem Bischof Stahl von Würzburg entlarvt wurde?) Erzbischöfe, Bischöfe und Priester sind in stattlicher Anzahl aus dem Judenthume hervorgegangen. "Im Allfange unseres, Jahrhunderts ließ sich in Amerika ein galizischer Jude, Namens Kolb, taufen und wurde mit der Zeit nicht blos Erzbischof, sondern auch glücklicher Besitzer von 13 V2 Millionen Dollars, die nach seinem Tode seinen beiden in Galizien zurückgebliebenen Brüdern, Israeli und Chajim, sehr zu Statten kamen?) Erzbischof Howard stammte aus Prag, wo er als Jude den Nanien Edgar Austerlitz geführt hatte. Er wurde Beichtvater der Königin Jsabella von Spanien und nach deren Vertreibung Coadjutor des Kardinalbischofs vom Frascati. Kunst war Erzbischof von Kalocsa (Ungarn)^) und * Stadler Erzbischof von Serajewo?) Theodor Kohn, welcher gegenwärtig den erzbischöflichen Stuhl von Olmütz ziert, ist nach der" „Germania" bereits als Christ geboren. Bis zum Bischof in partibus hat es der ehenlalige magyarische Patriot und Freund Kossuths Bernhard Bauer gebracht. Durchden Karmeliter Augustin, der eigentlich Hermann Cohen hieß, in Paris zum Christenthum bekehrt,' wurde er gleichfalls Karmeliter^ und glänzte namentlich als Kanzelredner. „Sein bleiches, von dunklem Bart umrahmtes Gesicht, das von dem Glanze schöner-' blauer Augen erleuchtet war, besonders aber die ungewöhnlich zarten Hände komiten ihres Eindrucks, namentlich auf die Frauenwelt, nicht verfehlen."7) Er wurde Beichtvater der Kaiserin Eugenie und aller schönen Frauen von Paris. Bekanntlich hat er auch am Suezkanal am 17. November 1869 die große Einweihungsrede gehalten. Der Gottesdienst in der Tuilerienkapelle, bei welchem Bauer celebrirte, während Strauß das Orchester, Jules Cohen die Chöre dirigirte und Rosine Bloch die Soli sang, von denen die drei; Letztgenannten noch dem Judenthum angehörten, muß recht erbaulich gewesen sein. Nach dem Sturze des Kaiserreichs vertauschte Bauer seine bischöfliche Würde mit dem Pferdesport und ist meines Wissens noch jetzt am Leben. Ein ungleich ernsterer Charakter war Moyses, 1851—1874 Bischof von Heiligenkreuz (Oberungarn), der auch als christlicher Geistlicher seinen früheren Glaubensgenossen ein warmer Freund und H. v. Scharff-Scharffenstein: Das geheime Treiben, der Einfluß und die Macht des Judenthums in Frankreich. Stuttgart 1872. S. 100. 2) G. Jäger: Die Entdeckung der Seele, Bd. I.*. Leipzig 1884. Seite 246. 3J Das entlarvte Judenthum. Bd. II. Zürich 1871. S. 53. 4) Friedensbote 1881. S. 95. 5) Saat auf Hoffnung 1864. Heft 1. S. 34. °) Mittheilungen a. d. Verein z. Abwehr d. Antisemitismus 1895. S. 344. 7) „Das Volk" v. 12. Januar 1895. Beilage. stets bereiter Helfer geblieben ist. *) — Provinzial der Dominikaner zu Oberzell bei Wttrzburg war Franz E h r e n b u r g, den man 1867 allgemein der Erbschleicherei beschuldigte.* 2 3 4) In den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts traten vier elsässische Juden Namens Libermann zum Christenthum über; von diesen that sich besonders Jacob Libermann, dessen Vater Rabbiner in Zabern gewesen sein soll, als frommer Abbe hervor. Er gründete die Kongregation vom heiligen Herzen Mariä für Heidenmission und ist seiner hyperkirchlichen Gesinnung wegen vom Papste selig gesprochen, also der Verehrung der Gläubigen empfohlen worden?) Zwei Brüderpaare jüdischer Abstammung,- die Ratisbonne und die Le mann, suchten die Judenmission auch in die katholische Kirche zu verpflanzen. Die Ratisbonne's waren Söhne des jüdischen Konsistorialpräsidcnten in Straßburg und Enkel des um die französische Judenheit hochverdienten Cerfberr?) Der ältere Bruder, Theodor, wollte durch seine Nonnen-Kongregation „Unserer lieben Frauen von Sion" zu Paris, die auch eine Filiale in Jerusalem unterhielt, ursprünglich blos junge Mädchen aus dem Judenthnm gewinnen. Später nahnr er sich aber auch der Männer an und bekehrte namentlich das Zwillingspaar Joseph und Augustin Lemann aus Lyon, die gleichfalls Priester wurden und 1870 das vatikanische Konzil für die Judenmission zu begeistern suchten.5 * 7) Zum Glück hatten aber die versammelten Väter für dergleichen Narretheien keine Zeit. Joseph Läm ann ist fleißiger Schriftsteller; er hat neuerdings in bis jetzt drei Bänden die Emanzipation der französischen Juden vom ultramontanen Standpunkte aus dargesteüt. Alphons Ratisbonne war als Jude ein Bonvivant, der den lieben Gott einen guten Mann sein ließ. Aber als er sich einst die Herrlichkeiten der ewigen Stadt betrachtete, erschien ihm in der Kirche St. Andreas die gebenedeite Mutter Gottes von Glorie mnfloffen, voll Majestät und Süßigkeit, wie solches in dem Büchlein: „Die wllnderbare. Bekehrung des Israeliten Herrn Alphons Ratisbonne in Rom den 20. Januar 1842" (Aachen 1842) höchst erbaulich zu lesen ist. Natürlich wurde er sofort gläubig und schloß sich dem Stande.sowie den Bestrebungen seines Bruders Theodor an. Von sonstigen judenchristlichen Priestern seien noch folgende erwähnt : Pater Joseph Wolfs war Hofkaplan Friedrich August's II. von Sachsen?) Joel Jacoby sprach noch als Jude in den „Klagen eines Juden" seine Sehnsucht nach Jesus aus, die er bald darauf durch seine Taufe in der Pfarrkirche zu Dresden befriedigte. Hoffentlich hat er den Frieden, den er als Jude vergeblich suchte, als katholischer Geistlicher gefunden?) Der Domprediger Johann Emanuel Veith, Doktor dreier Fakultäten und Ehrenbürger der Stadt Wien, staunnte aus einer böhmischen Judenfamilie. Leicht ist ihm der Religionswechsel wohl nicht geworden, denn er gestand später, er habe sich 21 Jahre lang mühsam durch das alte Jüd. Familienblatt, Beiblatt d. Israelitischen Wochenschrift 1894, S. 150. ■ 2) H. v. Scharff-Scharffenstein a. a. O. S. 55. 3) Rundschau über die Diaspora d. Juden, Beibl. von „Saat auf Hoffnung" I. 1887. S. 44. 4) I. Lömann: Eintritt d. Israeliten in die bürgerliche Gesellschaft. Rixheim 1888. S. 372. b) Saat auf Hoffnung 1881. S. 144. b) Jewish Intelligence 1841. S. 315. 7) Daß I. Jacoby Geistlicher wurde, berichtet die „Allg. Ztg. d. Judenthums" (1865, S. 463). Nach K. Gutzkow (Rückblicke auf mein Leben. Berlin 1875. S. 48) ist er Kanzleirath und Zeitungslektor beim Polizeipräsidium in Berlin gewesen. Wie reimt sich das zusammen?

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