Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
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wie glücklich ist der Stammvater dieses Volkes, und wie feig und . trostlos sind seine Sprossen. An der Grenze Kanaans angelaugt, wollen „sie Kundschafter ausschicken, das ist ihr gutes Recht; und Gott - gewährt ihnen ihr Verlangen; warum sollten sie mit den Kanaanitern den Krieg nicht nach Regel und Ordnung führen? Warum sollten sie nicht die Blößen der Feinde erkunden, um sie desto sicherer zu treffen; nur thörichter Kleinmuth ist ein Zeichen des mangelnden Vertrauens zu Gott, weise Vorsicht kann sich vortrefflich zu ihm gesellen. „Das Roß sei bereitet zum Tage des Krieges, wenn auch vom Herrn die Hilfe kommt," lehrt der weise König; „Aber wie der Dorn in der Hand des Trunkenen, so ist verständige Lehre im Munde des Thoren;" diese Erkundung des Landes, so paffend und sachgemäß, wenn sie in der rechten Weise wäre geübt worden, wird zum Dorn, der sich in das Fleisch des Volkes wühlt, daß es sein Blut verliert, weil von den zwölf Kundschaftern zehn feig imb träge sind, und weil die Israeliten weit eher geneigt sind, auf die zu hören und denen zu gehorchen, die ihre Furcht, als denen, die ihren Muth erregen wollten; ihnen fehlte jener Aufschwung der Seele, welchen wir Gottvertrauemnennen; und .sie sprachen darum : Wir wollen uns . ein Haupt wählen und nach Aegypten zurückkehren. Welch niederes Trachten' und Sinnen offenbart sich in diesen Worten; es gilt ein kühnes Wagen für ein großes Ziel, da sehnen sie sich zurück nach der alten Fessel und der alten Geißel; vergebens inahnte sie Kaleb und Josua: „Dieses Volk ist unsere Beute, ist ein Schatten und Schemen und Gott ist mit uns, darum fürchtet nichts." Sie sehen nur die großen Riesen, die mächtigen Festen, sie vergessen, daß die Wunder Aegyptens den Schrecken vor Israel verbreitet habeil, daß der Schatten, das Selbstvertrauen den Kanaanitern geschwunden ist, daß dem Riesen die Furcht den. Arm lähmt, sie wissen nichts von deni Muthe und der Begeisterung, die im Kriege so oft den Sieg erringen über die Stärke der Zahl, und ihre Tapferkeit zeigen sie, iiidem sie Steine erheben; gegen ihre besten Freunde, gegen Kaleb lind Josua, die freie kühne Entschlüsse in. ihnen wecken wollen. War es die Strafe Gottes, oder war es uicht die eigene Trägheit und Feigheit, die sie zum Tode in der Wüste verurtheilte? Kann der das Glück gewinnen, der es nicht ergreifen mag? Dieses Volk, das lieber zurück nach Aegypten, als nach Kanaan ziehen wollte, das ein Leben unter dem Joche vorzog einer Stunde der Gefahr, das seine zur That spornenden Freunde, gleichsam die laute Stimme des Gewissens, mit Steinen ersticken wollte, es geschah ihni nur sein Recht, wenn es unterging. Doch, daß keines der Zeichen der Feigheit fehle, so lesen wir, wie sie sich, nachdem Gott ihr Schicksal, in der Wüste zu sterben, schon besiegelt hat, Plötzlich aufraffeii, und wie von einem Rausche erfaßt zieht ein Theil des Volkes trotz des Abrathens des Mose gegen den Feind wld wird geschlageii. Es ist oft bemerkt worden, daß Feiglinge in einzelneii Momenteii, wie von einem Wahne fortgerissen, Tollkühnheit zeigeii, sie sind nicht rüstig und tapfer, sondern sie überschätzen oder sie unterschätzen die Gefahr, nicht Begeisterung, sondern Trunkenheit ist die treibenbe Kraft ihrer Seele; was Wunder, daß sie von ihr in den Abgrund gejagt werden. Abraham den Einen hatte Gott gerufen, und weil er den Muth hat, der das Herz hebt unb zur mannhaften That treibt, durchzog er das... Land nach allen Richtungen; das israelitische Volk, feig und knechtisch, starb an den Pforten des köstlichen Landes. Und warum auch sonst so Viele, die mit lockender Hoffnung ausziehen, in der Wüste sterben? Weil sie nicht den Muth haben, zu der hohen Zielen strebt, weil sie lieber die gewohnte Fessel weiter tragen, denn daß sie ihre Kräfte spannen, um das Land der Verheißung zu gewinnen. Bang und traurig ist das Schicksal Israels in der Wüste; aber es war nur der gerechte Lohn Derer, die lieber vor den Aegyptern. als vor Gott sich beugten; ihnen konnte sich keine Verheißung erfüllen, und ihr Leben konnte nur eine Wüstenwandernng zum Tode sein; und wenn, dieses Geschick sich so oft wiederholt, - wenn so viele Hoffnungsblüthen welken, die Schuld liegt daran, daß sie sich eigenwillig der Sonne verschließen und dem erquickenden Thau; sie führen nicht selten ein nichtiges Dasein in der Tretmühle eines Berufes, der ihnen keine Freude bereitet, weil sie nicht den Muth hatten, ihrem Sterne zu folgen; sie scheuten den Schweiß und leiden die Noth; das Land der Verheißung bleibt ihnen verschlossen, weil sie nicht tapfer sind, es zu gewinnen; was Wunder, daß so Viele in der Wüste sterben. Schreckend aber auch mahnend ist des in der Wüste wallenden, in der Wüste sterbenden Israels hartes Loos nach so herrlicher Hoffnung, daß wir, sobald uns eine hohe Aufgabe gestellt wird, in freudiger Begeisterung wie Kaleb ausrufen: Wir wollen aufwärts steigen und es gewinnen, das Land der Verheißung, denn wir - vermögen es; die Gottheit, die den Feigen hemmt und stört, sie hebt und fördert den Tapfern und bringt ihn ans Ziel. Hit Woche. Berlin, 2. Juni. lljährlich um die Zeit des Pfingstfestes versammeln sich unsere Lehrer von Nord und Süd des Vaterlandes in Konferenzen zur V.ralhung wichtiger pädagogischer Fragen und zur Erörterung der Angelegenheiten ihres eigenen Standes. Auch in diesem Jahre haben verschiedene solche Konferenzen stattgefunden, über die wir nächstens ausführliche Berichte geben werden. Heute und an dieser Stelle wollen wir nur den durchwegs guten Eindruck konstatiren, den diese Lehrerkonferenzen überall hervorgerufen haben. Wer ihre geschichtliche Entwickelung von Jahr zu Jahr aufmerksam verfolgt hat, dem mußte sich unwillkürlich die Beobachtung aufdrängen, daß das Niveau dieser Lehrerkonferenzen sich von Jahr zu Jahr stetig gehoben hat. Der sittliche Ernst, die pädagogische Tüchtigkeit und nicht zum Wenigsten die Einmüthigkeit der Gesinnung, welche trotz verschiedener Anschauungen dabei zu Tage getreten, legen ein ehrenvolles Zeugniß ab für unseren Lehrerstand und lassen uns hoffen, daß dieses Zeugniß unseren Lehrern immer mehr allgemeine Sympathien zuführen werde. Ein ansehnlicher Theil der jüdischen Lehrer Deutschlands hat auch an der allgemeinen deutschen Lehrerversammlung, welche in Hamburg tagte, theilgenommen. War doch namentlich ein Punkt der Tagesordnung für sie von besonderem Interesse, nämlich der über die Schulbibel. SchuldirektorEnders-Sonnenburghielt darüber einen Vortrag, in dem er u. a. sagte: Die Vollbibel müsse aus dem Unterricht der Schule entfernt werden. Schon äußere Gründerder große Umfang, grammatische, orthographische stilistische Widersprüche mit der Sprache der Gegenwart sprechen gegen sie. Die Kinder in den Gesammtinhalt der Bibel, insbesondere in das alte Testament so einzuführen, daß die vielen, nur dem Kundigen klaren, anstößigen und fernliegenden Stellen den Erziehungszweck nicht schädigen, sei dem Lehrer Nicht möglich. Jrrsbesondere seien die Gefahren offenkundig, die der Gebrauch der ganzen Bibel für das Geschlechtsleben der Kinder mit sich bringt. Die Bibel sei kein Kinderbuch, es sei ein Mißbrauch, sie Unmündigen in die Hand zu geben. Leider seien die Kirchen noch nicht gewillt, diesem Urtheil sich zu fügen. Die bisher hergestellten Bearbeitungen der Bibel sind ihrem Umfange nach ungleich. Man unterscheidet sie als S ch u l b i b e ln und biblische Lesebücher. Redner