Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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60. Jahrgang. Ur 23. » Serlin, 5. Juni 1896. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition inBerlin unter Streifband bezogen viertelsährl.3 M. Nedactenr: Gustav Karpeles. Begründet von NaLiüiner Pc-fiuiumg Philippson-Äonn. Verlags-Crpedition: iöeriin, Lerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fltr Redaktion und Expedition sind an die Adresse -. Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums'. Berlin SW.,' Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin, j Inhalt. Leitartikel: Israels Wüstenwanderung. — Die Wocbe. — Das Werk der ordentlichen Tagung der badischen Shnode. IV. Bon Negierungsrath Dr. Maver. — Getaufte Juden im l 9. Jahrhundert. IV. Von Dr. N. Samt er — Ein Wort über die „Getauften Juden im 19. Jahrhundert". Von Dr. M. Kahserting. — Feuilleton: Jüdische Märchen: Glimmende Kohlen. H. — In der Berliner Gewerbe-Ausstellung. II. — Sprechsaal. Der Gemeiirdebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Tilsit. Hannover. Bielefeld. Dessau. Leipzig. Marburg. Wien. Budapest. Kopenhagen. New-Bork. — Von Nah nnd Fern. — Miscellen. — Geschäftliche Notizen. Israels Müstenwanderung. ' Berlin. 3. Juni, ^as uns die Schrift im Kcipitel von. den Kundschaftern, das an diesem Sabbath in den Synagogen verlesen wird, berichtet, das ist eine Geschichte bang und traurig, von Leuten, die mit lockenden Hoffnungen ausgezogen und die in der Wüste gestorben sind. Das geschah vor Jahrtausenden; alls Aegypten waren die Israeliten fortgegangen, ein Leben der Freiheit, ein Land der Gottes-Verheißlmg zu gewinnen. Dieses Land, das von Milch und Honig tränst, dessen Boden die Mühe des Arbeiters reichlich lohnte, das milde, labende Lüfte durchwehten, in dem das Klima, dem kurzen Lauf des Jordan folgend, sich abstuft von den Regioilen des ewigen Schnees bis zu der Hitze mittäglicher Gegenden, es war der Sehnsucht werth, mit welcher die in der Wüste Weilenden nach ihm blickten, es war der Liebe werth, mit welcher die Israeliten später an ihm hingen. Nicht'weit aus dehnten sich die Grenzen Kanaans; manche preußische Provinz ist wohl noch einmal so umfangreich als Palästina, das doch ewige Spuren in die Geschicke der Menschheit eingegraben hat. Aber auf diesem eugen Raume, der eine große Volksmaffe nährte, hatten sich fast alle Vorzüge, welche nur irgend eine Landschaft auszeichnen können, zusammengefunden, um diese Stätte, von der Blüthe nnd Glanz des Geistes ausgehen sollte, auch irdisch als die Perle der Welt hinzustellen. Die Israeliten kamen aus Aegypten, einem Lande, welches nicht nur zu Josephs Zeiten, sondern überhaupt im Alterthum als die Kornkammer der Welt gegolten hat, und welches in seinem jetzigen Verfall nur zeigt, wie die Menschen in ihrer Thorheit und Trägheit das verkehren können, was Gott gerade gemacht hat; dennoch war Kanaan den Israeliten, die sonach an den Anblick eines üppigfruchtbaren Bodens gewöhnt waren, ein Land der Verheißung. ' Wie ein Sternbild mag unseren Vorfahren diese Hoffnung geleuchtet haben auf das Kleinod unter den Landen; und da erzählt uns die Schrift, wie dieses'Sternbild plötzlich hinuntersinkt in Meeresgrund, wiediese. -Hoffnung verlischt, und die: Nacht. beginnt, die vierzigjährige Nacht, und ein Volk von mehr denn sechshunderttausend waffenfähigen rüstigen Mannen schickt sich an zur Wüstenwanderung, die kein Ziel hat, als deren einziger Zweck ' mit grauser Deutlichkeit das Sterben hingestellt ist. „Euere Leiber solleu fallen in dieser Wüste", das ist ein Spruch, der um so mehr erschüttert, als nicht ein plötzliches Sterben die Menge erfaßte, sondern weil sie zu einem Seelensiechthum, zu einem Leben ohne. Stern und ohne Hoffnung verurtheilt wurden. Was hier den Israeliten in der Wüste begegnete, ist' leider nichts Außerordentliches und Ungewöhnliches, es geschieht gestern und heute und wird morgen nicht anders sein. Unzählige Menschen werden in ihrer Jugend beflügelt von der Hoffnung auf ein seliges Land der Verheißung, hoch und weit spännen sich die Sehnen ihres verlangenden Gemnthes, sie stehen wie damals Israel am Eingang eines gepriesenen Glückes, da plötzlich entschwindet dieses ersehnte Land ihrem Blicke, und -sie bleiben in der Wüste und sterben in der Wüste. Wie wenige der Hoffnungsblüthen reifen und gedeihen zur Frucht; schlimmer als Hagel und Frost, als Regen und Sonnenbrand und der verzehrende Wurm in den Blüthm des Feldes wüthet, wirket das Schicksal auf das hohe Erwarten der Menschen. Darum ist es die große Wahrheit des Lebens: an nichts zu fest die Seele hängen, nicht allzu hoch den Blick zu erheben, denn wie nach der heidnischen Sage der mit dem künstlichen Fittig zur Höhe strebende Jüngling ins Meer stürzt, weil ihm der Sonne Gluth die Flügel löste, so stürzen die Meisten, die zu hoch gestrebt haben. Mose hatte trotz der vierzigjährigen Wanderung, weil , er die Freiheit und den Frühling in seinem Herzen trug, den , hellen Sinn sich bewahrt, daß er, kurz vor dem Schluß, seiner irdischen Wallfahrt noch das Verlangen aussprach, einen Blick zu werfen nach dem verheißenen Lande. Von den Israeliten wird dergleichen nicht berichtet; ihr Geist war stumpf geworden in der Oede; wie die Pflanze den Kopf zur Erde senkt, wenn der Wurm an ihr zehrt, so senkt der. Mensch müde das Haupt zu Boden, wenn sein Hoffen zerstört ist, und hat gar nicht mehr den Wunsch, hinauf 'und hinüber zu schauen. Aber je ähnlicher das Schicksal Israels in der Wüste mit dem vieler, ja der meisten Sterblichen ist, je häufiger es unser Los ist, frohgemuthet ausznziehen, um ein Paradies zu gewinnen und in der Wüste zu sterben, um so nothwendiger ist es, die Schuld Israels zu erkennen,* zu erfahren, daß wir. sie selbst fertigen die Flügel, die uns zur Sonne tragen, und die Fesseln, , die uns an die Erde schmieden. Abraham unk sodann vier. Jahrhunderte darauf seine zu einem großen Volke'gewordenen Nachkommen, beide haben den Auftrag bekommen, nach Kanaan zu ziehen, und Abraham, der'allein steht, folgt dem Befehle und vertraut, der göttlichen Hut, und er erreicht ein schönes Ziel, steigt zu Ansehen und Achtung/ : Wie tapfer und