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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-29 · Heft 22 (29.5.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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- 3 F. München, 25.. Mai. Am Vorabende des verwichenen Wochenfestes wurde in der hiesigen Hauptsynagoge zum ersten Male die Konfirmation der Mädchen durch Herrn Rabbiner Dr. Werner vorgenommen. Unter ungemein zahlreicher Betheiligung seitens der Mitglieder der isr. Gemeinde vollzog sich dieser weihevolle Akt in gelungener und wahrhaft, erhebender Weise, so daß mit Sicherheit angenommen werden kann, daß die Konfirmation der Mädchen auch dahier sich dauernd. einbürgern wird. Oesterreich-Ungarn. £3 Wien, 25. Mai. Das Hinscheiden des Erzherzogs Karl Ludwig, des Bruders des Kaisers, hat unsere Stadt in düstere Trauer versetzt. Der Verblichene hat sich durch seine humane Gesinnung die Liebe des Volkes im weitesten Sinne erworben. Er war sehr fromm, ein überzeugter, strenger Katholik. Aber er war weit entfernt davon, unduldsam gegen Andersgläubige zu sein. Keineswegs durfte man ihn intolerant nennen. Seine tiefe Religiosität artete niemals in Fanatismus aus. Den Gelehrten, den Künstler, den Industriellen, den Gewerbetreibenden fragte er nicht erst nach seinem religiösen Bekenntniß. Es sind auch viele Thatsachen bekannt, daß der Erzherzog ebenso jüdische Bedürftige wie christliche unterstützte. Wir selbst wissen von mehreren derartigen Fällen. Offenkundig ist es ferner, daß der Erzherzog häufig israelitische Industrielle angesprochen und sich mit ihnen eingehend unterhalten hat, sowie daß er hervorragende Künstler mosaischen Glaubens in deren Behausungen mit seinem Besuch auszeichnete. Es mag dies gerade in der gegenwärtigen Zeit und angesichts der jetzt in Wien herrschenden Strömung hervorgehoben werden, und wir betonen es ausdrücklich aus dem Grunde, weil stellenweise die irrige Meinung vorwaltet, daß die Antisemiten in dem Erzherzog Karl Ludwig einen Protektor besessen hätten. In Wahrheit förderte der Erzherzog nur als eifriger Katholik die katholischen Bestrebungen, aber just als eifriger und grundehrlicher Katholik war er nichts weniger als etwa ein Judenhasser oder überhaupt ein unduldsamer Zelot. — In Graz wagte, wie man aus der „Ostdeutschen Rundschau" erfährt, kürzlich ein christlichsozialer ^Geistlicher den Ausspruch: „Die Familie des Bruders unseres Kaisers, Karl Ludwig, ist ganz auf unserer Seite, die Erzherzogin Valerie ist ganz unsere Gesinnungsgenossin." Bekanntlich hat auch Stöcker in früheren Jahren ähnlich gesprochen. — Die für den 16. d. M. einberufene allgemeine arisch-nationale Studentenversammlung wurde von der Polizei, als gegen die bestehenden Gesetze veranstaltet, verboten. — In Mährisch Trübau hat jetzt der Kaufmann Möller die Erfinder der sauberen Blutmärchen-Geschichte wegen Verläumdung bei der Staatsanwaltschaft angeklagt. — Am 7. d. hat Kaiserin Elisabeth mit ihrem Hofstaate auch die in der Budapester Millenniums-Ausstellung befindliche Sammlung von kirchlichen Antiquitäten und Reliquien aus dem Königreiche Ungarn und seinen Nebenländern besichtigt. Zu diesen kirchlichen Gegenständen gehören auch die von jüdischen Gemeinden und Privaten ausgestellten kostbaren Gold- und Silbergeräthe für den synagogalen und häuslichen Gebrauch. Die hohe Frau ließ sich von ihren Führern genau erklären, zu welchen Zwecken die Israeliten eigentlich alle diese Gegenstände brauchen, da fast die meisten derselben ihr ganz unbekannt waren. Da giebt es z. B. silberne Becken mit Kannen zum Waschen der Kohanim, goldene und silberne Kidduschbecher, Gewürzbüchsen (Bessamimbüchsen), Becher für den Propheten Elias bestimmt, und dann die verschiedenen Schmucksachen zum Schmücken der Thora, Vorhänge (Parocheth) und Oberdeckel für die Bundeslade rc. Die hohe Frau war. ganz erstaunt, als sie hörte, was für ein wichtiger Faktor die Synagoge für die Förderung der Gold- und Silberschmiedekunst ist. Cg} Wien, 25. Mai. Die Sammlungen der Gesellschaft für Sammlung und Konservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Jude.nthums in Wien haben in den letzten Wochen Zahlreiche werthvolle Bereicherungen erhalten. So hat die Gesellschaft zwei große Sederschüsseln aus italienischer Majolika erworben, 'von welchen eine mit 700 Millimeter Durchmesser von Jakob Azulai in Padua 1532, mit prachtvollen figuralen und ornamentalen Darstellungen in Haut-Relief versehen, die zweite in Pesaro im Jahre 1730 angefertigt wurde; ferner einen Fayeneeteller von Isaak Azulai aus Faenza, 1575 angefertigt. Unter den zahlreichen Geschenken, welche der genannten Gesellschaft in der letzten Zeit zugegangen sind, nimmt den ersten Platz ein hebräisches Gebetbuch (Amsterdam 1714) mit reich verziertem in Silberfiligran gearbeiteten Einband ein. Dieser, in künstlerisch vollendeter Weise durchgeführt, ist mit zahlreichen Figuren, Mittelschildern und Ornamenten in vergoldetem Silber geziert. Dieses sehr werthvolle Geschenk verdankt die Gesellschaft der Munifizenz des Industriellen Herrn Leopold Wolf in Wien. Es wäre zu wünschen, daß dieses hochherzige Beispiel häufige Nachahmung finden möge. iBrünn, 26. Mai. In der hier abgehaltenen Hauptversammlung des Deutschen Schulvereins rief ein Antrag der antisemitischen Vertreter eine lebhafte Erörterung hervor, den Ortsgruppen das Recht einzuräumen, selbständig über die Aufnahme von Mitgliedern zu entscheiden, damit Juden von der Mitgliedschaft ausgeschlossen werden können. Die Bereinsleitung beantragte Ablehnung des Antrages, da sonst sofort ein großer Theil der Vereinsmitglieder austreten würde. Der frühere deutsch-nationale Abgeordnete Dr. Kaniak sagte, der Antrag werde so lange wiederholt werden, bis er angenommen würde. Dr. Steinwender drohte im Falle der Ablehnung mit der Auflösung einer Anzahl Ortsgruppen. Professor Schwarz führte aus, der Antrag bedeute Beunruhigung der Thätigkeit des Schulvereins für alle Zeiten. „Werfen Sie einfach die Juden hinaus, und wir werden gchen. Bevor wir aber gehen, zeigen Sie durch Arbeit und Opfer, daß Sie uns ersetzen können." Bei der Abstimmung wurde der Antrag mit 675 gegen 305 Stimmen abgelehnt. JB. Budapest, 20 Mai. Unter dem Jubelrufe des Volkes vollzog sich in Gegenwart des erlauchten und geliebten Herrscherpaares die feierliche Eröffnung der Millenniumsausstellung, die der Träger der heiligen Stefanskrone als eröffnet erklärte. Mit besonderem Nachdruck hob der König in seiner Rede hervor,daß „alle Bürger vereint und in voller Eintracht zu finden sind". — Die städtische Repräsentanz in Debreczen ist mit dem jüdischen Schulstuhle in Konflikt gerathen. Auf Antrag eines Stadtrathes wurde nämlich beschlossen, den israelitischen Schulstuhl aufzufordern, an dem Lehrplane mehrfache Veränderungen vorzunehmen. Der Gemeindevorstand suchte aber um Annulirung des Beschlusses mit der Begründung an, daß er eine Verletzung der Autonomie involvire. — Eine Abordnung der Bag-Ujhelyer israelitischen Religionsgemeinde sprach beim Kultusminister vor, um ihn zu bitten, daß die Professoren der dortigen jüdischen Realschule in den - Landes-Pensionsfonds ausgenommen werden und daß die Subvention für diese Anstalt entsprechend erhöht werde.. Der Minister versprach, sich dieser Sache anzunehmen. — Frau Marie Herzl, welche sich um das Aufblühen des Pester israelitischen Frauenvereins unvergängliche Verdienste erwarb, war anläßlich ihres 70sten Geburtstages Gegenstand herzlicher Ovationen. Der Ausschuß des Vereins gründete eine ihren Namen führende Stiftung 'für Waisenkinder. — In der zumeist von Deutschen bewohnten Stadt Sopron fanden antisemitische Ausschreitungen statt. Die Polizei mußte einschreiten und leitete eine Untersuchung ein. Es wurde erhoben, daß mehrere Bürger, von denen es bekannt ist, daß sie den konfessionellen Hader und Haß schüren, nahezu 100 Handwerksgesellen gegen gute Bezahlung veranlaßen, die Fenster der Synagoge und der israelitischen Volksschule einzuschlagen. — In Sz abadka wurde Rabbiner Dr. Josef Klein-Marzaly feierlichst in sein neues Amt eingeführt. — Direktor Sigmund Kornfeld wurde zum Vicepräsidenten der hiesigen Börse gewählt. Schwerz. O Chaux de Fonds, 17. Mai. Am 13. dss. fand hier die Einweihung der neuen Synagoge in Anwesenheit der Staats- und Gemeindebehörden, der Geistlichen verschiedener Konfessionen und eines zahlreichen Publikums statt. Die Feierlichkeit machte auf alle Anwesenden einen sehr tiefen Eindruck. Sie wurde durch Gesänge, mit Orgelbegleitung eröffnet, dann hielt Herr Michel Bloch, der Vizepräsident der Gemeinde, die Begrüßungsrede, in welcher er die Geschichte des Baues auseinanversetzte. Die eigentliche Werherede hielt Herr Rabbiner Jules Wolfs. Dieselbe war in Form und Inhalt gleich ausgezeichnet und brachte auf alle Anwesende eine tiefe Wirkung hervor. Es folgte Solovortrag von Herrn Kantor Hey mann aus Straßburg und hierauf eine Rede des Großrabbiners von Genf, Professor S. Wertheimer. Nunmehr führte ein Orchester das „Gebet des Mose"

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