Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1896)
- Date
- 1896-05-29
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Segnungen der neuen Zeit ausgeschlossen und unternahmen es, unterstützt von edlen Männern unserer Gemeinde, sich selbst die Fähigkeit zu verschaffen, an dem Streben und Schaffen ihrer deutschen Glaubensgenossen theilnehmen zu können. Sie schlossen sich vor nun 50 Jahren zu dem „Jüdischen Studienbeförderungs-Verein", auch CHÄ»rat Bachurim genannt^ zusammen, gewannen eine Anzahl junger deutscher Glaubensgenossen, Studenten der Hiesigen Universität, die ihnen opferwillig den ersten Unterricht ertheilten und sie befähigten, sich einem wissenschaftlichen, zumeist dem theologischen oder pädagogischen, oder einem bürgerlichen Berufe zu widmen. Auch für den leiblichen Unterhalt ihrer Mitglieder sorgte bestmöglichst die Vereinigung; den Kranken wurde ärztliche Hilfe und die nöthige Pflege zugewandt, den Bedürftigen Freitische, besonders an den Feiertagen, verschafft. Nach 26 jähriger Thätigkeit hatte die Vereinigung bereits mehr als 200 jungen Leuten Hilfe gewährt, von denen viele nach genossener Ausbildung in? ihr Vaterland zurückkehrten und die ihnen durch den Verein zugeführte Kultur den Genossen der östlichen Heimath übermittelten. In der Folge freilich wurde die Thätigkeit des Vereins in dieser Richtung durch die polizeilichen Maßnahmen, die seit dem Jahre 1882 gegen die Einwanderung ausländischer junger Leute getroffen wurden, auf - das Empfindlichste beeinträchtigt und schließlich ganz unmöglich gemacht. Während 1883 noch 17 Schüler die Wohlthaten des Vereins genossen, beschränkte sich zwei Jahre später ihre Zahl nur noch auf vier,-und am Ende des Jahres 1885 mußte der Unterricht gänzlich eingestellt werden. In richtiger Erkenntniß der veränderten Verhältnisse gab man nun dem Verein eine neue Richtung; indem der Vorstand es sich zur Ausgabe machte, würdige und bedürftige Schüler der hiesigen höheren Unterrichtsanstalten ohne Rücksicht auf ihre Herkunft in ihre Obhut zu nehmen, sie mit Rath und thatkräftiger Hilfe während ihrer Schuljahre zu unterstützen, ihnen Schulgeld und Bücher, zuweilen auch andere Unterstützungen zu gewähren und sie zu sittlich-religiösem Wandel anzuhalten, insbesondere ihnen den Besuch einer Religivnsschule zur Pflicht zu machen. Die großen Erfolge, auf die der Verein blicken kann, verdankt er nicht zum Mindesten der opferwilligen Hingebung einer reichen Zahl edler Glaubensgenossen. Aber es ist zu wünschen, daß .das Streben immer mehr von der wirksamen Unterstützung unserer Glaubensgenossen gefördert werde. Der Vorstand besteht aus den Herren Dr. Blumenthal, Sanitätsrath; Ad. Hausmann, Geh. Kommissionsrath; Dr. M. Kirschstein; Dr. Airstein, Geh. Sanitätsrath; M. B. Straßmänn, Maurermeister; Dr. Adler, Rektor; Dr. L. Feilchenfeld. Die Festsitzung zu Ehren des Jubelfestes findet am 8. Juni Abends 8 UHr in Cassels Hotel statt. Vorher wird die ordentliche Generalversammlung abgehalten. . a/a Berlin, 27. Mai. Die Versicherungsgesellschaft Victoria hat soeben ihren Rechenschaftsbericht veröffentlicht. Wir entnehmen demselben die erfreuliche Mittheilung, daß die „Victoria" 1895 auf Grund ihres Vertrages mit dem Deutsch-israelitischen Gemeindebund, der „Friedrich Wilhelm Victoria-Stiftung" (Centralpensionskasse für jüdische Lehrer und Kultusbeamte) Provisionen im Betrage .von 37 342,44 Mark überwiesen hat. Damit haben die seit dem Abschluß des Vertrages (1883) von der Victoria an diese Stiftung gezahlten Beträge die Summe von ca. 290 000 Mark erreicht. Die Victoria: hat übrigens auch im abgelaufenen Jahre dargethan, daß sie unter den deutschen Versicherungsgesellschaften einen ersten Rang einnimmt. /Der Reingewinn belief sich auf 6 317 301,28 Mark. Die Gesammtzahl der Versicherungsanträge betrug 175 447; die Gesammteinnahme an Prämien und Zinsen 31318199,62 Mark, die Gesammtreserven des Geschäftes betrugen 100486 398,26 Mark, und die gesummten Aktiva erreichten die Höhe von 113165 199,54 Mark. Die geschäftlichen und finanziellen Ergebnisse des abgelaufenen Geschäftsjahres sind also in jeder Beziehung als sehr günstige zu bezeichnen. . Xx. Aus der Provinz Posen, im Mai. Nachdem Rechtsanwalt Cohn in Rogasen die auf ihn gefallene Wahl als^Vorstandsmitglied der dortigen Synagogen-Gemeinde abgelehnt hatte, ifl Klempnermeister Feibusch von dem Repräsentantenkollegium daselbst in den Vorstand; und an dessen Stelle Herr S. Stein in das Repräsentantenkollegium gewählt worden. — Kürzlich ist in der Synagoge in Schlochau ein Einbruch verübt worden. Die Diebe haben vom Garten aus ein Fenstereingedrückt, sind eingestiegen und haben aus dem Opferkasten 20 Mark entwendet. Darauf haben sie das Schloß an der Hinterthür zertrümmert, um hinauszugelangen. Von den Dieben fehlt jsde Spur. — Auf dem jüdischen Friedhofe in Wreschen sind jüngst zwölf Leichensteinevon ruchloser Hand zertrümmert worden. — Lehrer Gustav Spiewkowski in Wongrowitz begeht am 1. Juni ^ein 25jähriges Amtsjubiläum. Während des größten Theils dieser Dienstzeit, nämlich 23^ Jahre, hat der Jubilar an der dortigen jüdischen Schule gewirkt. — Die Strafkammer in Ostrowo verurtheilte neulich den 15jährigen Arbeitersohn Jacob Banaszak wegen eines Einbruchsdiebstahls im- Geflügel-Schlachthause dev israelitischen Gemeinde, woselbst er nur wenige Pfennige entwendet hat, zu neun Monaten Gefängniß. — Mitte Mai cr. starb in Gnesen der Kaufmann Jsaac Nenfeld. Derselbe war eine lange Reihe von Jahren Repräsentant und dann Vorstandsmitglied der dortigen Synagogengemeinde, in welchem Amt er selbstlos und treu die Interessen der Gemeinde vertreten hat. — Ein Ausschuß, bestehend aus den Herren Brann-Deutsch-Crone, Geisenberg-Marienwerder und Schreiber-Danzig, strebt gegenwärtig die Gründung eines Vereins jüdischer Lehrer und Religionslehrer Westpreußens an. Sämmtliche Lehrer der Provinz waren aus den 24. und 25. d. M. nach Danzig zu diesem Behufs eingeladen. — In Land eck ist die alte Synagoge abgebrochen. Das neue Gotteshaus soll bis zum 1. Oktober cr. fertiggestellt sein. — Lehrer Gerson aus Schwedt a. O. ist an Stelle des nach Kurnik versetzten Lehrers Hoppe als Lehrer an die jüdische Volksschule n Asch berufen worden. — Bei der am 12. Mai cr. in Ostrowo stattgehabten Schulvorstandswahl der dortigen jüdischen Volksschule sind gewählt worden die Herren königlicher Oekonomie-Kommissionsrath D. Goldstein, Kaufmann Hermann Springer und Glasermeister A. Marcus. a. Coethen, 25. Mai. Aus Anlaß des 25jährigen Regierungs' jubiläums des Herzogs Friedrich von Anhalt fand auch in der Synagoge der hiesigen israel. Kultusgemeinde ein Festgottesdienst statt. Eine Deputation unter dem Vorsitze des Herrn Kommerzienrath Meyer- Cöthen überreichte dem Landesherrn am 21. Mai eine prachtvolle Adresse. Die israel. Bevölkerung Anhalts hat am meisten Veranlassung, sich der innigsten Dankbarkeit gegenüber ihrem Landesvater bewußt zu werden, welcher während seiner ganzen Negierungszeit mit wahrhaft väterlicher Fürsorge darüber wachtdaß der Friede der Konfessionen nicht gestört und einem Jeden sreigelassen werde, Gott in feinem Geiste anzubeten. Demgemäß war auch die Festpredigt des Herrn Rabbiner Dr. Seligkowitz, in welcher der Redner in klaren, durchsichtigen und wahrhaft begeisterten Worten ein Bild von der 25 jährigen Regierungszeit des Herzogs Friedrich entwarf. Die Festrede machte auf hie Zuhörer einen tiefen Eindruck. X Bielefeld, 26. Mai. Der sechste ordentliche Gemeindetag des Verbandes der Synagogen-Gemeinden Westfalens findet am 14. Juni im Saale des Hotel Kaiserhos zu Hagen i. W. statt. Die Tagesordnung ist folgende: 1. Bericht über unsere Thätigkeit im fünften Geschäftsjahre. 2. Kassenbericht des Rendanten und Ertheilung der Decharge. 3. Beschlußfassung über den seitens des Ausschusses vorgelegten revidirten Statutenentwurf für die zu gründende Beamtenpensionskasse des Verbandes. Referent: Herr M. Liebenfeld - Bochum. 4. Vortrag über „Schule und Haus in ihrer Wechselbeziehung". Referent: Herr Dr. H. Vogelstein-Stettin. 5. Antrag der Synagogen- Gemeinde Minden, die einheitliche Regelung des Beginns bez. Aufhörens der Kultus steuerpflicht für zu- und abziehende Gemeindemitglieder betreffend. Referent: Herr Rechtsanwalt Burgheim-Minden. 6. Vortrag über „den Verband und seine Gegner". Referent: Herr Dr. F. Coblenz- Bielefeld. 7. Wahl des Ortes für den nächsten Verbändstag. 8. Wahl eines Delegirten zu dem am 21. Juni 1896 in Berlin stattfindenden siebenten ordentlichen Gemeindetag des D. I G.-B. in Berlin 9. Freie Besprechungen. Der Wortlaut des Antrages ad 5 der Tagesordnung lautet: Der Gemeindetag wolle beschließen: 1. Der Gemeinde-Verband wolle die Verbands - Gemeinden ersuchen, ihr Statut dahin zu ändern, daß die Beitragspflicht derjenigen Gemeinde-Mitglieder, die aus anderen Gemeinden einziehen, erst mit dem Zeitpunkte beginne, mit dem die Beitragspflicht zur früheren Gemeinde erlischt. 2. Ter Gemeinde- Verbund wolle den Herrn Oberpräsidentender Provinz Westfalen bitten, die Anträge von Verbands - Gemeinden^ auf Aenderung ihrer Statuten in oben bezeichneter Richtung zu genehmigen.