Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1896)
- Date
- 1896-05-29
- Page
- Seite 263 (sequence 11)
- Language
- German
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Ofen, gerade so wie wir jetzt, und sah sich die rothen Gluthen au, wie sie darin lustig Hin und her glommen und funkelten, und konnte sich au dem wundersamen Schallspiele gar nicht satt sehen. An was sie dabei dachte, das war nichts anderes als an den Freier, den ihr die Mutter mitbringen, und an die Hochzeit, die daun bald sein würde, und wie sie daun eine schöne, stolze Frau sein wollte, gerade so wie die Frau Königin, für die sie erst unlängst den schönen, rothsammtenen Mantel gestickt. Und wiesie so ins Feuer sah und sich das Alles dachte, da hätte' sie um Alles in der Welt auch gern gewußt, wie wohl ihr Freier aussehen würde. Sie sah dabei so viel, so lailge und so sehnsüchtig in die Gluthen hWmPM'tUes ihr endlich vorkam. als würde Alles darin lebendig und als wären die Kohleustücke lauter rothgoldene Paläste, und als tummelten sich die geschäftigsten Lakeien in den schönsten, von gluthfarbeuem Sonnenlicht bestrahlten Höfen umher, und als ergingen sich die schönsten Damen und die feinsten Herren in den glänzenden Sälen von blanken Rubinen, und als geschähe dieses Alles nur eines einzigen schönen Jünglings wegen, der in dem wundervollsten Garten unter einer Laube von lauter Feuerlilien und auf einem Ruhebette von lauter glnthrothen Roseublättern lag und ein großes Buch mit feurigen Lettern vor sich aufgeschlagen hatte, in welchem er so eifrig las, daß er gar nicht merkte, wie die weisesten Rabbiner mit langen schneeweißen Bärten, funkelnden Kronreifen um die Stirnen und Palmzweigeu statt Sceptern in den Händen, an ihm vorübergingen und sich schweigend verneigten, und wie die schönsten Frauen mit blitzenden Diamanten in den goldenen Hauben und in den dunklen Augen ihm freundliche Grüße zunickten, sondern ununterbrochen lesend ein Blatt um das andere umschlug. Als der Jüngling das letzte Blatt zu Ende gelesen, that er das Buch zu, küßte die rothgluthneu Deckel, erhob sich, trat heraus ans der Laube und ging zwischen den brennenden Bäumen hin, und ohne rechts oder links nach jemandem von Allen zu schauen, die um ihn her wandelten und ehrfurchtsvoll vor ihm zur Seite traten, hinaus alls dem Garten und über Wiesen und Felder fort und geradewegs an das Ufer der Moldau und aus das einsame Haus zu, das an dem Ufer stand, und.klopfte an die Thür und sprach: Thu' auf, schön Blümchen! Ich bin gekommen, Dich au holen, und alle Königinnen im feurigen Garten und alle Prinzessinnen in den rubinenen Sälen sind mir nicht so lieb wie Du, und Du sollst mit mir hingehen und mit mir dort wohnen, und sie sollen Dich alle beneiden! Im - feurigen Garten aber fing es, sowie der schöne Jüngling hinaus war, zu dunkeln an, und die schönen Gestalten, die darin umherwandelten, blieben eine nach der andern stehen, und die Bäume und die Feuerlilien' verloschen, und die Mauern von Gold und Rubin fielen ein. Rur hie und da blitzte noch ein Schein von der untergehenden Feuersonue hervor, und dann war Alles schwarz und finster, und es war nichts zu sehen als ein wüster Haufen von tobten Kohlen und todter Asche, und nichts zu hören, als das eintönige Jammern einer wohlbekannten Stimme, die da klagte: Blümchen! Blümchen! wo bist Du? Diese wohlbekannte Stimme war die Stimme der Wittwe, die eben nach Hanse kam und nicht wenig erschrak, als sie die Stube finster fand und Blümchen ihr nicht gleich entgegeneilte. Blümchen hatte nicht gemerkt, daß es über dem, was es gesehen, Nacht und in der Stube völlig finster geworden und daß das Feuer im Ofen ausgegangen, und noch weniger daran gedacht, die Lampe anzuzünden, und es kam ihr wie im Traum vor, als die Mutter eintrat und mit ängstlicher!'Stimme fragte: Blümchen, wo bist Du? Nach e»M^WeM?erst vermochte es sich aufzuraffen. Erst rieb es sich die Augen "UM^ußte nicht gleich, wie ihm geschehen. Dann rief es, noch immer halb träumend: Hier bin ich, Mutter! eilte nach dem Schranke, holte Zunder und Feuerstein hervor und zündete die Lampe an. Die Wittwe aber schalt Blümchen aus, daß es das Feuer im Ofen habe ausgehen lasten, und sagte : — Ein Mädchen, das bald Hausfrau werden will, muß acht haben auf das Feuer im Ofen und auf das Wasser in der Tonne, sonst hat sich der Mann uid)t viel Friedens zu erwarten. Als ich sechzehn Jahre alt war, da mußte ich eine ganze Wirtschaft besorgen und hatte gar viel über mich; das Jener aber im Ofen durfte mir doch nicht ausgehen. Meine Mutter selig hätte das übel angenommen, und einen. Freier, den hätt' ich schon gar nicht bekommen! — . Blümchen küßte die Mutter und bat sie unter Thronen, ihr zu ve^eihen, und sie möchte nnr nicht böse thun, es werde das nicht wieder geschehen. Hierauf schickte sich die Wittwe an, das Nachtmahl zu bestellen. Dabei ging sie aber mit so ernster lind doch wieder so heiterer so ungewöhnlich wichtiger und nachdenklicher Miene ab und zu, daß Blümchen wohl merken konnte, sie habe noch etwas auf dem Herzen. Eine Weile folgte sie der Mutter mit ihren Blicken nach, als wollte sie fragen: Mutter, bist Du mir immer noch böse? - Dann ward es der Kleinen auf einmal, als sollte sie kein Kind mehr sein, und es klopfte ihr das Herz in der Brust wie einer plötzlich aufgeblähten Jungfrau, und diese ward über und über heiß, so oft die Mutter in ihre Nähe kam, und. schlug die Augen nieder, so .oft sie ihrem Blicke begegnete. Sie fürchtete, die Mutter könnte jeden Augenblick anfaugen zu reden, und stellte sich deshalb ans Fenster und sah hinaus in die weiße.Winternacht und nach der glatten Eisdecke des Stromes, darin sich der Mond so geheimnißvoN spiegelte, als wisse er Alles, was sie erst dunkel ahnte, und klopfte mih.deu kleinen Fingern an die eisblumigen Fensterscheiben und sang leise vor sich hin: Nägelein und Zimmetrind * Wachsen in ruis'rem Garten; Sag', wie lang, mein schönes Kind, Soll ich auf dich noch warten? Willst du meine Kalleh (Braut) sein. Schenk' ich dir vier Blümelein; Vier Blümelein zur Chuppe (Trauhimmel) Und Zucker in die Suppe. Mittlerweile aber hatte die Mutter die Suppe wirklich auf den Tisch gestellt, und Blümchen setzte sich zu ihr hin, und Beide schwiegen eine Weile und thateu. als ob sie äßen. , Endlich nahm die Mutter das Wort: i — Du mußt nun auch lernen eine Suppe kochen, Blümchen, sprach sie; man weiß nicht, wie bald man's brauchen kann. , Blümchen wurde über nnb über roth bei. diesen Worten, zwang sich zu lächeln und antwortete nichts. — Ich - muß doch nachschauen, fuhr die Wittwe fort, was es mih unserer Kammer drüben ist. Seit der selige Vater gestorben, hat „Niemand darin gewohnt. Wir müssen sie Herrichten lassen. Man kann nicht wissen, was kommt. Blümchen that, als hörte es nicht und sah verlegen nach dem Teller nieder. Da sah die Wittwe sie eine Weile an, als ob sie schweigend, erforschen wollte, was in dem Herzen ihres Kindes vorgehe. Dann streichelte sie ihr das schöne schwarze Haar aus der Stirn und sprach: Nicht wahr, Rabbi Feiwels, des Goldschmieds, Jakob ist ein schöner Junge? Du kennst ihn ja! An seiner Barmizwah (dreizehnter Geburtstag) warst Du freilich erst ein neunjähriges Maidlein^ und - r