Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-29 · Heft 22 (29.5.1896) · p. Seite 262

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
Seite 262 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228171--52842-3258487
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Meister veredelt haben, mehr Dokumente 'gewünscht. Ist es nicht auch ein- Unrecht, daß M a x Mi ch a el, ein edler Glaubensgenosse, der lange Jahre als Professor an der Berliner Akademie gewirkt hat und der in der Ausstellung 1880 die kleine goldene Medaille für eines seiner durchgeistigten Genrebilder erhielt/ weder in der historischen Abtheilung noch sonst in diesem Salon vertreten ist? Das Kölner Museum oder die Hamburger Galerie hätten gewiß gerne ein Bild Michael's hergegeben. Doch freuen wir uns dessen, was da ist, und namentlich eines anderen Meisters im Genre. Ein echter Joseph Israels, der alle Eigenheiten des holländischen Meisters, seine ernste Auffassung, die Innigkeit seines Gemüths und die virtuose, wenn auch skizzenhafte Behandlung des. Helldunkels zur Anschauung bringt, ist in der Abtheilung Holland Saal 55—57 das Gemälde der „Ankerauswurf", bei dem die ernsten Seelrute vorzüglich gelungen sind, die Schilderung des Meeres weniger Mühe in Anspruch genommen zu haben scheint. Immerhin erscheint es auffallend, daß Israels, von dem noch „Ein Tagelöhner" nnd „Treu bewacht" zu verzeichnen sind, und dessen berühmtes „Allein in der Welt" in einer Radirung von C. L. Dake- Amsterdam in diesem Salon ebenfalls vertreten ist, es in Berlin noch bisher weder zur kleinen noch zur großen Medaille, sondern nur einmal 1891 zu einer ehrenvollen Erwähnung gebracht hät. Israels ist heute 72 Jahre alt. In Holland nimmt er eine führende Stellung ein, aber auch in München erhielt er auf der internationalen Kunstausstellung bereits 1883 die goldene Medaille. In der großen Innigkeit der Darstellungen dieses Malers, der auch den tragischen Seiten des Lebens nicht nach leichter Künstlerart ausweicht, können wir wohl einen glaubensutrd sinnesverwandten Zug erblicken. An na Abrahams-Haag hat mit ihrem „Stillleben" einen ersten Platz errungen, nämlich die Nummer 1 des Katalogs. Ed. Frankfort - Amsterdam, der ein Genrebild „Fortwährende Sorgen" ausgestellt hat, ist uns von der vorigen Ausstellung durch sein vorzügliches Bild der „portugiesischen Synagoge in Amsterdam" in guter Erinnerung. Die Zahl der jüdischen Meister, welche das Verzeichnis; der Mitglieder der Akademie aufführt, könnte in Bälde um einige Namen vermehrt werden, denn die bisher ernannten und hier erwähnten Künstler haben zum Theil die Mittagshöhe des Lebens und ihres Ruhmes bereits überschritten, zum andern Theil sind sie verstorben. Sollte es ganz au jungem tüchtigen Nachwuchs unter unseren deutschen Glaubensgenossen mangeln? Warum fehlen in diesem Salon erprobte Künstler wie Max Liebermann und die in einiger Entfernung, wenn' auch mit Achtung zu nennenden Namen wie L. Ury, Lazar Rosenberg, Joseph Bloch, die auf früheren Berliner Ausstellungen gut vertreten waren, gänzlich? Wenn sich die schon aus Höflichkeit geübte starke Berücksichtigung der Talente des Auslandes, — Belgien, Dänemark. Frankreich, Großbritannien, Holland, Italien, Norwegen, Oesterreich, Polen, Portugal, Rußland, Schweiz, Schweden und Spanien sind mit einem, meist mit 2, 3 und auch 4 vollgepackten Sälen vertreten — etwa mit einem gewissen akademischen Zopfthum zu Ungunsten unserer Jugend verbunden hätte, so wäre das im Interesse der Entwickelung unserer aufstrebenden jüngeren Künstler und der Kunst überhaupt sehr hu bedauern. Anerkennenswerthes leisten namentlich jüngere Glaubensgenossen auf dem Gebiete des Portraits. Doch hierüber demnächst Näheres. < -»’—Hl L -■ - Hl II——' FR (UiffiUAü(lniiu5Kj 3 MtWUMD MMMnIrsL FEUILLETON | WMiim 5--Hl-— --: II—1!-^^ Jüdische Märchen. Glimmende Bohlen.) . m Unten Ufer der Moldau, dem altm PmgeriMnigsschlosse gerade gegenüber, zeigte man vor langer Zeit eine einsame Stelle, wo jahraus jahrein gar viele Kohlen unter einem Haufen schwarzer Steine zerstreut lagen, die alles Wasser der Moldau, das seit Jahrhunderten hier vorüberrauschte, und die Wolkenbrüche aller Sommer nicht weißzuwaschen vermochten. Man sagte auch, daß im Winter kein Schnee an dieser Stelle liegen blieb. Er schmolz sogleich, wie er herabfiel, und die Stelle mit den schwarzen Steinen und den schwarzen Kohlen habe sich dann auf der weiten weißen Wiuterfläche nicht anders ausgenommen, wie ein Tintenfleck mitten auf einem sauberen Bogen feinen Briefpapiers. An dieser Stelle nun war vor Zeiten ein Haus gestanden. Dies Haus hat einer Wittwe gehört, und diese wohnte darin ganz allein mit ihrem einzigen Töchterlein, welches Blümchen hieß. Die Wittwe war eine äußerst geschickte und daher auch viel gesuchte Stickerin in Sammt und Seide, die nur für die reichen Leute arbeitete und dafür sehr gut bezahlt ward. Die Königin war einmal zu ihr herabgekommen und hatte sich einen kostbaren, rothsammtenen Mantel sticken lassen. Das hatte ihren Ruf nur noch mehr verbreitet, und so fehlte es ihr denn nie an Arbeit, und sie lebte mit ihrem Blümchen glücklich und zufrieden in ihrer stillen und fleißigen Zurückgezogenheit, und Blümchen kam fast das ganze Jahr nicht ans dem Hause, denn es hatte da alles Wohl und alle Freude, ' die es sich nur wünschen konnte. So war Blümchen sechzehn Jahre alt geworden, und die Wittwe. die auch nicht mehr jung war, fing an zu sorgen, wie sie die Zukunft ihres Kindes am besten sichern konnte. Eines Abends denn, nachdem sie eben ein kostbares Stück Arbeit, einen prächtigen Vorhang, den ein reicher Mann in die Altneuschule gelobt, vollendet hatte, holte sie ein Säckchen Thaler, daran sie ihr halbes Leben lang gesammelt, aus der Truhe hervor, schüttete die Silberstücke auf den Tisch aus, zählte sie und sprach: Gott sei Dank, lieb Blümchen; es ist nicht viel, aber gesegnetes Gut! Nun kann ich mich um einen Freier für Dich umsehen, und wenn sich Einer findet, der recht fromm und gelehrt ist und Dich lieb haben will, so . Die Wittwe sprach nicht mehr; Blümchen aber freute sich sehr, als sie hörte, daß sie einen Freier bekommen solle, klatschte vor Freude in die Hände, tanzte in der Stube umher und versprach, sie wolle nun noch einmal so fleißig sticken als bisher, worüber die Wittwe wieder ihrerseits sehr erfreut war und meinte, daß das kaum möglich sei. - Noch am folgenden Tag, als es Abend geworden, ging die Wittwe hinaus und besprach sich mit ihren Bekannten, ob nicht Jemand von ihnen einen Freier für ihr Blümchen wüßte; sie wolle ihr ein hübsches Sümmchen Thaler zur Aussteuer geben. Während nun die Weiber in der Gasse draußen hin- und hersannen, um für Blümchen einen recht trefflichen Frei.ev ausfindig zu machen, saß unsere Kleine zu Hause in dWDarm§M abendlichdunklen und dümmerheimlichem Stube am warmen,' wohlgeheizten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.