Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1896)
- Date
- 1896-05-29
- Page
- Seite 261 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Gleich am Eingang zu Saal 3 fesselt uns der neueste Knaus „So mm er abend im Judengäßchen", der sich in huinoristischer Auffassung und in der Farbengebung den berühmten älteren Arbeiten des Malers anschließt. Um den würdigen Großvater mit dein langen weißen Bart im Vordergründe reiht sich die zahlreiche Schaar der Enkelkinder, wir zählen deren 8, wenn wir das allerliebste schwarze Krallsköpfchen, das ganz vornean mit der Puppe spielt und das Rothköpfchen baneben, das dem Beschauer den Rücken zukehrt, mitrechnen — eines der Kinder klammert sich an die Knie des Greises, der mit dem Käppchen auf dem Kopf trotz des etwas verhärmten Gesichtsausvrttckes einen sehr würdigen Eindruck macht, ein anderes ist zll dem Schwerhörigen getreten, um ihm eine Mittheilung zu macheli. Diese Kinderszenen, — es giebt noch eine Pendant-Gruppe um die Großmutter herum, ganz in der Nähe, — umrahmt von dem alterthümlichen Gemäuer des Ghetto's, sind dem Künstler wohl die Hauptsache gewesen, die zahlreichen anderen Gruppen kartenspielender, mit Trödel handelnder oder sich von allerhand Geschäftlichem, vielleicht auch von den Vorgängen'in der Kehilla unterhaltender Jllden sind mehr ilebensächlich behandelt, zum Theil mit'leichter Ironie. Doch ist das Meiste gut beobachtet, wenn auch etwas künstlich arrangirt, in diesem Feierstündchen in der Judengasse einer gottlob e„tschwundenen Zeit. — In einem rechter Hand gelegenen Nebensaale der Gruppe. Berlin haben wir Gelegenheit, von Vilma Parlaghy's Meisterhand ein etwas mehr lleuzeitliches Judellthum in dem Bilde eines Rabbiners der Berliner Hauptgemeinde zu sehen. Die linke Hand des im Ornat abgebildeten, hier mehr in ruhiger Pose denn als begeisterter Kanzelredner aufgefaßten Mannes ruht auf. dem Tallis, die Rechte hält das Buch der Bücher. Das kluge und selbstbewußte Auge, das von Gesundheit blühende Antlitz des in rastloser geistiger Arbeit vorwärts strebenden Lehrers unserer Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums, das gesammte technische Beiwerk eines solchen über die „gute Stube" unserer Altvorderen hinausragenden Portraits sind der Meisterhand der Parlaghy vorzüglich gelungen, der Künstlerin, welche in früheren Salons mit dem Bilde des Kaisers, des Erzbischofs v. Stablewski, Windhorst's u. A. große Erfolge errungen, und vom Kaiser selbst für die große goldene Medaille vorgeschlagen wurde. Die Portraits der Parlaghy werden dereinst als Beitrag zur Kulturgeschichte Berlins um die Wende dieses Jahrhunderts geschätzt werden, und dann wird man auch das Portrait des Rabbiners Dr. May bäum nicht übersehen dürfen. Um in der Aufzählung der hier interessirenden Hauptwerke des diesjährigen Salons fortzufahren, so schreiten wir von Großem zll Größeren und suchen zunächst unter den Skulpturen in den der Abtheilung Rußland zugetheilten Sälen 12, 13, 14 den Spinoza von Marcus Antokolsky auf. In einer von allerhand Blattpflanzen, Oleander und Lorbeer umrahmten Nische finden wir das Meisterwerk des 1893 bereits von der Berliner Akadenlie mit der goldenen Medaille ausgezeichneten Bildhauers. Der Spinoza Antokolsky's zeichnet sich durch Betonung des charakteristischen und malerischen Elements aus, es ist keine einfache Gipsstatue, sondern ein steinernes Gemälde, an dessen Betrachtliug wir uns erfreuen und bei dem Heine's Wort über Spinoza nicht vergessen werden darf: „Es ergreift uns ein Gefühl wie beim Anblick der großen Natur in ihrer'lebendigsten Ruhe. Man wird angeweht wie von den Lüften der Zukunft. . Der Geist der hebräischen Propheten ruhte vielleicht noch auf ihrem späten Enkel." In der That hat der Künstler nicht nur die von Heine so unübertroffen charakterisirte „Gedankengrandezza" Spinozas und hie Ruhe des. Holländers in seinem Werke gut zum Ansdruck gebracht, sondern auch ein prophetisches Element in den Blick und die Haltung des im Lehnstuhl sitzenden alternden Philosophen hineingelegt. Dieser Mann, auf dessen Schooß ein Manuskript liegt, während ein Blatt ihm zu Füßen gefallen ist, dieser Denker, dessen Hände gefaltet sind, dessen fest geschlossener Mund die Energie des in sich abgeschlossenen Geistes , zeigt, dessen sinnendes Auge in . die Ferne gerichtet ist, schreibt nicht mehr, — er sicht bereits seine Geistessaat reifen. In dem in Stein nachgebildeten Manuskript haben wir wohl den politischtheologischen Traktat zu sehen, - den Spinoza bekanntlich kurz vor seinem Tode verfaßt und vollendet und der 1677 zu Anlsterdam erschien.. Antokolsky, über dessen Leben — er ist 1842 in Wilna als Sohn armer aber jüdischer Eltern, geboren — in diesen Blättern schön mehrfach berichtet worden ist, ist auch die Ehre zu Theil geworden, in einem Saale der historischen Abtheilung mit seinem ,-Lucifer" in Bronze als Repräsentant der Berliner Akademie, der der Künstler seit 1886 angehört, vertreten zu sein. — Zwei Landsleute Antokolsky's, Elie Günzburg und I. Günzburg- Petersburg, haben unweit von der Gestalt des ernsten Denkers Spinoza ihre plastischen Werke leichtere,t Genres, die auf eine hohe Befähigung Hinweisen, aufgestellt, In seinem „Don Quixote", der hoch zu Roß. die Lanze gegen die vielberühmten Windmühlen einlegt, hat I. Günzburg ein monumentales Werk geschaffen. Weit weniger gut gefällt uns desselben Bildhauers Büste des bekannten Schriftstellers und Schwärmers Leo Tolstoi. Einen sehr anmuthigen Eindruck macht der kleine Musiker in Bronze von E. G rünzburg, der auch die Büsten Anton Rubinstein's und des Malers Wereschagin geschaffen hat. In Saal 6 hat die Ausstellungs- Kommission, der Delegirte aller Länder angehören, der Büste eines deutschen Dichters in einer von Myrthen und Lorbeeren umrahmten Nische einen Ehrenplatz geschaffen, — hier steht in rolhem Gestein cfls Brustbild modellirt, Heinrich Heine von Werner Begas. ' D^as Haupt des Dichters ist in die Hand gestützt, die auf einem Klsblock ruht, den als Symbol die Lyra ziert. Wir kommen auf dieses neueste „Heine-Denkmal" noch zurück. j Von Hugo Rheinhold, der in bronzirtem Gips „Mönche" geschaffen hat und dessen künstlerische Befähigung rasch zur verdienten Anerkennung gelaugt ist, ist für Eingeweihte die Beziehung nicht so weit, als es den Anschein hat, zu der Büste des früheren Vorsitzenden des Deutsch Israelitischen Gemeindebundes, des Geheimen Sanitätsrathes Dr. Kristeller, die Adolf Jahn aus Schöneberg bei Berlin in Gyps ausgestellt hat. Eine große Anzahl Skulpturen finden wir auch in der großen Westhalle mit dem Mittelsaal für Internationale Plastik. In den, angrenzenden Architektur-Saal fesseln die großen Modelle der Synagoge in der Lindenstraße, welche die^ Architekten Eren,er und Wolffei,fteiu ausgestellt haben, mit den auf 6 Blättern entwickelten dekorativem Einzelheiten und den hebräischen Sprüchen unsere Aufmerksamkeit. — Nach diesem Rundgang durch die Haupsäle der internationalen Kunstausstellung werden wir bereits feststellen können, daß dieser Salon vornehmer und gehaltvoller ist, wie.es auch für die 200jährige Jubelfeier ^der Akademie sich ziemt, als je eine Ausstellung der letzten Jahrzehnte. An innerem Werth überwiegt auch dieses Mal das Retrospektive,, die; Anlehnung an die Vergangenheit gegenüber dem Modernen. Hier sind wesentliche Lücken zu verzeichnen, so ist z.B. Max Lieb ermann gar nicht vertreten. Wenn auch der moderne Mystizismus, die „Trauinkunst" und die pseudoreligiöse Kunst dieses Mal weniger ..als sonst ihre Orgien feiern, so hätten wir doch aus dem Gebiet des modernen idyllischen Naturalismus von jener vornehmen Art, wie ihn Millet in Fontainebleau gepredigt hat und wie ihn deutsche