Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1896)
- Date
- 1896-05-29
- Page
- Seite 259 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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wieder im Abzüge begriffen ist — gesellte sich dazm bis dann mit kräftig derbem Schritte Dein Brief ankam. Mein lieber Freund! Glaube mir, daß es mir eine wahre Labung wäre, daß es meiner lieben engelmilden Emilie und mir ein rechtes Freudenfest wäre, Dich einmal bei uns als Gast sehen zu dürfen; eine recht warme Unterredung mit Dir, über individuelles und jüdisches Leben, über allgemeine und jüdische Wissenschaft, welch ein Genuß, in dem ich lange schwelgen würde! Allein zu einem recht raschen, lebensvollen Briefe gehört bei mir oft eine Leichtigkeit des Blutlaufes, die ich nicht immer besitze. Nicht als befände ich mich nicht eben wohl, nein, Gottlob, ich bin gesund, glücklich in meiner Stellung, glücklich mjt meiner Emilie, aber dabei kann man doch häufig schwerfällig sein. Doch dem werde ich nun entgegenarbeiten, denn — ich muß Dir alsbald den wichtigen Entschluß' mittheilen — ich werde meine Zeitschrift, wo mir irgend möglich, fortsetzen, und da wird wieder solche Rüstigkeit nöthig sein, daß die Trägheit, bei den ohnehin hier bedeutenden Amtsgeschäften, nicht inehr Raum gewinnen kann. Jedoch nun noch zuerst einen kleinen-Rückblick! Also den 27. Juni habe ich in Frankfurt in der „Abt sch ule" auf dringendes Anffordern des Vorstandes gepredigt, und zwar vor einem so großen Publikum und mit so außerordentlichem Erfolge, daß ich darauf nicht gefaßt war. Den 1. Juli war mein Hochzeitstag, den 25. Juni hatte ich meine Emilie in Mainz eingeholt und kam den 26. mit ihr in Frankfurt an. Welche glückliche und vergnügte Tage wir seitdem zugebracht, mein lieber Freund, das denkst Du Dir wohl ohne meine Beschreibung. Meine Emilie ist noch ganz das naive Kind, diese anmuthige, liebenswürdige Unschuld, wie sie früher war, und je länger wir Zusammenleben, um so mehr kommt denn auch die süße Gewohnheit des Zusammenlebens hinzu, nur sonstige Verschiedenheiten zwischen uns auszugleichen. Wir sind sogleich nach unserer Verehelichung abgereist, haben Wiesbaden im Fluge gesehen, ruhten in St. Lengsfeld den Sonnabend, wo ich am deutschen Gottesdienste nicht besonderen Gefallen fand, haben Leipzig und Dresden je einen Tag besehen, intb in Berlin fünf Tage recht angenehm verweilt, sind am 15. Juli des Abends eine Station von hier prachtvoll eingeholt worden und haben hier eine wunderschöne, mit der größten Aufmerksamkeit bis ins geringste Detail getroffene Einrichtung vorgefunden. Wer könnte mir zürnen, wenn ich die erste Zeit der Liebe und dem unumgänglich Nöthigsten gelebt habe? Nun ich in jenes stille, freundliche Geleise liebenden Zusammenlebens gekommen bin, macht die Freundschaft, macht die Wiffenschaft, macht die Wirksamkeit sich wieder geltend. Du wirst nun an mir einen rüstigen Korrespondenten wiederfinden, möchtest Du nur in gleicher Weise es sein! Denn trotzdem, daß Du auf den hohen Kothurn, zu deutsch: auf Stiefel mit Klötzchen Dich gestellt hast, bist Du doch so voll Schreibfaulheitssünden, daß Du mehr Schuld hast an unserer trägen Verbindung als ich. Doch ich hoffe, Deine Empfindlichkeit, wie Dll sie diesmal beweisest über mich, wird niich vor derselben gegen Dich bewahren. Also ich bin hier eingebürgert, mein Amt geht ganz gut, das geistige Leben wird in mir wieder neu erwachen, sehr viele älißere Nahrullg hat es nicht, weder am hiesigen Orte, der bei Weitem nicht so frisch ist wie Frankfllrt, noch überhaupt durch unser, d. h. das jüdische, litterarische Leben. Aber ich fühle es, ich habe Kraft in mir, es aus mir selbst zu schöpfen, und so hat sich mir in den letzten Tagen es schon ganz hübsch bei dem Begülue einiger kleinen Arbeiten erneut. Sehr gerne möchte ich wissen, obDir meine letzten Sachen zu Gesichte gekommen, und wenn Du mir einen Weg angeben könntest, auf welchem dieselben zu Dir gelängen könnten, so wäre es mir sehr lieb'. - (Den 7.) 'Und nun zu Deinen lieben Briefen! Geht's auf einen Sabbath hin; dann verengt sich mir die Zeit sehr;- ich muß hier natürlich mehr Aufmerksamkeit auf die Predigten verwenden, und wenn ich sie mir auch nicht aufschreibe, so müssen sie doch sorgfältiger durchdacht werden. Jede "Predigt ist hierein Ereigniß, das besprochen, belobt, getadelt wird, und die Ereignisse muß man natürlich zu lenken suchen. Du weißt, lieber Freund, daß ich auch dem. Praktischen der Theologie zngethan bin, ilamentlich gern häufig predige, doch manchmal sehne ich niich so recht nach ungestörter, wissenschaftlicher Thätigkeit und beneide dann Dich, wie Du li'uu in großartiger Umgebung gleich einer Biene auf den Blüthen umherschwärmst und ihren Saft in Dir aufnimnlst. Freilich scheinst Dll mir etwas sehr zu schwärmen und Dich von Deiner Vielseitigkeit verleiten gu lassen, von Gebiet zu Gebiet zu wandern, bei keinem dann so lange auszuharren, um produziren zu können. So scheint mir, offen gestanden, Deine gegenwärtig beabsichtigte koranische Arbeit eine so umfassende, daß Jemand nicht gerade sein ganzes Leben daran zu setzen habe, aber doch seine Lebensrichtung in solchen Gegenständen finden müßte. Wenigstens würde mir, trotzdem daß ich früher koranische Studien gemacht, eine solche Arbeit jetzt ganz abseits liegen. Doch will ich. Dir sicherlich llicht einzeden, und Alles, was von Dir kommt, wird mir höchst erwünscht sein; nur fürchte ich immer, wir erblicken dadurch gar nichts. Dir etwas Näheres über den Kommentar des „Elpherer" zu sagen, wüßte ich liicht; es ist ein sehr ausführlicher, und es ^werden in ihm die Ansichten verschiedeiler Erklärer, meistens ohne Entscheidung zusammengestellt. Uebrigells will Herr v. Hammer in seiner Rec. meiner Schrift ihm nicht den Namen „Elpherer" lassen, betrachtet denselben vielmehr als bloßen Beinamen, doch erinnere ich mich nicht mehr genau seiner Bemerkungen. — Daß Du — wenigstens in Gedanken — immer mit der Saadiasarbeit beschäftigt bist, ist mir lieb; sie hat seit Munks Notice, und namentlich die Uebersetzung des Jesaias, neues Interesse gewonnen. Munk wird andere wissenschaftliche Entdeckungen Machen auf seiner Reise, und dies wird deren wichtigstes Ergebniß seiiü Denn im Ganzen scheint mir dieselbe eine ganz zwecklose, fast harlekinsweise. Daß französische und englische Juden ihren jüdischen Sinn in der Art beweisen, ist mir nicht auffallend, aber wohl daß ein Jude, der auf-dem Standpunkt echt deutsch-jüdischer Bildung steht, ihllen sich anschließt. Ich kann mich nämlich noch imnier nicht mit dem Gedanken befreunden, daß solche Thaten ans richtiger Erkenntniß der wahren Interessen der Jndenheit und des Judenthums entspringen, vielmehr in jenem rein traditionellen, halb nationalen, halb blos gewöhnten Zusammenhänge begründet sind, in jenem ganz abstrakten Gedanken, „ein Jude zu sein", ohne weitere Durchdringung voll dem Inhalte desselben. Die öffentliche Meinung in den gebildeten Ländern, wo Juden wohnen, wird von solchen aus dem Oriente oder dem Occibente vorgebrachten Anklagen gar nicht oder äußerst wenig affizirt. und mit einigen Zeitungsartikeln ist die Sache abgemacht, ohne daß das Leben eine Spllr davon bewahrte. So ist beim die Sache umsoweniger eine allgemein jüdische Angelegenheit, als gerade die Völker, welche die Leitung der Weltangelegenheit in Händen haben, auch hierfür den Ton angeben, sowie denn allgemein jüdisch blos das genannt werden kann, was unter den' Juden vorgeht, lvelche die höhere Sphäre der Inden ansmachen, also wiederum die Inden unter den gebildeten Völkern, namentlich Deutschlands, denen dann später die jetzt noch ungebildeten nacheifern undsich anschließen werden,. während das, was unter den Juden unzivilisirter Länder vorgeht, ein verschwindendes Moment ist, selbst wenn es dort von allgemeiner Bedeutung wäre. Aber auch das ist es nicht einmal, es ist keine allgemeine rnrati, wie der mittelalterliche Sinn und Ausdruck war, es ist eine einzelne Willkürhand lung> die auf die Stellung der üüi