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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-29 · Heft 22 (29.5.1896) · p. Seite 258

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
Seite 258 (sequence 6)
Language
German
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herrschenden Systeme oder vielmehr nach der Unklarheit und Gleichgiltigkeit, welche hier über diese Dinge stattfindet, und nach der Verwirrung, welche des Königs persönlicher Wille hineingebracht hat, Bedenklichkeiten verschiedener Art; Berichte wurden gefordert, die Anklageschriften häuften sich, zuletzt ward ein Promemoria eingereicht, verfaßt von Joel Jacobi, das in gewandter Darstellung ein Meisterstück von Unverschämtheit und Arglist ist. Ein Auszug aus diesem letzten wurde mir zugestellt, um mich darüber zu äußern; verflossenen Mittwoch habe, ich meine Aeußerung eingereicht, und ich sehe nun einem, wenn mich nicht alles trügt, günstigen Bescheide von diesem Ministerium entgegen. Dann geht die Sache an das Ministerium des Innern, wo man wohlgeneigt ist, und von Hier aus wird der Bericht an den König gestellt. — Mit einer Masse von hohen Personen bin ich nun schon zusammengetroffen und habe einen Blick gethan in die jüdisch-preußischen Verhältnisse, wie man nicht so leicht dazu kommt. Vor 1839 komme ich von hier nicht weg. — An Umgang fehlt es mir hier nicht. Das jüdische Wesen kann mir natürlich nicht gefallen, und eben so wenig die meisten Juden, die ich kennen gelernt habe, entweder wahrhaft gebildete Leute, aber abgetrennt von allem jüdischen Interesse, oder halbgebildete-, unerquickliche Menschen oder niedrig stehende Juden. D. Zunz ist der Einzige, dessen Umgang nur wahrhaftes Vergnügen macht. — Von Gelehrten, d. h. christlichen, habe ich hier im Grunde sehr wenige kennen gelernt. Vatke ist ein tüchtiger Mann, auch George ist recht wacker; außerdem ist Trendelenburg, an den' ich empfohlen war, ein Mann, -mit dem ich gerne umgehe, und auch Ritter habe ich kennen gelernt.*) Ich denke aber doch noch, meinen Aufenthalt hier zu einigen Bekanntschaften zu-benutzen. Underdeffen, m. L., hast Du ineine Emilie, gesprochen und mit ihr einen Tag zugebracht, auch an sie - ein so freundlich liebes Briefchen geschrieben; schon früher hatte fie. mir aufgetragen, in ihrem Namen zu antworten, da sie in der gegenwärtig noch, immer stattsindenden Ungewißheit, und selbst nicht genau bekannt mit dem Stande meiner Sachen, Dir nicht schreiben mochte. Jedoch habe ich dies unterlassen, da ich von hier aus, außer den dringendsten Briefen, keine Zeile geschrieben habe, ich würde es auch noch aufgeschoben haben, wenn ich nicht zugleich im Namen des Herrn D. Zunz, der noch immer vergeblich auf Auskunft über die in Leyden verwahrten Bußgebete wartet und der selbst einige Zeilen beifügen wird, schriebe.2) — Daß meine Emilie bei dieser neuen Zögerung nicht in der freudigen Stimmung verbleiben konnte, welche ich ihr für einige Zeit zu verschaffen so glücklich war, kannst Du Dir denken, leider ist ein neuer Trauerfallvor Kurzem auch in der Familie vorgekommen, indem mein Schwiegervater gestorben ist. Ich kenne selbst noch nicht die Folgen, welche dieses traurige Ereigniß herbeifnhren wird; ich habe bis jetzt erst einmal unterdessen von meiner Emilie Brief erhalten, worin sie jedoch sehr gefaßt sich ausdrückte, angezeigt war es mir im Namen der Familie von Sulzbach worden. Die Gewißheit, meine Emilie jedenfalls nun nicht mehr viel länger als ein Jahr von mir getrennt leben zu lassen, hat für 9 Die Namen der gelehrten Männer — sämmtlich Professoren der Universität — bedürfen keines erklärenden Zusatzes: -Vatke und George waren Theologen, von deren Werken schon oben die Rede war; Trendelenburg Philosoph, Ritter Geograph. Mit keinem der Genannten knüpfte Geiger Lebensbeziehungen; als er 30 Jahre später dauernd nach Berlin übersiedelte, besuchte er nicht einmal die beiden Ueberlebenden: Vatke und Trendelenburg. Andere Berliner Bekanntschaften sind Geigers Leben S. 110 genannt. 2) Die Zeilen von Zunz sind dem Briefe beigefügt, enthalten aber keinerlei mittheilenswerthe Zunz'sche Bemerkung. mich-unter diesen Umständen etwas Beruhigendes;- für Nahrung mache ich mir, gehe es wie es wolle, keine Sorgen. ■ -**.- ~ XVIII. Breslau, 3. August 1840. Mein herzlich lieber Dernburg! Gegenseitig brav sein, das ist schön, und wir sind es in der letzten Zeit sehr hübsch gegeneinander. Dein liebes Schreiben erwartete -mich-m Fft. bereits noch ehe ich da war. Wie gerne hätte ich Dir darauf schnell erwiedert, schon von dort aus, allein Du wirst dies kaum erwartet haben, und wie wäre es mir damals, wo meine Minuten buchstäblich ausgefüllt waren, möglich gewesen? Ich will Dir, bevor ich an die Beantwortung Deines lieben, inhaltreichen Briefes gehe, kurz referiren, wie viel ich unterdessen erlebt. Ich weiß nicht, ob ich Dir im vorigen schon davon Nachricht gegeben, daß ein schmutziges Schmähschriftchen gegen mich erschienen, das auch Stellen meiner Zeitschrift zu Angriffs- Waffen benutzen wollte, und ich hielt es für gut, die Gelegenheit zu benutzen, einmal den ganzen Hergang meiner Angelegenheit sowohl zuletzt^ in Wiesbaden, als auch meine hiesige Anstellung betreffend, darzustellen und ein für alle Male jene unwürdigen Befehdungen abzuweisen, uud so schrieb ich denn in den letzten Tagen vor meiner Abreise eine Broschüre: „Die letzten zwei Jahre. Sendschreiben an einen befreundeten Rabbiner", die ich Dir ebenso gerne wie frühere Arbeiten zuschicken würde, wenn einer dasäße, der sie Dir überbringen könnte. Alsbald nach Schabuoth, welcher ein Glanzpunkt in meiner hiesigen Prediger-Wirksamkeit war, da unser-Feft mit den christlichen zusammensiel und ich gerade ausgezeichnet im Zuge war, reiste ich ab, den 9. Juni Abends. Meine Reise dauerte etwas lange, so daß : ich erst den -13. nach Bonn kam zu meiner Emilie, die ich nun noch fast drei Tage in Bonn als meine liebe Braut lieben durfte, und die Tage, die wir zusammen zubrachten, waren eine freundliche Vorbereitung zn dem, was darauf folgen sollte. Ich hatte dort eine Einladung von D. Goldschmidt, als Präsidenten des sogleich zu bezeichnenden Festkoinitees vorgefunden, mich doch ja den 21. in Fft. einzufindeu, um dem Festessen zu Ehren Rießers bei dessen Abschiede von Fft. beiwohnen zu können. Allein um zu rechter Zeit da zu sein, hätte ich auch den 18. Abends, aus Rücksicht auf den Sabbath, abreisen müssen, was ich natürlich nicht wollte, und so , ging ich den 20. Nachts ab und kam doch noch den 21. Abends nahe an 7 in Fft. an. Nun war Auftrag meinem Bruder gegeben, alsbald von meiner Ankunft Nachricht zu geben, uud als dies geschehen, wurde ich von einer Deputation des Festkomitees, den D. Creizeuach imb Avler, zu dem Feste abgeholt, wo ich splendid empfangen und , der bereits früher beschlossene Toast auf mich von Cr. ausgebracht - wurde, den ich der Gelegenheit angemessen beantwortete.— Den 3. September. — Nun, das nenne ich aber ein Gedächtuiß, Du alter Kerl! Man soll sieben Jahre von der Universität weg sein und noch so rüffeln können! Das ist stark. Jedoch, mein lieber Freund, Du hast Recht, und wo sich im. verletzten Gefühle so viel echte und warme Freundschaft ausspricht, da hört man schon gerne auf das Wort, wie es der gekränkt und verletzt sich glaubende Freund ausspricht. Daß ich mich entschuldigen sollte? Nun, das verlangst Du wohl selbst nicht, mein Guter! Du siehst, wie ich recht bald vom guten Willen beseelt war, Dir zu schreiben, aber ich hatte die Anlage etwas zu groß gemacht und Gegenstände, die in ihrem ersten Eindruck mächtig und angenehm überraschend, aber..in der Erinnerung, bereits theilweise verblichen waren, heraufzubeschwören begonnen, undda sich die wahre innere Lust an denselben nicht, einstelleu wollte, so sank auch die Lust an der Miltheilung, und die leider bei nur in der letzten Zeit gewachsene Schreibträgheit—- die jedoch Gottlob schon

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