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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-29 · Heft 22 (29.5.1896) · p. Seite 257

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
Seite 257 (sequence 5)
Language
German
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Schillers zutreffen (ohne daß ich einer eeelesm mMsns das Wort reden^möchte): „Im Felde, da ist der Mann noch was werth. Da wird das Herz noch gewogen. Da tritt kein Anderer für ihn ein. Auf sich selber steht er da ganz allein." Sicherlich fehlt es uns auch heute nicht an Männern, die alles Vorstehende längst in die Wirklichkeit übertragen und davon auch für sich und ihre Gemeinden die Früchte geerntet haben; aber wenn dies allgemein so wäre, dann würde die Idee, einen Sohn Rabbiner werden zu lassen, doch nicht so vielseitigem Kopfschütteln begegnen. Bei unseren christlichen Mitbürgern erregt es doch kein Bedenken, wenn ein Gymnasiast sich entscheidet, Theologie zu studiren, vielmehr sieht dann die ganze Familie mit Stolz auf ihn, warum ist es bei uns anders? Ich wüßte nur eine Antwort: Der Rabbinerstand 'muß gehoben werden, und wenn einmal ein Bankier seinen Sohn für diesen Stand bestimmt, so kann das meiner Ansicht nach — fern sei jede Ueberhebung! — der Sache nur förderlich sein. Denn wenn auch gesagt ist, von den Kindern der Armen gehe die Lehre aus, so soll doch damit gewiß kein Gelübde der Armuth vorgeschrieben sein. Glücklicherweise ist ja auch schon wieder die Zeit angebrochen, wo Rabbiner ihre Söhne wiederum Rabbiner werden lassen: immer das beste Zeichen, daß ein Beruf in der allgemeinen Werthschätzung zunimmt. Und ein solcher, der Denjenigen, die ihn ergreifen, besondere Opfer auferlegt, welche unsere Voreltern zwar nicht als Opfer angesehen haben, die uns Neueren aber doch in diesem Lichte erscheinen: das strenge Einhalten der Speisegesetze, das Nichtschreiben und Nichtfahren am Sabbath u. s. w. — seine Bekenner sollten nicht mitleidig angesehen, sondern vielmehr ihrer Ueberzeugungstreue wegen geschätzt werden; wer in unserer materiellen Zeit dies auf sich nimmt, hat an sich schon Anspruch auf Achtung. Und die wirthschaftliche Stellung selbst? Damit ist es ja, besonders in den ausgedehnteren Gemeinden, heute erfreulicherweise anders geworden, als noch vor wenigen Jahrzehnten, und sind, die Ziffern auch kleiner als bei manchen einträglicheren Berufen, so entschädigt dafür die Sicherheit des Amtes, welche zugleich vor den Sorgen und Aufregungen vieler anderen Stände schützt. Gewiß dürfen auch die ungünstigen Seiten bei der Wahl eines Lebensberufes nicht übersehen werden, aber Gellert sagt mit Recht : „Ein jeder Stand hat seinen Frieden, ein jeder Stand auch seine Last." Und um wieviel kann oft das reicher verbrämte Alltagslebenausgewogen werden durch die von Wechselfällen auch materiell weit unabhängigere Stellung, die sich der Einzelne, selbst als Rabbiner, zu geben vermag; nur wer in dem fast unerschwinglichen Luxus der Gegenwart das Heil erblickt oder die zur Einkehr mahnenden Thatsachen verkennt, kann dies bestreiten. Vielleicht giebt diese Darlegung Anlaß, einmal festzustellen, wie viel junge Leute in Deutschland sich gegenwärtig dem Rabbinerstande widmen, bezw. zu widmen beabsichtigen und welchen Gesellschaftskreisen dieselben entstammen; eine derartige Statistik an die' Redaktion dieses geschätzten Blattes gerichtet, dürfte nicht ohne vielseitiges Interesse sein. Haben meine vorstehenden Ausführungen den Anschein einer Apologie, so fühle ich doch die Genugthuung, daß dieselben selbst auf meine „neumodischen" Freunde und Freundinnen, denen ich sie gelegentlich gesprächsweise vortrug, nicht ohne Eindruck geblieben sind und, wie ich eingangs sagte, mir sogar in den meisten Fällen Zustimmung eingetragen haben. Ter Knabe wird also weiter studiren, zunächstneben seiner Gyumasialbildung eine gute Grundlage im Hebräischen legen und ebenfalls die Musik nicht vernachlässigen. damit er auch diese Seite der Kultusfragen verstehen lernt, was bei unserer veredelten Geschmacksrichtung für einen Rabbiner recht vonnöthen erscheint, und sich hoffentlich so weiter entwickeln, daß ihm später — jetzt ist er ja eben erst Barmizwah — die definitive Berufswahl keine Schwierigkeiten noch Kümmernisse bereitet, während er heute noch der. Angelegenheit zwar sympathisch, aber platonisch gegenübersteht. Wir haben die Zusicherung, daß Israel ewig dauern werde und daß das Haus unseres Gottes genannt werde das Bethaus für alle Völker. Ewig werden deshalb auch in Israel Lehrer des Gotteswortes, Hüter des Bethauses erstehen, dieser Beruf wird nimmer von der Erde verschwinden, ebensowenig wie Frost und Hitze, Sommer und Wiuter. Ob unser Sohn dermaleinst zu dessen warmen Vertretern zählen werde, liegt in der Hand eines Höheren, meinestheils kann ich ihut hierbei nur die Worte des alternden David mitgeben: „Ich gehe den Weg alles Irdischen, Du aber sei fest und werde, ein Mann!" Abraham Geigers Briefe an I. Asrerrbonrg. (1833—42) Herausgegeben von Prof. Dr. Ludwig Geiger. XVII. Berlin, 18. November 1838. Mein lieber Dernburg! Also ziemlich gegen Ende des Jahres erhältst Du noch von hier aus Brief von mir! Als wir uns so freudig wiedersahen,*) glaubte ich freilich nicht, noch um diese Zeit hier sein zu müssen, verflossenen Freitag waren es bereits 9 Wochen, daß ich hier augekommen, um meine Naturalisation in den preußischen Staaten, um welche der Vorstand zu Breslau eingekommen war, selbst au betreiben, und im gegenwärtigen Augenblicke glaube' ich au der ersten Krisis zu sein, der noch eine zweite und dieser noch eine dritte, aber freilich rascher folgen muß. Um Dir nun kurz anzugeben, was sich während der Zeit, daß wir uns gesehen, ereignet, berichte ich Folgendes: Als ich mich von Dir getrennt, eilte ich nach Frankfurt a. M., woselbst ich 14 sehr angenehme Tage zugebracht; unterdessen war das Gesuch des Breslauer Vorstandes um meine Naturalisation, von dein Polizeipräsidenten und der Provinzialregierung günstig bevorwortet, hier angekommen. Dies sowie seine Hierherreise zur Beschleunigung der Sache hatte mir D. Freund mitgetheilt, und ich entschloß mich schnell, gleichfalls hierher zu reisen, nicht ohne die Hoffnung, vielleicht auf Neujahr schon' in Breslau sein zu können. Allein die Gegner waren auch nicht müßig gewesen; bei beiden Ministerien — dem des Innern und dem der geistlichen Angelegenheiten — waren Beschwerdeschriften eingelaufen, und da diese meist auch auf religiöse Grunde sich stützten, so wurde die Angelegenheit, welche als bloße Frage über die Gestattung der Niederlassung lediglich dein Ministerium des Innern überwiesen war, auch an das Ministerium der geistlichen Angelegenheiten verwiesen. Da' entstanden nun, nach dem einmal hier 1) Wo und wann das Wiedersehen stattfand,>on dem ich in der Einleitung zu diesen Briefen zu sprechen unterlassen habe, kann ich nicht genau bestimmen: vermuthlich Herbst 1838 in Wiesbaden oder Mainz. Ueber die in Aussicht stehende Breslauer Stellung giebt zum Theil der folgende Brief Auskunft; Näheres vgl. N Geigers Leben S. 109 ff; und Geigers in einem der nächsten Briefe erwähntes Sendschreiben: Die letzten zwei Jahre, 1840, abgedruckt in Nachgelassene Schriften Band I, S. 1-51.

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