Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1896)
- Date
- 1896-05-29
- Page
- Seite 256 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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256 Bilde von Sonne und Mond, den Symbolen -der höchsten geistigen Erkenntniß. So stürzen sie sich, die muthigen Jünglinge, mit dem Schwerte in der einen, mit der Bibel in der anderen Hand mitten in das KaulpfeZgewühl, wie einst ihre Ahnen; wohlauf, mein junges Volk Israel, kämpfe deinen Kampf, führe deinen Streit, der Sieg wird dein sein, du wirst ihn erringen über Verdulnmung und Niedertracht! Mögen auch unsere lendenschtvachen „Großen und Neichen" erlahmen in ihrem Interesse fürs Judenthum, solange ein jüdischer Jüngling sich begeistert, für unsere große Vergangenheit und unsere mehr als dreitausendjährige Geschichte und was sie Bedeutendes hervorgebracht, solange ist Israel nicht verloren. Iwri. sÄ* Warum unser Sohn Rabbiner werden soll. ^enn ich im letzteil Jahre Freundell gegenüber den Gedanken aussprach, unser ältester Sohn solle einmal Theologie studiren, so wurde mir fast regelmäßig erwiedert: „Wie kann ein Bankier seinen Sohn Rabbiner werden lassen?!" Freilich darf ich hinzusetzen, daß nachnicht langer Unterhaltung die Freunde beinahe sämmtlich meine Anschauungen über diesen Punkt als berechtigt ansahen, und da der Gegenstand, von der Persönlichkeit losgelöst, vielleicht ein allgemeineres Interesse hat, so will ich versuchen, in Nachstehendem die Gesichtspunkte zusammenzufassen, die für mich hierbei bestimmend sind. —Vorweg bemerke ich jedoch, daß es mir fern liegt, die Bestimmung über den Lebenslauf des Sohnes ganz eigenmächtig zu treffen, daß diesem selbst vielmehr Spielraum gelassen werden soll. Aber wenn sich, wie im vorliegenden Falle, keine ausgeprägte Neigung oder Fähigkeit für ein besonders Fach .zeigt, so haben meines Erachtens die Rechte der Eltern, auf die Zukunft des Kindes einzuwirken, auch bei der Auswahl eines Berufes nicht unnöthig in den Hintergrund zu treten. Unser Sohn nun, ein guter Schüler, der bisher den recht strengen Anforderungendes Gymnasiums immer gerecht geworden ist, hat bislang noch feine besondere Vorliebe für einen Zweig der menschlichen Thätigkeit gezeigt, obgleich er kürzlich bereits in das 14. Lebensjahr eiugetreten ist. Er kann also insoweit als ein unbeschriebenes Blatt bezeichnet werden. Naturgemäß würde nun die nächste Frage sein: eignet er sich für 'den Beruf des Vaters? Und nach dieser Richtung hin ergiebt sich wenigstens etwas Bestimmtes, wenn auch Negatives. In unseren Zeiten, wo das Geschäftsleben von Jahr zu Jahr mehr erschwert wird, aus Gründen, die hier durchzugehen 311 weit führen würde, so wünschenswerth es auch erscheint, sich darüber klar zu werden; in Zeiten, wo der Antisemitismus im Verein mit dem Agrarierthum sich gerade die Börse als Zielscheibe seiner Angriffe allsersehen hat, heißt es. die Ellenbogen zu gebrauchen, wenn mail stille Position behaupten oder sich eine solche erringen will. Und dazu ist unser Aeltester zu bescheiden veranlagt, eine Charaktereigenschaft, die zwar im Gewoge des Lebens ihre Schattenseiten hat, aber nach anderer Richtung Hill ihm, wie wir hoffen, auch zur Zierde gereichen wird, wenn einmal lücht nur die Stürmer sich ihr Theil nehmen, sondern auch der stillen und redlichen Arbeit die Palme winkt. Und was ich soeben von der Thätigkeit als Bankier sagte, trifft, mehr oder weniger auch von dem ganzen übrigen geschäftlichell Gebiet zu: Kampf bis auf's Messer, für den wir unsereil zweiteil, einige Jahre jüngeren Sohn, der einmal der Nachfolger werden kann, sehr wohl veranlagt Halten, nicht aber den Senior. Soll er Medizill studiren? Die Ausübung dieser Wissenschaft widerstrebt ihnl. Soll er Jurist werden? Es giebt auch ohnedies jüdische Anwälte in Hülle und Fülle, und die Richterkarriere, die unseren Glaubensgenossen wenigstens in den unteren Graden bislang noch offen stand, droht durch die geplanten neuen Maßnahmen der Regierung für dieselben noch weiter zusammenzuschrumpfen. Hätte der Kilabe Vorliebe für einen technischen Beruf, so würde ich ihn. einen solchen gern ergreifen lassen; viel.mehr aber als hierfür erwärmt er sich für jüdische Dinge, bereu er ein über sein Alter hinäusgehend es Interesse unb Verständniß entgegenbringt. Häufig stiehlt er sich Frühmorgens zur Synagoge, und als er vor einigen Jahren seiner Gesundheit halber während der Sommerferien mit einem Lehrer in ein Seebad geschickt werden sollte, erklärte er kategorisch: „Aber mit einem treifenen Lehrer gehe ich nicht." Und dieses jüdische Jlltereffe ist der springende Punkt, der für uns mitbestimmend ist. Sollte es mit dem Atavismus doch etwas auf sich haben? Der Großvater des Kleinen war eine Leuchte in Israel, dessen Name auch heute, lauge nach seinem Tode, noch mit Ehrfurcht genannt wird, der als Seelsorger,'als Kanzelredner wie als Forscher gleich ausgezeichnet gewesen ist, und auf den sein Biograph rührend die .Worte des Jesaja anwandte: „Trümmer vergangener Geschlechter richtest du wieder auf, und man wird dich nennen: Rissevermaurer." War er eine Zierde des deutschen Rabbinerstandes, warum sollte sein Enkel, der ihm in manchen äußeren Dingen ähnelt, bei eifrigem, unentwegtem Streben nicht auch einmal eine solche werden können? Und bietet es für einen' Gefühlsmenschen, wofür ich den Jungen seinem ganzen Temperament noch vorläufig halten muß, nicht, im Vergleich 31t jedem geschäftlichen Erfolge, mindestens ebenso viel Befriedigung, eine Gemeinde zu den Höhen des Geistes hiuanzuführen und durch den Strom der Rede mit sich fortzureißen? Freilich, ob ihm der letztere bescheert sein wird, steht noch dahin, doch sprechen seine bisherigen kleinen Versuche auch nicht dagegen. Natürlich verlange ich von ihm, daß er, wenn er den Rabbinerberuf ergreift, in demselben etwas Tüchtiges zu werden sich bestrebt, es mit seiner Aufgabe ernst nimmt und daneben ein Gelehrter — kein Stubengelehrter! — zu werden versucht, der mittelst einer möglichst -umfassenden Bildung den Fragen der Zeit nach allen Richtungen hin gerecht werde. Denn helltzntage muß ein Rabbiner mehr sein als der Geistliche, der alle zwei oder vier Wochen eine Predigt hält, mit den Schulangelegenheiteu der Gemeinde nur in losem Zusammenhang bleibt, über' Kaschris und Mikwah sein Urtheil abgiebt und sich in vielen Nebendingen erschöpft, wo er vermöge seines geistigen Uebergewichts, seiner tiefen Kenntniß von Bibel und Talmud, von hebräischer und Welt-Litteratur. vermöge. seiner philosophischen Erziehung, seiner Rednergabe und der Würde seiner Stellung Leiter unb Führer sein sollte. In wie viel Gemeinden ist er dies denn wirklich? Und bietet sich da nicht ein Feld, das auszubauen das höchste Ziel eines Mannes sein dürfte? Insbesondere in der Neuzeit, die uns zwar das antisemitische Unwesen gebracht hat, aber gerade dadurch erhöhte Forderungen an Jeden stellt, der an die Spitze einer jüdischen Gemeinschaft berufen ist; in einer Zeit, welche, wie alleilt die stetig fortschreitende Ausbreitung der Litteraturvereine zeigt, für jüdische Dillge ein gegeit früher so verstärktes Interesse an den Tag legt! Welche wahre Genugthuling kann die rechte Erfüllung eines solchen- Anltes gewähren und welche Stellung nach außen hin, auch den andersgläubigen Mitbürgern gegenüber, mit denen Fühlung zu halten oft gerade der Geistliche am geeignetsten ist, wie in den Herzen der ihui Anvertranten kann sich derjenige verschaffen, der den Rabbinerberuf von diesem Gesichtspunkte aus auffaßt und bethätigt. Im Gegensatz zu vielen anderen, schwächlichen Lebensstellungen dürften gerade darauf die Worte