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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-29 · Heft 22 (29.5.1896) · p. Seite 255

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
Seite 255 (sequence 3)
Language
German
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L55 In Rußland scheinen wirklich lindere Lüfte zu wehen. Der Petersburger Korrespondent der „Kölnischen Zeitung" bestätigt, daß der jetzige Zar in letzter Zeit wiederholt sich gegen die Verfolgung Andersgläubiger ausgesprochen habe. Eingeweihte Kreise haben §ine Aeußernng des Zaren wiedergegeben, die dieser that, als ihm jüngst eine Anzahl von Bittschriften der unter der vorigen Regierung stark bedrückten unirten Polen vorgelegt wurde. Der Kaiser sagte: „Es sei wirklich an der Zeit, auch in Rußland an die Gewissensfreiheit zu denken". Der Korrespondent versichert, sogar bei Pobedonoszeff habe sich eine Wandlung vollzogen. Sehr natürlich! Ja, sogar Fürst Meschterschky hat in seinem „Grashdanin" feierlich erklärt, es sei unedel, Andersgläubige und ihre Religion zu verfolgen und auszuschließen! Brief aus Oesterreich. * Im Wonnemond 1896. §VV^eber Geschmack läßt sich nicht streiten. — Dieser Satz ist bekanntlich uralt, aber er ist noch immer wahr. Und so wollen wir auch den lieben Bewohnern unserer Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, den ans Schillers Werken wohlbekannten „Baflhäudel"-Phaeaken und mehrfach „verstockten" Hausherren die Freude gönnen, einen Stro—bach sich, zum Bürgermeister gewählt zu haben. Ist doch in unserer schönen Welt alles auf den Kopf gestellt, warum sollte nicht auch einmal ein Vize - Bürgermeister für einen Bürgermeister regieren? Vize ist nämlich Er, der Große, Gewaltige, neben dem kein Anderer genannt werden darf, der Advokat Carl Lueger, der Liebling der lieblichen Wiener Frauenwelt, der Erlöser von aller Roth, er, der Beste der Menschen, der im christlichen Sinne wirken wird, indem er Gottbehüte nie einen Juden anstellt, weidlich über Ungarn schimpft, den Gehalt eines Vize- Bürgermeisters einsteckt, bis er kommt der große und furchtbare Tag, an de>n der „dermalen" nicht Bestätigte alle die Stro—bachs und das andere Gewürm, das ihm kläglich zu Füßen kreucht, niedertritt und einzieht in die gothischen Hallen, welche Meister Schmidt einst erbaut und in denen es sich so schön, ach so schön wohnen läßt. „Spaß bei Seite", wie einer meiner Freunde zu sagen pflegt, aber es war ein köstliches Satirspiel, das nach der Tragödie, genannt „Wiener Wahlen", aufgeführt wurde zur Erheiterung aller Denkenden, zur Erfreuung aller verbohrten Melancholiker und Pessimisten. — Er hat nachgegeben, er will „dermalen" nicht Bürgermeister werden, er, der noch vor wenigen Tagen feierlich versprochen, mit seinen Anhängern, genannt „Bürger-Klub", zu stehen und zu fallen! Was hat er aber auch nicht alles schon versprochen und gesprochen der „dermalen" Nichtbestätigte. Welche Häutungen hat er nicht schon durchgemacht seit dem Tage, da ihn sein Lehrer und Meister, er war, leider wüsten wir es gestehen, ein Jude und führte den nicht ganz ungewöhnlichen Namen Mandl, eingeführt ins öffentliche Leben, da er als „Demagrad", spr. Demokrat, begonnen, bis zum heutigen Tage, an dem er als zweiter Erlöser des christlichen Volkes jubelnd begrüßt wird, Hosiannarufe „Hoch Lueger" ihm entgegentönen. — So berechtigt er nun zu den schönsten Hoffnungen, daß er, der als „Juden-Demagrad" begonnen, noch enden wirdgeziert mit vielen schönen Orden, als regierungsiNüder Hofrath. Wir Juden, die wir schon so viel erlebt, wir werden auch dieses Schauspiel erschauen, denn wir haben schon andere Hamans sterben sehen und die waren mehr als der -/dermalen" nicht Bestätigte. — In dem Satirspiel, das sich da vor unseren Augen entwickelte, giebt es aber noch andere sehr heitere Personen und Situationen Ich rede da gar nicht von dem Strohmann Strobach, dein Wärmehalter des großen Meisters. Der Mann ist an seiner Würde gänzlich unschuldig; er wird auch mit der uuschnldigsten Miene der Welt beit; doppelten Ministergehalt, den der Wiener. Bürgermeister bezieht,^ cinstreichen. Ihm wird sein Amt wenig Kopfweh bereiten, wie ihn ' ja auch kaum das Wissen beschweren kann, das er sich in vier Volksschulklaffen erworben. — Wir denken, da wir unsere Satire schreiben, mehr an die bärbeißige, bramarbasirende deutsch-nationale Partei, welche 30 Mann hoch in den neuen Wiener Gemeinderath einzieht. Mit einer wahren Veserkerwuth, — .ihr.Meister heißt Schönerer — stürzte sie sich auf die zweite Vizebürgermeisterstelle. Wer zählt die Namen all' Derer, die hier als Kandidaten anftraten, um auch diesen Gehalt einzustreichen? Aber an den Gehalt des zweiten Vizebürgermeisters war, wenn er von einem Deutsch-- Nationalen bezogen werden sollte, die Bedingung geknüpft, daß er, nämlich der Deutsch-Nationale, seinen Herrn und Meister, das ist den Herrn Schönerer, verleugne, ihn sowohl, als auch seine „zerstörenden Bestrebungen". Und siehe, ehe der Hahn zweimal gekräht, ging er hin, der stramme Deutsch-Nationale, — er führt den wohlklingenden Namen Neumeyer, ist Advokat und hat nichts zu thun, — und verleugnete in deutscher Treue seinen Meister, der nun auf seinem Schlosse Rosenau grollt und donnert, Bier trinkt, die „unverfälschten deutschen Worte" schreibt und seine Kinder, deren Ahne Schnule Leib Kohn aus Pohrlitz in Mähren ist, lehrt Juden fressen und Speere werfen. Ist es aber wirklich der Antisemitismus allein, der bei uns gesiegt hat? Mit'Judeufrestern allein kann man doch kaum regieren. Für uns Juden mag die Beantwortung dieser Frage herzlich gleichgiltig sein. Scheinbar sind wir ja doch die Geschlagenen, und unsere Kinder werden die Kosten bezahlen. Das Blut kommt über unser Haupt. Wer aber tiefer eindringt in das Wesen der Dinge, der wird erkennen, daß bei uns um ganz anderes gekämpft wird, als um Senis oder Antisems Herrschaft. Was sich vor unserem Auge vollzieht, das ist der uralte Vorstoß des Klerikalismus gegen siegreich sich verbreitende neue Ideen; vorläufig aber hat der Klerikalismus und Feudalismus wieder gesiegt. Wir und jeder Einsichtige mit uns muß es eingestehen, daß Lueger, wenn er deutsch-nationalen Bekenntnisses gewesen wäre, nie und nimmer seinen Sieg davon getragen hätte; der schlaue Mann hat die bei uns so beliebte klerikale Gesinnung zu seinem Nutzen ausgebeutet und sicherer hat sich nicht getäuscht, als er erkannte, mit dieser könne nmn bei uns alles ausrichten. Er hat den Erfolg für sich, und wer dies sagen kann, der ist in unseren Zeiten des Utilitarismus der Held des Tages, und wir glauben es ihm gerne wenn er renommirend ausruft, er sei heute der volksthümlichste Mann Oesterreichs. Fragt sich nur, wie lange er es bleiben wird. Und wir Juden? Vor allem kann es uns gleichgiltig sein, wer Bürgermeister von Wien ist, ein Antisemit ist es doch. Ob sich die Wiener Bewegung weiter verbreiten wird? Man kann dies nicht apodiktisch bejahen, aber alle Anzeichen sprechen dafür. Ob wir den auf uns anstürmeuden Wogen Stand halten werden? Das hängt nur von uns ab. Und da leuchtet uns, wie einst zur Makkabäerzeit, unsere Jugend herrlich voran. Eine mächtige Bewegung geht durch unsere jüdische Wiener Studentenschaft. Was die „Großen" unter uns in greisenhafter Lethargie vernachlässigt, unsere „Mächtigen", im sträflichen laissez faire, .laissez aller nicht geachtet, das begeistert unsere wackeren Musenjünger zu großen Thaten. Sie schaaren sich wieder, unsere Jünglinge, um unser erhabenes Schriftthum, hoch flattert ihnen voran das Banner Judas mit dem mächtig aufsteigenden Löwen, es erglänzt ihnen die Fahne Jsaschars mit dem

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