Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1896)
- Date
- 1896-05-29
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Nächstenliebe am Krankenbette wie in der Hütte der Armuth wirken, dann werden sie nicht mehr klagen über die Zwecklosigkeit ihres Daseins, dann werden die Gefühle der Oede und Langeweile, die sie so oft beherrschen, wie Nebeldunst im Lichte der Sonne verschwinden. Dann, aber auch nur dann, werden sie echte und rechte Mitarbeiterinnen an der edelsten Aufgabe des Menschengeschlechts: das Loos der Armen und Elenden, der Enterbten der menschlichen Gesellschaft zu mildern, die vielen sozialen Mißstände zu verbessern, endlich aber die große Idee der Freiheit und Gleichheit im idealen Sinne für Mann und Weib, für Reich und Arm der Verwirklichung entgegen zu führen. , Wahrlich, ein herrliches erstrebenswerthes Ziel, ein Ziel, das die Humanitätslehre des Judenthums, in zahlreichen Vorschriften und Aussprüchen ihren Bekennern ans Herz gelegt hat. Zu dem Bibel- Vers: „Dem Ewigen, eurem Gotte, sollt ihr nachwandeln", bemerken die Lehrer des Talmud : „Vermag denn ein Mensch Gott nachzuwandeln? O ja, wandele du nur die Wege seiner Werke! Gott besucht die Kranken und tröstet die Armen, so suche auch du die Kranken auf und helfe den Armen". Eine solche Lebensanschauung muß wieder heimisch werden in den Häusern Israels und in den Herzen seiner Frauen. - Berlin, 26. Mai. Stöcker ist natürlich über das kaiserliche Telegramm feljr unglücklich. Er kann sich gar nicht darüber beruhigen, daß den protestantischen Geistlichen jede politische Agitation nunmehr verwehrt sein solle. Doch das ist seine Sache und geht uns nichts an. Was uns aber wohl angeht, ist der Umstand, daß Herr Stöcker bei seiner Polemik in bekannter Manier auch unsere Rabbiner mit heranzieht. Er sagt u. a.: „Wenn diese Anschauung buchstäblich zur Geltung käme, würde sie die evangelischen Geistlichen als Staatsbürger untergeordneter Art erscheinen lassen. Und da von vornherein unklar ist, daß weder katholische Priester noch jüdische Rabbiner oder irgend ein Geistlicher der anderen Denominationen sich jener Auffassung beugen werden,, so hätte die Aeußerung des Kaisers für die Landeskirche eine besonders schwere Bedeutung." ... Dagegen müffen wir nun ganz entschieden protestiren. Es sollte Herrn Stöcker schwer fallen, uns auch nur einen einzigen Rabbiner zu nennen, der in den letzten 30 Jahren sich an irgend einer Politischen Agitation betheiligt hätte, wie nahe auch in der antisemitischen Periode die Versuchung hierzu gelegen hätte. Unsere Rabbiner haben Anderes und Wichtigeres zu thun. Aber selbst in dem Falle, daß einer von ihnen der Versuchung nicht widerstanden und an dem politischen Leben theilgenoinmen Hütte, so würde dieser wie jeder andere deutsche Rabbiner Patriot genug sein, den Willen des Kaisers zu respektiren und sich fortan um Politik nicht mehr kümmern. Der deutsche Herr Stöcker könnte wirklich von den jüdischen Rabbinern noch manches lernen. * Die „Deutsche Wacht" erzählt triumphirend an der Spitze ihres Leitartikels vom 15. Mai : „Es geschieht selten, daß der antisemitischen Litteratur eine öffentliche Anerkennung zu Theil wird, und wenn es geschieht, ist es natürlich desto erfreulicher. So hat kürzlich ein Berliner Richter in einem Prozeß gegen die „Politischen Bilderbogen" erkannt, daß diese ' Bogen sehr wohl geeignet seien, aufklärend auf die große Müsse zu wirken, und die Berufungskammer des dortigen Landgerichts hat noch besonders hervorgehoben,, daß der Bogen Nr. 10 „Die. Juden in Friedrichsruh" eine „Rede voll Witz und satirischer Schärfe gegen die Juden enthält." Wir sind augenblicklich nicht in der Lage, diese Mittheilung kontroliren zu können, glauben aber bestimmt, daß die Aeußerungen jenes Berliner Richters entweder aus dem Zusammenhänge geriffen oder sich auf ganz andere Dinge bezogen haben. Sollte dies aber nicht der Fall sein — nun so sind wir eben anderer Meinung. Was jener Ansicht nach „aufklärend" auf die große Masse zu wirken geeignet ist, rechnen wir zur schmählichsten und boshaftesten Schund- und Schandliteratur. Ueber den Geschmack läßt sich' bekanntlich streiten. * Der Stern eines großen Führers, des Herrn Lieber mann von Sonnenberg, ist im Untergehen. Der Angriff Carl Paaschs auf diesen Führer der Antisemiten war sehr derb, und das . Echo, das er in Deutschland unter den Antisemiten findet, ist ein Beweis dafür, daß auch diese Herrlichkeit bald abgethan sein wird. „Freideutschland" erklärt : „Die Sache Paasch-Liebermann muß unter allen Umständen geklärt werden. Sie durch Totschweigen aus der Welt schaffen zu wollen, würde dem reichsdeutschen Antisemitismus ein sehr ungünstiges Zeugniß ausstellen und ihm sicherlich nicht zum Heile dienen." Der Antisemit Hans v. Mosch schreibt: „Die heutige antisemitische Bewegung aber, die sich endlich von Stöcker sreigemacht hatte — im Wesentlichen durch das Verdienst der hessischen und sächsischen Parteiführer — wird durch die Liebermann und Jskraut nach und nach wieder gänzlich in den Sumpf geführt werden!" Noch offenherziger spricht der antisemitische „Deutsche General- Anzeiger" seinen Groll aus: „Der Vorsitzende der antisemitischen Reichstagsfraktion, also der anerkannte Führer einer nicht gerade unbedeutenden politischen Partei, kann derartige Anklagen, wie sie hier in sehr bestimmter Form gegen ihn erhoben werden, nicht ruhig auf sich sitzen lassen. Wir erwarten vielmehr, daß Herr v. Liebermann vorläufig den Vorsitz in der Fraktion niederlegen und einem von der Partei zu erwählenden Ehrengerichte die Entscheidung über die Stichhaltigkeit der gegen ihn erhobenen Anklagen überlassen wird." _ * Der Antisemitismus hat sich auch wieder einmal in der b a i e r i s ch e n Kammer geregt. Bei Berathung des Etats der Kunstgewerbeschulen in der Sitzung vom 18. Mai schlug der bekannte Dr. Ratzinger einen antisemitischen Ton an, indem er sagte: Weil die Inden das Geld haben, richten sichdie Künstler nach deren Geschmack. Daher kämen die modernen Knnsterscheinnngen. Wenn der Geldeinfluß der Juden gebrochen würde, werde es auch da besser werden. Die Abgeordneten Maison (natlb.) und Dr. Günther (freis.) protestirten energisch gegen diesen antisemitischen Ausfall und tadelten Ratzinger, daß er immer die Juden heranziehe. Pros. Günther sagte : Bei jeder Gelegenheit eine Raffe verantwortlich machen, ist eine sittlich unzulässige Methode. v. Vollmar (Soz.) sprach auch gegendie Ausführlmgen Ratzingers. Letzterer hielt seinen antisemitischen Standpunkt aufrecht und wandte sich gegen die „Judenpresse", welche die christlichen Feste verunglimpfe. (Der Präsident mahnt, die Judenfrage nun endlich aus der Debatte zu lassen.) Dr. Günther trat Ratzinger nochmals entgegen. Wenn ein jüdisches Blatt christliche Feste verunglimpft habe, so sei das ebenso schändlich, wie wenn ein christlicher Schriftsteller die israelitische Religion verunglimpfe. ' *