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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-29 · Heft 22 (29.5.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 22 (29.5.1896)
Date
1896-05-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 60. Jahrgang. Ur. 22. Berlin. 29. Mai 1896. Diese Zeitung erscheint wöche ntlich. Slbonnemeiits-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von derExpedition in Berlin unter Streifband bezogen viertelsährl. 3 M. Re-acteur: Gustav Karpeles. Begründet von Natibiner D"- Ludwig PHUippson-Konn Verlags-Expedition: Lerlin. Lernlalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion nild Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung deS JudenthumS'. Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Leitartikelr Für unsere Frauen. — Die Woche. — Brief aus Oesterreich.' — Warum unser Sohlt,Rabbiner werben soll. — Abraham Geigers Briese an I. Derenbonrg.- Von. Prof. Dr. L u d w i g G e i a e r. — Der Salon 1896. Von M. Friedeberg. — Feuilleton: Jüdische Märchen: Glimmende Kohlen. —. Litte» arische Mittheilunge». — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus der Provinz Posen. Cvthen, Bielefeld. München. Wien. Brünn. Budapest. Chaüx de Fonds. Paris. - Bon Nah und Fern. — Miscellen. — Geschüstliche Notizen. Für unsere Frauen. Berlin, 26. Mai. ohne ein Gefühl von Neid haben wir kürzlich in den {jgsL, Zeitungen die Nachricht gelesen, daß in England in neuester Zeit die Tochter der besten und reichsten Familien sich zum . Dienst als Krankenpflegerinnen in den Hospitälern förmlich herandrängen. Das mag nun allerdings eine Mode sein, die nur so lange; datiert, bis eine neue an deren Stelle tritt. Aber es ist eilte Tatsache, daß nicht nur in England, sondern in ganz Europa hochgesinnte Frauen, Königinnen und Fürstinnen an der Spitze, in neuerer Zeit das musterhafte Beispiel dafür gegeben haben, wie Frauen auf dem Gebiete der Armen- und Krankenpflege in edelster Weise sich bethätigen köllnen. Dieses Beispiel hat auch begeisterte Nachahmung gefunden. Es ist nichts Seltenes, daß die Tochter eines hohen katholischen Fürstenhauses als Krankenpflegerin in ein Hospital eintritt, und auch aus protestantischen Adelsfamilien bilden sich sehr oft junge Damen für das Diakoniffmnenamt zur Armen- und Krankenpflege, zur Kindererziehung und Lehrerinnenbildung aus. In unserer religiösen-Gemeinschaft haben die Frauen — und zwar gerade die angesehensten und reichsten iit; der Gemeinde — die Pflege der Armen und Kranken stets als ein religiöses Gebot hochgehalten und mit allem Eifer ausgeübt, lauge bevor dies Mode geworden und ohne daß dies als eine besondere Leistung angesehen wurde. In jeder jüdischen Gemeinde lebten und walteten solche fromme Frauen (Naschim zidkänijot) still, und tren^ umsichtig und gewissenhaft mit einer Geschicklichkeit xtub liebevoller! Aufopferung, die keinen Vergleich zu scheuen hatte.; Das ist nun freilich anders geworden in dieser neuen Zeit. Aber wäre es nicht möglich, daß auch unter den veränderten Formen des Lebens lind innerhalb der neu geschaffenen Einrichtungen moderner Kultur unsere Naschim zidkänijot wieder auflebteu? Auch hierfür ist ja das Beispiel in vielen Gemeinden gegeben. Eine große Anzahl angesehener Frauen aus den bestell Kreisen unserer Gemeinden erkennt in der Arnren- und Krankenpflege ihren schönsten Beruf und widmet sich diesem Beruf mit einem Eifer- und einer Ausdauer, die auch ' keine Vergleiche zu scheuen haben. Es genügt diesen Frauen nicht, als „Ehreii-Damen" zu fungiren. Sie suchen vielmehr ihre Ehre darin, Wohlthätigkeit zu übeu, die Aruluth allfznsucheu, den Kranken Hilfe und Linderung zu bringen. Mir könnten eine Reihe der hervorragendsten Namen aus unserer, wie aus allen anderen Gemeinden nennen, von-jener Dame aus dem Hause Rothschild angesangen, die! als Lehrerin in einer jüdischen Armenschule Londons wirkte und all- ' sabbathlich diesen Kindern erbauliche und belehrende Vorträge hielt, 'bis zu jenen verehrten Frauen in unserer Gemeinde, die alltäglich in Hospitälern, Alterversorgungsanstalten, Volkskindergärten und Volksküchen ihren edlen Beruf erfüllen. Aber wir meinen, daß dieses Beispiel in weiteren Kreisen unserer Gemeinschaft noch mehr-Nachahlnung finden: könnte, als dies that- ' sächlich der Fall ist. Es erschließt sich hier unseren Frästen und /Mädchen ein weites und segensreiches Arbeitsfeld. Wie viel Elend, i Noth, Sorge und Kummer existiren rings um uns her, besonders in den Großstädten; wie viele junge Mädchen und Frauen könnten sich hier nützlich machen, um zu helfen und zu mildern! Mer es müßte - eben wirkliche ernste Arbeit, nicht nur Modespielerei und Eitelkeit Isein. Die täglich wachsende Noth, auch innerhalb der jüdischen Gemeinden der Großstädte, weist deutlich darauf hin, daß, soviel auch in üjeder Hinsicht geschieht, noch iuimer große Schäden vorhanden sind, daß alle Wohlthätigkeitseinrichtungen weder genügen noch ansreichen und zude,n oft nicht Einmal den wahrhaft Bedürftigen zu Gute konnnelr. Wie viel Zeit, Kraft und Geld verschwenden viele junge Damen in zweckloser Weise und an nichtige Dinge, während doch die ^zielbewußte Verwendung dieser drei Faktoren an dein edlen Liebes- ''werke, der Noth und dem Elend abzuhelfen, ein so großes Kapital segenbringender Arbeit in sich schließen würde, f Es kommt nöch dazu, daß die Beschäftigung mit solchen Werken der Barmherzigkeit manche Thorheiten, abenteuerliche Ideen und verhängnißvolle Handlungen aus unseren Kreisen bannen würden, in -denen sie bis dahin unerhört waren. Es giebt ja so viele verschämte Arme, von deren Noth nur die Wenigsten Kenutniß haben, die es nicht, vermögen, die öffentliche Wohlthätigkeit anzurufen, und die, weil oft in besseren Verhältnissen erwachsen, den Druck der Armnth doppelt schwer empfinden. Hier bietet sich ein weites Arbeitsfeld für unsere reichen jungen Damen, hier sollten sie rathen, trösten, helfen, '-die Thränen bekümmerter Herzen trocknen und verzweifelte Seelen - allsrichten. Und wenn ihr Kreis auch ein noch so kleiner ist — je kleiner, desto schärfer können einzelne Fälle untersucht werden, desto ,kräftiger, schneller^und wirksamer kann^Hilfe gebracht werden. : Wenn unsere Frauen und-Mädchen so dem erhabenen Beispiel der -. alten.Naschim -zidkänijot folgen und sich innerhalb des'erweiterten Kreises modernen Lehens selbst Pflichten schaffen und in werkthätiger

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