Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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ihn im hervorragendsten Maße auszeichnete, sein amtliches Wirken segensreich unterstützte und ihm.die Herzen Aller gewann, die in nähere'* Berührung mit ihm kamen, war eine tiefe Gemüths- und Geistesbildung, die bei den edelsten Geistern aller Zeit ihre Nahrung gefunden hatte. Auch der Verwaltung seiner Glaubensgemeinde Danzigs, deren Repräsentanten-Vorsteher er war, hat er durch seinen klaren Blick, durch seine Güte und Milde unschätzbare Dienste geleistet. Seinem Wirken - ist es zu verdanken, daß die früher zersplittert gewesene Gemeinde vereinigt worden ist, und giebt der Neubau des herrlichen Tempels während^ seiner Thätigkeit bei der Gemeinde ein sichtbares Zeugniß der gewonnenen Einigkeit. Friede seiner Asche! >! 2L Berlin, 20. Mai. In der Synagoge der Lindenstraße'^ versetzte am ersten Tage des Wochenfestes eine peinliche Störung - des Gottesdienstes die zur Andacht Versammelten in die leb-? Hafteste mit .Entrüstung gepaarte ' Erregung. Herr Rabbiner'/ Dr. Stier hatte soeben den Grundtext seiner Festpredigt verkündet, als/ sich aus der Mitte der Gemeinde eine laute Stimme vernehmen kiesig „Schweigen Sie! Lassen Sie mich reden!' Sie reden doch nur Un-/' wahres!" , Es entstand ein heftiger Tumult. Alles sprang auf und/^ wandte sich dem Platze zu, woher der Ruf gekommen war. . Es stellte^ sich herausdaß der Störer ein elegant gekleideter junger Mann gewesen,^ der alsbald gefaßt und hinausgeführt wurde. Draußen benahm der'/ Mensch sich überaus ruhig und schicklich. Er stand den ihn umgebenden^. Herren höflich Rede und Antwort, wobei man die überraschende Ent- ' deckung machte, daß der junge Mann, abgesehen von seiner allgemeinenr Bildung, die er offenbar besitzt, auch in der jüdischen Litteratur wohl/ erfahren ist. Er wurde zur Polizei geführt, von wo er nach der ' Charite überführt werden dürfte. Wie wir hören, stammt der junges Mensch aus Oesterreich, wohin er sich dieser Tage zurückbegeben wollte,/ um seiner Militärpflicht zu genügen. er. Samotfchin, 15. Mai. Der emerit. Lehrer Herr Spiewkowski,/ welcher bis zu seiner Pensionirung 41 Jahre als erster Lehrer an der<> hiesigen jüdischen Elementarschule fungirte, feiert am 18. Juni er. das n 50jährige Ehejubiläum. — Die hiesige Gemeinde, das Schicksal allerH kleinern Gemeinden in der Provinz theilend, hat sich theils durch Sterber? fälle, namentlich aber durch Wegzug der besser situirten Familien der-L art verkleinert, daß jetzt nur noch circa 30 Kinder von einem Lehrerx unterrichtet werden, während früher 160 Schüler von zwei Lehrern l unterrichtet wurden. ' Ir. Jnowrazlaw, im Mai. Der Verlust, den unsere Stadt und/ Gemeinde durch den Tod des Hauptlehrers Masu r erlitten, ist ehtf; schwerer. Beinahe ein Halbjahrhundert lebte und wirkte der Verblichene-' hier als ein Vorbild der Leutseligkeit und Herzensgüte, der Berufs- ' sreudigkeit und Pflichttreue, der Begeisterung für Lehre und Wissen-/ schuft; er nahm innigen Antheil an dem Wohl und Wehe seiner^ Mitbürger, und seine Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft für die Armen/ und Hilfsbedürftigen suchte ihres Gleichen. I. Masur war aus Lissa^ gebürtig und besuchte in seiner Vaterstadt das Gymnasium, zu dessen'' besten Schülern er gehörte. Durch die äußeren Verhältnisse gezwungen, verließ er die Prima und bereitete sich, um schneller zu einer Selbständigkeit und Existenz zu gelangen, zur Lehrerprüfung vor, bestand in Posen , dieselbe und erhielt bald darauf eine Anstellung zuerst als Lehrer und später als Hauptlehrer an der hiesigen Volksschule, an der er vom- Jahre 1852 an bis zum Jahre 1890 segensreich wirkte. Im letztgenannten^ Jahre trat er nach 38jähriger rastloser und aufreibender Arbeit in denwohlverdienten Ruhestand. Gleichwohl ließ er es sich nicht nehmen, auch ' dann noch seine vorzügliche Lehrkraft der Religionsschule zu erhalten,' an der er bis zu dem Tage,-an welchem ihn ein zwar verhältnißmäßisi' kurzes, aber schweres Leiden, auf das Krankenlager warf, den Unterricht/ mit den gewohnten vorzüglichen Erfolgen ertheilte. Wie sehr sein/ gemeinnütziges Wirken/gewürdigt wurde, davon zeugen die verschiedenenehrenvollen Nachrufe, die ihm von Magistrat und Stadtverordneten, den' Lehrern und Lehrerinnen der städtischen Schulen, dem Kränkenderem gewidmet wurden. Am '3. d. M. Nachmittags 3 Uhr wurde der Ver--- blichene' nach dem Friedhöfe"'geleitet. Ein zahlreiches Gefolge war- ' erschienen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Alt und Jung, dW geringsten wie die angesehensten Bürger der jüdischen und christlichen? Bevölkerung, — unter ihnen auch der Stadverordnetenvorsteher und der? erste Bürgermeister und auch viele auswärtige Verehrer des Tobten —' befanden sich in demselben. Bor der Leichenhalle hielt der Ortsrabbiner. Herr Dr. Kohn eine sehr beifällig aufgenommene Leichenrede, in? der er das bedeutende Wissen, die großen Verdienste und Vorzüge des Verblichenen nach Gebühr würdigte. Am Grabe sprach der, engere Freund des Letzteren tiefergreifende Abschiedsworte, in denen er dem treuen Arbeiter sanfte Ruhe wünschte. Dann wurde die Leiche in die Gruft, gesenkt, und das große Gefolge verließ schmerzerfüllt die geweihte Stätte. Möge der Allgütige die sch wer heimgesuchten Angehörigen trösten. (Auch wir haben in dem Heimgegangenen einen treuen Freund und langjährigen Mitarbeiter verloren. Friede seinem Geiste. Die Red.) # Gleiwitz, 16.Mai. Dem Jahres-Bericht des Frauen-B er eins unserer Synagogen-Gemeinde für das Jahr 1895/96 entnehmen wir, daß die Spenden dieses Jahr die Summe von 1325 Mk. 30 Pfg. erreicht, also 299 Mk. 36 Pfg. Mehr als im Vorjahre. Am Schluß des vorigen Vereinsjahres zählte. der Verein 297 Mitglieder, gestorben sind 10 Mit. glieder, verzogen 9 Mitglieder, hinzugetreten 22 Mitglieder, also zählt der Verein jetzt 300 Mitglieder. Die festen Einnahmen des Vereins, d. h. die Monatsbeiträge, betrugen für das letzte Bereinsjahr 1434 Mk. 90 Pfg., die Ausgaben 2611 Mk. 15 Pfg. Erstere haben sich also gegen das Bereinsjahr um 35 Mk. 50 Pfg., letztere um 118 Mk. 15 Pfg. vermehrt. Das Stammkapital beträgt 1500 Mark. Die Einnahmen und Zinsen betrugen in diesem Jahre 3002 Mark 20 Pfennige, die Ausgaben 2611 Mark 15 Pfennige, das ganze -Kapital hat sich also gegen das Vorjahr um 391 Mk. 5 Pfg. vermehrt. Der Verein giebt 35 Armen Unterstützungen bis zu 6 Mk., verschämte Arme erhielten je nach Bedürfniß Beiträge bis zu 30 Mk., Bräute wurden mit Aussteuerbeiträgen von 3-20 Mk. unterstützt, Wöchnerinnen erhielten Geldunterstützungen, für Kranke wurden Pflegerinnen gehalten, Kostgeld gezahlt u. s. w. Erholungsbedürftigen würde Zuschuß zu einer Badereise gewährt. Drei Mädchen besuchten auf Kosten des Vereins die Töchterschule von Frl. Kühlein und Ziwet, 2 Mädchen bekamen Vorbereitungsunterricht, 2 Mädchen wurden Kinderpflegerinnen, 14 Mädchen erhielten Handarbeitsunterricht. Der Verein hat das Recht, jedes Jahr ein Kind zur Erholung nach Jastrzemb zu schicken. Man sieht, daß der Verein versucht, seinen Tendenzen getreu zu wirken unv auch gute Erfolge erzielt hat. Der Vorstand besteht aus den Damen: Jenny Schlesinger, Friederike Knoche/Paula Zuckerkand!, Johanna Schlesinger, Emilie Hahn. b. Bernstadt (Schlesien), 17. Mai. Eine ernste Feier vereinte am verflossenen Mittwoch (1. Siwan) einen Theil der männlichen und weiblichen Mitglieder des hiesigen „Israelitischen Krankenpflege- und Beerdigungsvereins" auf dem alten Friedhofe in Mühlaschütz. An diesem Tage waren hundert Jahre seit dem Bestehen dieses Vereins verstrichen. Nach dem Vortrage eines einleitenden Gebetes hob Herr Prediger Boß in einer Ansprache die hohe Bedeutung und die segensreiche Wirksamkeit eines solchen Vereins hervor und sprach den Namen der Stifter,, von denen einige auf diesem Friedhose beerdigt sind, den tiefempfundenen Dank der gegenwärtigen Vereinsmitglieder für das große Werk aus, daß Jene geschaffen. Ein Schlußgebet beendete die.erhebende, pietätvolle Feier. Für den Spätherbst dieses Jahres ist noch eine Nachfeier in größerem Umfange in Aussicht genommen. X. Hannover, im Mai. Am 4. d. M. starb an Altersschwäche der Waisenvater des Jsr. Simonffchen Waisenhauses, Herr H. Block, der, wie zur Zeit berichtet, erst vor wenigen Monaten sein verantwortliches Amt niedergelegt hatte. Mit ihm ist ein treuer, gewissenhafter Lehrer geschieden,-der seinen Beruf in der Erziehung von Waisen, zuerst in der Anstalt zu Seesen, dann zu Cassel und in den letzten zwanzig Jahren im Jsr. Simonffchen Waisenhause gefunden und stets gewissenhaft erfüllt hat. Sein Name wird bei Allen in Ehren bleiben. — Die Leitung der Anstalt ist provisorisch Herrn Lehrer Levi von hier übertragen worden, da von der definitiven Anstellung eines Nachfolgers Abstand genommen ist. Die pekuniären Verhältnisse des Waisenhauses find in Folge der Bestimmung der Stiftungsurkunde, welche die Annahme von Beiträgen und Gaben ganz entschieden ausschließt, so trauriger Art, daß die Anstalt in bisheriger Weise nicht sortgeführt werden kann. Dieselbe soll nun für längere Zeit geschlossen werden, um durch Ansammlung der Zinsen das Grundkapital zu erhöhen; dem Nothstand, der sich durch diese Schließung über kurz oder lang Herausstellen wird, frühzeitig vorzubeugen, dürfte in den maßgebenden Kreisen in ernste Erwägung gezogen werden. — Ein anderer Todesfall hat weite Kreise unserer Gemeinde '