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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-22 · Heft 21 (22.5.1896) · p. Seite 251

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 21 (22.5.1896)
Date
1896-05-22
Page
Seite 251 (sequence 11)
Language
German
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Nach langen Jahren aber starb die Magd, und die Enkelin' .des Rabbi, die mittlerweile selbst ein altes Mütterchen geworden war, nahm eine andere. ' Es war dies ein junges, blühendes Mädchen voll seltener Schönheit und außerordentlicher Gelehrigkeit und Dieustbeflissenheit. Das alte Mütterchen brauchte sie fast gar nicht erst in ihren Pflichten zu unterweisen. Sie wußte Alles und that Alles von selbst, als ob sie seit.Jahrzehnten in dem Hause gedient hätte, und trug auch so, ohne daß es ihr Jemand erst geheißen, am Vorabende des Sabbath die Feige in die Stube des Rabbi. Sie that dies aber nicht geräuschlos und nicht so, daß sie nicht bemerkt werden konnte, wie die frühere Magd, sondern trat, ein fröhliches Lied singend, in die Stube, stellte sich vor den Rabbi-hin, grüßte ihn freundlich lächelnd und schlug den Schleier zurück, so daß die rabenschwarzen Locken ihr bis zum Gürtel wallten. An der Stelle des kargen Lagers, darauf der Rabbi seit fünfzig Jahren nicht gelegen, stand ein reicher, mit silbernen Sternen übersäter Divail, über den von der Stubendecke hernieder ein reichfaltiger Vorhang sank; schwüler Rosenduft würzte die Luft, sanftes Rosenlicht durchdämmerte den Raum, die schöne- Magd winkte — — da schlug es Mitterllacht. Der Rabbi, der seit Monaten über eines der räthselhaftesten Worte der Schrift, das der vielfachstell und widersprechendsten Deutungen fähig war, nachgedacht, war zu tief in. sein Forschen versunken, als daß er von alledem, was llin ihn vorgiilg, auch nur etwas hätte merken sollen. Er vergaß sogar diesmal die Feige. Von der nächsten Woche an brachte eine Andere die Frlicht, geräuschlos, wie es zuvor geschehen, denn die schöne, junge Magd war seit dem letzten Freitag verschwunden. Der Rabbi forschte weiter, und immer klarer unb deutlicher glaubte er zu sehen, aber auch immer ferner und ferner das Kanaan der Wahrheit. So vergingen wieder füllzig Jahre. Da war es zur Zeit der Gesetzesfreude, als ein fahrender Bachur nach der Hauptstadt kam und sich von dem Rabbi erzählen ließ. Wie er vorgab, hatte er die beschwerliche Reise aus denl gelobten Lande hierher blos deshalb unternonlmen, um den Rabbi,» von welchem die halbe Welt sprach, kelmen zu lernen; und wirklich stand er am Vorabende des Festes in der merkwürdigen Stube und hinter dem berühmt gewordenen Lehilstuhle, in welchem dieser laß und studirte. Als ob er wüßte, daß der Rabbi nichts thue, noch über etwas denke oder spreche, was nicht zu seiner Forschung gehöre, lvarf er einen Blick in das ausgeschlagene Buch, fand sogleich, worüber der Rabbi eben dachte und begann mit diesem darüber zu disputireu. Er that dies in einer Weise, wie sie dem Rabbi, der in seinem Leben die gelehrtesten Leute seines Faches kennell zu lernen Gelegenheit gehabt, noch niemals vorgekommen, so daß der greise Kabalist in wenigen Stunden sich im Gegenstände seiner Forschung unvergleichlich weiter gefördert sah, als dies seit den anderthalb Jahrhunderten geschehen, die er über den Büchern zugebracht. Als es jedoch vor Mitternacht war, holte der. Bachur einen goldenen Becher und eine Flasche des besten Weines aus den Brustfalten seines Ueberkleides hervor, stellte beides auf den Tisch und sprach: Am Fuße des Sinai steht ein einzelner Weinstock und dies ist der Inhalt seiner Reben. Laß uns ihn leeren aus einem Becher, Rabbi! Gemeinsames Forschen hat uns verbrüdert, und zudem beginnt heute das Fest der Gesetzesfreude! Der Rabbi aber merkte weder etwas vom Becher, noch vom Weine, noch hörte er auch nur eine Silbe der letzten Rede. Was er in den letzten Stunden aus dem Munde des Bachurs vernommen, das beschäftigte seinen Geist zu sehr, als daß er, in tiefes, rastloses Sinnen versenkt, auf etwas Anderes hätte achten können. - Da schlug es zwölf — und der Bachur war verschwunden. Der Rabbi fuhr fort zu forschen, wie er bisher gethan. Je tiefer er drang, desto mehr Zweifel stiegen zwar in ihm auf; alle aber beseitigte sein unermüdlicher Geist, und mit größerer Zuversicht als je. glaubte er das langersehnte Ziel seines Strebens endlich nicht mehr fern. Darüber jedoch vergingen wieder fünfzig Jahre, und die Familie des Rabbi war zun: zahlreichen Stamme herangewachsen, ^dessen Mitglieder dreimal des Jahres, an -den Hauptfesten, sich in aller'Stille vor dem Hause zu versammeln Pflegten, um die Urenkelin, die seiner wartete, nach seinem Befinden zu befragen. So war es auch am Schebuotfeste des fünfzigsten Jahres. Die Häuser in dem Gäßchen waren nach alter Sitte mit frischen Baumzweigen geziert, in den Fenstern hingen Blumenkränze, und die Äege und Hausschwellen waren mit duftigem Quendel, Mop, 'und.Kalmus bestreut.. Auch das alte, graue Haus war von außen so geschmückt worden, und vom frühen Morgen an kamen die zahlreichen Abkömmlinge des Rabbi,'die alte Urenkelin heimzusuchen und-sich nach dem Wohlergehen des greisen Ahnen zu erkundigen. Da die Urenkelin ein altes, schwaches Mütterchen war, das nicht mehr die Stube verlassen konnte, so mußten sie Alle zu ihr; um aber zu ihr zu gelangen, mußten sie an der Thür der Stube vorbei, in welcher der Rabbi seinen Studien oblag. Dies thaten ..sie nun in aller. Stille, ohne das mindeste Geräusch, kaum daß sie deu kräuterbedeckten Boden mit den Zehen berührten. Einen Blick .vollends durch die bekannte Lücke wagte Niemand. , So ging es den ganzen Tag. Erst als es zu dunkeln begann, wurden der Nachfragenden innner weniger, und als die ersten Merne am Himmel standen, kam nur noch hier und da ein Einzelner, jber sich verspätet. 4 ' Als es endlich völlig Nacht geworden war und seit einer guten Weile Niemand inehr kam, näherte sich ein schwarzlockiger wunderschöner .Knabe der Thür, berührte die Klinke mit leiser Hand, .öffnete geräuschlos nnb trat ein und hin vor den Rabbi. — Großväterchen, sprach er, willst Du nicht am Wochenfeste .auch eine Rose haben? Sie da! Dein jüngstes Enkelchen bringt Dir eine! Als der Rabbi die volle, frische, duftende, ihm von harmloser Kindeshand dargereichte Rose erblickte, da war es ihm mit einem Male zu Muthe wie vor zweihundert unb fünfzig Jahren, da er selber noch ein Knabe war und die Rosen über Alles liebte und tagelang in den Gärten und Wäldern umherirrte, und. es 'deuchte ihm, als hätte er damals in den ewig unwandelbaren Schriftzügen der Natur das große Wort der Wahrheit, nach dem er nun seit Meuscheualtern vergebens forschte, besser gelesen, als er es in dem .dumpfen alternder! Buche je vermocht. Er nahm die Rose, blickte sie voll Wehmuth an, - näherte sie seinen Lippen — und war nicht mehr. Drei Tage darauf versammelte sich eine urrabsehbare Menge Volkes vor dem alten, grauen Hause. und in den anliegenden Straßen. Sie trugen den Rabbi zu Grabe. .. Sein Geist aber sitzt noch in der: geheimnißvollen Stube oben und feiert einen ewigen Sabbath. Das Buch ist vor ihm aufgeschlagen; aber er forscht nicht mehr darin. Er staunt nur, daß er es je gethan. So sagt man. -

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