Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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zu seinem angestamncken Volkenicht seinen, tiefen Glauben an dessen Aufklärung und Wiedergeburt für eine bessere Zukunft. Die Geradheit und Festigkeit unseres Dichters zeigte sich in seiner - Handschrift: Deutlich, groß, gerade, ist sie eine würdige Charakteristik von ihm selbst. Mit ihm starb vielleicht der letzte Dichter in althebräischer Sprache. Gebe Gott, daß nicht bei uns eintreffe, was Leim Dahingange der lichten Seele der sanften Michal und des großen David geschah, daß man nicht gezwungen sei, mit Gordou und seiner Muse zu sagen: „Und man hört nicht seitdem die wundervollen Volkslaute, seit jener verhängnißvollen Nacht schlug der Lebensgeist nicht wieder, die Harfe verstummte auf ewig." --II—1 || ——— H FEUILLETON 1—l I——J MMiMMt 3 —II—1 1————-'—--——I!-—1 immnmmungg MiWNMD i-, Jüdische Märchen. Der unsterbliche Rabbi. fte Waschfrau, bei der ich, als ich üls armer hilfloser Knabe nach der Hauptstadt kam, die ersten Jahre Unterkunft hatte, wohnte in einem der entlegensten, am wenigsten besuchten Theile der Stadt, nahe am Flusse, an welchem nur arme Leute und Tagwerker ihr Obdach hatten. So oft ich von diesem Stadttheile aus zur Schule ging, mußte ich durch ein schmales, ödes Gäßchen, das von einigen uralten Kastanienbäumen nur noch mehr verdunkelt und verunheimlicht ward. Ein kleines, altes Haus in diesem Gäßchen war es, was meine Gedanken immer ganz besonders beschäftigte. Nicht mehr als zwei Fenster breit und ein niedriges Stockwerk hoch und von einem ungeheuer hohen, spitzen Giebeldache überragt, stand es hinter den -Bäumen verborgen und zwischen den weit größeren Nachbarhäusern eingezwängt da, nicht anders, als hätten die längst dahingegangenen Jahre es milzunehmen vergessen. Die Mauern, die vom Rauch und Staub Gott weiß wie vieler Zeitalter fast ganz geschwärzt waren, waren von unten-bis oben geborsten, und einzelne Schlinglein Epheu klommen an dem entmörtelten Gesteine zu scheibenlosen Fenstern empor, um sich an dem morschen Rahmen in den dunklen Stubenraum hineinzuranken, als wären sie neugierig, zu erschauen, was es da drinnen Geheimnißvolles gebe. Man sah es dem alten Bauwerke an, daß es seit Menschengedenken nicht bewohnt war. Wie ich, so mochten sich auch andere Leute ihre Gedanken über das alte halbverfallene Haus machen, und man erzählte sich viel wunderliche Sagen darüber. Einige meinten sogar, daß es unter dem besonderen Schutze eines höheren Wesens, vielleicht der Seele irgend eines längst Dahingeschiedenen stehe; denn zehnmal schon sollen die Häuser rings umher bis in den Grund abgebrannt sein, ohne daß an dem hohen, spitzen Giebeldache auch nur ein Lättchen versehrt .worden wäre, und Viele versicherten, daß sie es gesehen^ wie während des Brandes eine weiße Taube hoch über dem alten Giebel im Kreise umherschwebte und mit ihren Fittigen die Flammen abwehrte. Besonders aber war es die Stube im oberen Stockwerke, von der die Leute viel zu erzählen wußten. Ueber die Schwelle dieser Stube soll, seit“ sie den letzten Bewohner hinausgetragen, keines Menschen Fuß mehr geschritten sein; das Schloß, .das an der Thür hing, soll keines Menschen Hand mehr zu öffnen vermocht haben. Fromme Leute und berühmte Gelehrte, die einen Blickdurch die schmale Lücke in der Pfoste hineingeworfen, sollen von Stund an ihre Bücher zugeschlagen und keines mehr, angeschaut haben. Die Stube nämlich sah jahraus jahrein aus, als ob es eben Sabbath zur Nacht wäre; die Wände weiß getüncht, die Dielen wie heute gewaschen und mit blendend weißem Sande bestreut und die siebenarmige Sabbathlampe entzündet. Ein weißes Tuch'lag über den Tisch gebreitet, und -von Zeit zu Zeit klang es darin wie lieblicher Gesang von Knaben: „Komm, Freund, ihr entgegen! Wie wonnig und traut Winket uns Sabbath, die himmlische Braut!" Obenan an dem Tische in einem seltsam geschnitzten und mit verblichenem rothen Sammt ausgeschlägenen Lehnstuhle saß ein Rabbi in weitfaltigem schwarzen Talare, eine hohe Mardermütze auf dem Kopfe und hatte den Talmudvor sich aufgeschlagen. Der weiße Bart reichte ihm bis zum Gürtel, oder wie Einige bemerkt haben wollen, bis zu den Zehen. - In den Händen hielt er eine Rose; ob er aber in dem Talmud lese oder nicht, das vermochten nicht Alle zu unterscheiden. Das war nun der Rabbi — ich kann mich des Namens nicht mehr entsinnen — der so tief in die Lehren des Talmuds eingedrungen, daß er nicht zu sterben brauchte. Erst als er hundert und zwanzig Jahre alt geworden, suchte ihn der Tod heim und sprach zu ihm: Rabbi! ich bin der Engel des Todes und komme, Dich zu Deinen Vätern zu holen. Der Rabbi aber, der eben im Begriffe war, eine der tiefsinnigsten Fragen des Talmuds zu ergründen, wies ihn von sich. — Hebe Dich hinweg von mir — bannte er den Todesengel aus der Sülbe — und werde nicht zum bösen Geiste, der Du ein guter sein sollst! Geh hin und erlöse, die der Erlösung bedürfen; schneide aber nicht denen den Faden des Lebens ab, die des Lebens bedürfen! Noch habe ich die Wahrheit nicht bis auf ihren Grund erforscht, und ich will nicht eher sterben, als bis ich sie ergründet und meinen irrenden Brüdern als ewiges Vermächtniß überliefert. Bis meine Seele vollbracht, was sie will und soll, dann magst Du kommen, und dann will ich mit Dir hingehen, wohin der Staub gehört! Der Engel des Todes hatte keine Gewalt gegen diese Rede. Wohlan denn, sprach er, so will ich erst wiederkehren, wenn Du Dich satt geforscht haben wirst! Hüte Dich aber, auch nur ..ein einziges Mal mit dem geringsten Deiner Sinne oder Deiner Gedanken, und wäre es auch nur auf so lange, als man braucht, um die Wimper zu heben und gleich wieder zu-senken, Deine Seele von Deinem Ziele abzuwenden. Denn in dem Augenblicke, da Du dies thust, bist Du mir anheimgefallen! Der Rabbi wollte noch etwas sagen — der Engel des Todes aber war entschwunden. Hatte der Rabbi von jeher mit dem unermüdlichsten und reinsten Eifer im Talmud geforscht, so that er es von nun an nur noch eifriger und ununterbrochener. M Er aß und trank selbst nicht mehr wie. die anderen Menschen. Seine einzige Nahrung war der Saft einer Feige, die man ihm jeden Sabbath reichte. Uebrigens fastete er die ganze Woche, schlief nicht und blickte nicht aus seinem Buche Tag und Nacht. Die Feige nun brachte ihm immer die Dienerin seiner liebsten Enkelin (denn Weib und Töchter waren ihm längst gestorben) und legte sie ohne Geräusch und ohne selbst gesehen zu werden auf den Tisch.