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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-22 · Heft 21 (22.5.1896) · p. Seite 249

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 21 (22.5.1896)
Date
1896-05-22
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
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Ehre nicht zu beflecken. Erinnert Euch der erhabenen Rede, mit welcher Gordon sich an: die Geliebte wendet : Wer, wie er, konnte die Leiden der ' Modernen Jüdiil: unter dem Joche der düsteren Ui'.wissenheit schildern! Erinnert Euch, wie eine seiner Heldinneu mit ihren Freundinnen über. Dies und / Jenes sich unterhält; ihr angeborener Verstand läßt, sie Vielem gegenüber sich skeptisch verhalten/ sie ist die.Einzige im Städtchen, die an den Maggid nicht glaubt — und sie hat Recht! Wie viel Leid ist in dem Gedichte „Chane" — da Chane gealtert und Furchen ihre. Stirn bedeckten! Und die Liebe, die Bestimmung der Frau, wollt Ihr wissen, wie er dieselbe besingt: n^n 12^ 2-1» D^mrr' »in mA-.‘fyin 22^2 0^03 Diiös nr. Ströme fließen dahin, sie eilen zum Meere; Alles Leichte erhebt sich hoch zum Himmel; Alles Schwere steigt herunter, fällt zur Erde, Und Du bist für sie Alle, Du Liebe, ihr ganzes. Leben, ' Du tändelst mit der Taube, Du brüllst mit dem Löwen, ' Du singst mit der Nachtigall und wieherst mit dem Pferde, Du eilst im Winde,-Du stürmst im Bache, Du zischest mit der Schlange, Dir ist auch die Rede gegeben. ■ . Selbst die Pest und der Tod, die den Menschen verzehren,. Nähern sich der Stimme der Liebe; Sie' benimmt die Leiden der Untergehenden, Wenn ihre eisernen Krallen seine Seele umfassen. Bei Gordon ist das Gefühl der Verehrung für. die Jüdin mit dein Gefühle der Ergebenheit und Zuneigung für das Judenthum verbunden; lesen Sie nbrh “Tlin»; welche Leidenschaft, welch tiefen Schmerz athmen diese herrlichen Verse! Und seine Vorstellung vom Judenthum war bei ihm mit dem Dienste der hebräischen Sprache und Litteratur vereinigt. Für Gordon war es klar: leiden wir nun einmal im Namen der Idee unserer Ahnen, werden wir die Gemeinschaft mit ihnen zerreißen? Werden wir uns von allen Schätzen, mit denen Misere Propheten, Denker und Dichter uns bereicherten, lossagen? In der hebräischen Sprache sind so viele eigenartige Wendungen, wie im Leben des Volkes Verfolgungen und Leiden. Jeder neue Schlag gab derselben neuen Reiz — soll man dies alles den Mäusen zum Fraß in den. Büchersammlungen geben? Die Sprache ist eine lebendige, vernehmt Ihr, wie dieselbe unter der Feder des Dichters erzittert? Und unsere Kinder, das uns nachfolgende Geschlecht, — Im Kindesalter schon entfremden sie sich uns; Ihretwegen blutet mein Herz, Mit jedem Jahre entfernen sie sich weiter und weiter, . Wer weiß, bis wohin, bis-zur welcher Grenze. Ach, vielleicht bis zu einem Orte, von wo keine Rückkehr mehr möglich.... Gordon ist besonders sehr kraftvoll, wenn es nöthig ist, originell und geistreich ein tiefes Gefühl auszudrücken: seine eine Sammlung Grabschriften in Versen, ist eine Schnur, auf welcher eine Reihe werthvoller Steine angereiht ist. Er kann aber auch sticheln und erbarmungslos sein; die Lüge und die Verhüllung der Gedanken — das sind zwei Feinde, mit denen er auf Leben und Tod kämpft. Eine seiner besten Schöpfungen in dieser Beziehung ist sein unvergleichlicher nv. Ttflp. Oder denket an das Bild der verzweifelten Stadt, als des Maggids Schüler, in der Synagoge in Ohnmacht fällt und sich als Mädchen entpuppt! lDem Thema von dem Kampf mit der Unwissenheit ist seine zweite Erzählung:" UND2/)„Die Welt, wie sie ist" gewidmet, die die Scheinheiligen schlägt und die Chassidim wuchtiger trifft als die klassische Satyre des unvergeßlichen Erter. — Gordon war überhaupt in seinem sprudelndem Humor /wahrhaft-groß. Wie fein beobachtete er die charakteristische Eigenheit des Juden, der von einem Nichtjuden alles erträgt und mit der Behandlung seines eigenen 'bescheidenen, achtungswerthen Bruders ewig unzufrieden ist! Wie gelungen ist seine Erzählung voll dem Besitzer des Einfuhrhanses, der nicht wissend, wer vor ihm steht — ein christlicher Gast oper ein durchreisender Jude — zuerst die Mütze abzieht, in der. Furcht, zu viel Ehre seinem Glaubensgenossen zu er-' weisen, dieselbe aber flink wieder aufsetzt, sobald er erfahren, wer sein Genosse ist! Was für bittere Wahrheit liegt in dem Gedanken über die jetzige Bedeutung der Haftara, um das Wissen eines Menschen zu schätzen, durch die richtige Art des Vortrages einen Eindruck auf die Zuhörer hervorzubringen! - Zu gleicher Zeit, wie meisterhaft schildert er die Leiden der Kantonisten, die kindlichen Befürchtungen und Aufregungen, die Etappen ihrer Taufe, wie lebhaft steht vor seinem geistigen Auge das Seelenleben eines jeden dieser' Märtyrer, seine Natureigenheiten und seine persönlichen Neigungen! ... Der Ton der Aufrichtigkeit ist bei Gordon merkwürdig ausgeprägt, und aus jedem Worte fühlt man dieselbe heraus. Seine handelnden Personen erzählen, wie sie im Leben gesprochen hätten, nrtheilen und handeln, wie wir es in der Welt sehen. Die Meisterschaft des Künstlers zeigt sich auf dem Boden, welchem er seiner Erzählung giebt. wie er durch seinen feinen Humor veranlaßt, die Leser nachzudenken und zu verstehen, daß dem Verfasser wahrlich nicht zum Lachen ist . . . Aber er war auch bereit zu lachen, nur des Lachens halber. Vielen sind seine gelungenen jüdischen Bonniots , bekannt: allerdings sind nicht alle im Druck erschienen. Bekanntlich lieben Viele, dieselben zu hören und zu lesen, nur wollen sie nicht leiden, daß auch Andere davon wissen sollen.— Und nicht immer lebte er im Olymp. Er ließ sich zu unserem Jargon herab, dem verhaßten Jargon, der jetzt von allen Seiten angegriffen wird. Freilich wenn der Jargon in die Wissenschaft eiudriugeu will, wenn er die Reinheit, unserer Sprache bedroht, so ist er allerdings nicht am Orte... Aber warum sich nicht aus den: Herzen aussprechen in einem alten Idiom, welches uns auf allen unseren Wanderungen begleitete und von jeder Epoche unseres leidensvollen Bestandes einen grellen Lappen des lebendigen Wortes zum Gedächtuiß aufbewahrte, — einen Idiom, das gleich einem Zauberstabe uns in unsere Kindeserinnerungen und in Großmutters Erzählungen zurückversetzt, das ein Band um uu§ und unsere schwergeprüften Brüder schlingt? Und Gordon ist darin ein großer Meister. Die Verse fließen wundervoll bei ihm hervor: Hier scherzt er geistreich, da. weint er und zerfließt in bittere Thränen. . Die Palme der Meisterschaft gehört unstreitig seiner mifi ntol M"rb '*o"rb /wn2 2"N2 in welchem Gesang seiner Brust ein entrüsteter Schrei des bekümmerten Herzens sich entringt. Vergleicht fein „Wiegenlied" „der Mutter Abschied," welches er nach dem Motiv „Schlaf' ein, schönes Kind" dichtete; hier und dort sehen wir die Mutterliebe walten. Während wir bei Lermontow das einfache Gefühl der Verehrung vor dem allmächtigen Schicksal erblicken, herrscht hier das stolze Bewußtsein, daß durch ein Wort sie, die Mutter, ihr Kind zurückerhalten kann, das man ihr geraubt, aber sie wird dies Wort nicht über ihre Lippen bringen, weil dieses Wort — eine Lüge ist, und sie selbst beschwört ihren Sohn. baß. er es nie aussprechen möge und das er seinem Glauben und seinem. Volke ewig treu bleibe! Und wundervoll belehrt sie ihn, indem sie die Pflicht höher als Alles stellt, nämlich die Pflicht gegen Gott und die Pflicht gegen die Menschheit, ohne über das Schicksal zu murren und ohne Feindschaft gegen die Menschen. .Fest und unbeugsam wie diese Mutter war auch unser Gordon in seinen....Grundsätzen; er verrieth im Lebennicht seine heiße Lieb

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