Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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waren; nichtsdestoweniger raubte die tägliche, mühevolle Sisyphüs-, arbeit den Verehrern des Dichters viele schöne, kunstvolle Dichtungen, und am Ende unterlag er dieser schwierigen Arbeit. - Er unternahm wieder eine neue Arbeit, die seine materielle Läge sichern sollte. Er gab seine Kraft und seine Fähigkeiten zur Popularisation des Wissens, indem er sich'an der russischen Ausgabe des Bröckhäus'schen encyklopädischen Lexikons betheiligte und seine Mitarbeiter durch die Tiefe seiner eigenartigen Ansichten überraschte. In seinen Mußestunden arbeitete er an der Uebersetzung der Psalmen und der Hagiographen zur Belehrung senler Mitbrüder, aber zu seinem eigenen' schöpferischen Nachtheil. Und der Tod pocht schon an der Thür, der Krebs unterwühlt ihn und fesselt ihn ans Bett. Es war Gordon recht schwer, zu sterben, ehe er dasjenige vollendet, was er gedacht und begonnen, aber das Schicksal ist unerbittlich, und kurz darauf verlor das Judenthum einen der besten Dichter, welche es je aus seiner Mitte hervorgebracht. . . Gordon besaß eine herrliche Feder und eine für den Künstler seltene Fähigkeit, seinen Stil für das anzupassende Thema, für den Charakter seiner Schöpfungen zu ändern. Schon in seiner Jugend bestrebte er sich, nach dem Beispiel der ersten Pioniere der Aufklärung unter den Inden, zum reinem Quell der schönen Sprache und erhebenden Gefühle — zur Heiligen Schrift zurückzukehren. * - In der Ferne malte sich Gordon ein Ideal der Befreiung Israels von bem jahrhundertelang aufgehäuften Schutt aus; er träumte für den jüdischen Gedanken uitb für die jüdische Sprache die Tage jugendlicher Pracht und Schönheit wieder aufleben zu lassen. Gleich- Abraham Mapu begeisterte ihn das poetische Bild der biblischen Frau; aber der Unterschied im Charakter dieser beiden SchriftstellerDigte sich auch hier. Auf Grund der Prophezeiungen von Jesaias hat Mapu eine wundervolle Zeichnung von „Zions Liebe" entworfen; er schuf einen berückenden, aber sich nicht verwirklichenden Traum. Gordon las auf den Tafeln der Geschichtserzählung den Namen der Reinheit und 'der Unschuld — „Michal", die Liebe wurde zum goldeilen Mittelpunkte, die die heroischen Zeiten Israels mit der Epoche seines geschichtlichen Bestandes vereinigte. . Dies stellt ihn viel höher als Naftali Hartwig Wessely, dessen „Schire-Tifereth", großartig durch die Tiefe der Empfindungen, doch blos als eine Umarbeitung der unachahmlichen, in ihrer Einfachheit erhabenen Heiligen Schrift erscheinen. Ich 'ziehe ihn sogar Adam Lebenson vor, dem der Ton, eine leere, hohle Phrase, werthvoller als alles Uebrige war, und ebenso Letteris, der auf mich ben Eindruck eines Schriftstellers macht, der bestrebt ist, die Anderen durch seine Meisterschaft zu überraschen. Er steht höher als Eichenbauni, der durch einen merkwürdigen Scharfsinn sich auszeichnete, höher als Gottlober, bet: ebenfalls zu den vorzüglichen Schriftstellern gezählt wird. Ich spreche nicht über Schulmann: er versteht eine schöne, aber inhaltslose Sprache zu führen, seine eigenen Gedanken und jedes seiner Bilder zerstörend, indem er schöne Worte verwendet, die dazu gar nicht passen, gerade so wie ein 12 jähriger Knabe, der ein schönes, sammtnes, mit Spitzen besetztes Kleid anzieht, in welchem er als sechsjähriger Bursche stolzirte. Gordon kam zur Ueberzeugung, daß man beim Gebrauch mancher Formen der Sprache ihnen neues Lebeneinhauchen muffe, .indem man in sie von den Ereignissen der Vergangenheit eingegebene Ideen hineinlegen könne, ohne zu gleicher Zeit jene. Formen zu ignoriren, denen der Stempel einer jahrhundertlangen Geschichte aufgedrückt ist; aber indem er für die Reinheit der hebräischen Sprache kämpfte, wollte er dieselbe durch das Hineinbringen frenwer Redewendungen nicht entstellen. Ich kenne keinen Schriftsteller, dem die Lösung dieser schwierigen und mühsamen Aufgabe in einem solchen Maße, wie ihm gelungen ist.- Er arbeitete sich eitlen Stil aus, - der den Leser einerseits durch die Harmonie der Phrase und andererseits wieder durch -die Deutlichkeit und den Realismus des Ausdruckes überrascht. Dem Anschein nach einfach und kunstlos, überrascht dieser Stil den aufmerksamen Leser; wie viel Tiefe des Wiffens, der Kunst und des feinen Gefühles mußte - ber- Verfasser besitzen, um in einem solchen Stil zu schreiben!' Lesen Sie „Ait-Zewua" von Abraham Mapn. Wahrlich, sehr schön; aber wo sind Sie? In einem jüdischen' Milieu, ganz gewiß; aber, in welchem? Der Leser gleicht einem Blinden,, den man' in einen herrlich duftenden Garten gebracht hat; er ijl' entzückt, er möchte die Blumen und die Sonne, die Quelle seines Genuffes, sehen; aber ach! vergeblich sind seine Wünsche, er hört schüchtern dem Gespräch der Umgebenden zu, um sich nach ihren Eindrücken irgend einen Begriff von dem Orte, wo er sich befindet; zu machen. Nehmet „Gemul- Jescharim" von Smolensky zur Handies sind hebräische Worte, der geschilderte Typus — ein jüdischer; nichtsdestoweniger werdet Ihr daran etwas Anheimelndes finden; die Rede ist glatt und einförmig, aber der Geist ist zu viel mit fremdartigen Mustern beschäftigt, die Sprache hat ihr Kolorit eingebüßt. Bei Gordon ist es ganz anderster mißachtete nicht die fremden Völker, er verabscheute nicht die Schöpfungen der nichtjüdischen Genies; im Gegentheil, er las mit Entzücken ihre Werke, beschäftigte sich sogar mit Uebersetzungeti und Umarbeitungen ihrer Schriften; ihre Fabeln und ihre lyrischen Dichtungen gaben nicht selten seinem Geiste Nahrung; aber er gab ihnen einen rein jüdischen Anstrich, indem er aus ihnen neue Schöpfungen machte, in!H Kinder seines Geistes. Das Falsche war ihm zuwider und als er einst die Eigennamen für Thiere in der Art wie Reinecke Fuchs und dergl. ersann, da erwachte er wie aus einem. Träum und strich sie mit fester Hand aus. der Sammlung seiner Werke, weil sie nicht mit dem Geiste der jüdischen-Sprache im Einklänge waren. Seine Umarbeitungen erinnern an Byrons Uebersetzungen von Lermontow. Nur eines fehlte Gordon: Die eigene Metrik. Er empfing als Erbschaft, aus der Schule der berühmten Mendelssohn'scheu Measfim ben charakterlosen syllab.ischen Vers mit dem schweren Rhythmus. Er begnügte sich mit dein äußeren Rythmus, und wenn er doch eine „erhabene Sprache, eine stolze Kraft und einen königlichen Muth" besaß, so war es ausschließlich Dank feiner unnachahmlichen Sprache, die durch ihren musikalischen Rythmus die Leere ausfüllte, kaum maskirt durch die gelungene Wahl der weiblichen und männlichen Reime. Allerdings hat Jehuda Halevi bereits bei, den Spaniern den syllabischen Vers sich angeeignet, aber ihm war der innere Rythmus theuer, den er bei den zeitgenössischen Dichtern fand. In Ausnahmefällen nahm Gordon seine Zuflucht zu der jüdischen Methode, im Parallelismus zu sprechett, einer Methode, die in den Gesängen von Moses, in den Psalmen und in dem Buche Hiob verewigt ist. Und man muß gestehen, daß er sich mit großer Meisterschaft dieser Waffe bediente. Seine besten dichterischen Schöpfungen widmete Gordon der jüdischen Frau. Erinnert Euch der sanften, zärtlichen Michal, die mit dem Nametl des Geliebten auf den Lippen stirbt; erinnert Euch der keuschen Asneß, die Joseph rettet; erinnert Euch der heldenmüthigen Hanna, der Mutter der sieben Märtyrer, die sie selbst im Namen der Gerechtigkeit zur Richtstätte führte; denket an die wunderschötte Martha, die durch die Leiden ihres Bräutigams litt.und langsam den Geist aufgab, als sie ihn im Rachen des wilden Löwen sah, unter dem fürchterlichen Lärm des triumphirenden römischen Pöbels; erinnert Euch an Chanina, die mit der größten Selbstaufopferung eine Partie Gefangener loskauft und sich sodann selbst ins Meer stürzt,-um ihre