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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-22 · Heft 21 (22.5.1896) · p. Seite 247

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 21 (22.5.1896)
Date
1896-05-22
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
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Renegat es auch ehrlich? wird er sich besorgt fragen. Wird er iricht; das Christenthum verfälschen? Es war kein Geringerer alsj Friedrich Schleiermacher, welcher von dem „neumodischen; Judenchristenthum" den Rum der Kirche befürchtete?) Franz Delitzsch nennt mehrere Juden, . welche es in der; evangelischen Kirche zur.bischöflichen Würde gebracht haben?)! O. Hellmuth ist seit 1871 Bischof von Huron in Westkanada und; arbeitet fleißig in Judenmission. Joseph S. Schereschewsky, ein Jude aus Polen, ist sogar Missionsbischofl en titre, aber nicht die Juden, sondern die Chinesen sind sein Arbeitsgebiet, und für diese hat er die ganze Bibel in's Chinesische übersetzt. Der Dritte im Bunde ist der Held aus Schönlanke, der vielgenannte Bischof Alexander von Jerusalem. Ein Vierter, von Delitzsch nicht erwähnt, Namens Mayers, wurde Bischof in Indien. ) Die hohe Würde eines Generalsuperintendenten der lutherischen Kirche in Polen hat der Exjude Ludwig inne?) Die Zahl der einfachen Pastoren aus Israel ist Legion;- ich nenne nur die beiden bekanntesten: Paulus Cassel und Moritz Schwalb. Cassel hat auch als Diener einer fremden Religion seine Mutter, das Judenthum, nicht verleugnet. Warum Schwalb Christ geworden ist, läßt sich schlechterdings nicht begreifen. Als Pastor eiferte er für den einigen, gegen den dreieinigen Gott; das hätte er doch als Rabbiner bequemer haben können, ohne seine Absetzung zu riskiren. Leon Gordon und feine Poesie. Bon Baron David v. Günzbürg. ttrj und unglücklich habe ich auf der Welt gelebt", antwortete einst unser Erzvater Jakob, nachdem er ein hohes Alter, erreicht hatte, dem Beherrscher Aegyptens. Diese Worte konnte nach ihm Gordon wiederholen. Ja, „nicht viel" für ein Leben, voll von äußeren Ereignissen, 62 Jahre bilden freilich grande mortalis aevi spatium; aber für die stille, langsame Geistesarbeit, für das Leben des Schaffens uüd des Denkens sind auch 130 Jahre — eine kurze Spanne Zeit. „Unglücklich": — von demselben Momente, da jener biblische Jakob alle seine Rechte und alle seine Genüsse dieser Welt an Esau überließ, lächelt das Leben seinen Nachkommen nicht. Der Jude, gleich Faust, kann sich mit den materiellen Fortschritten nicht begnügen, das Nothwendigste zu sichern. Der innere Wurm nagt in seiner Seele: — er denkt Zeit seines Lebens nur daran, was nach ihm aus den theueren Wesen wird, die seinem Herzen am nächsten stehen; und zu den Sorgen seiner eigenen Familie gesellt sich fortwährend die Unruhe wegen des Schicksals seiner Mitbrüder. Die Schicksale des jüdischen Volkes werden nicht im Kampfe der Schlachten und politischen Umwälzungen, sondern auf dem Gebiete des Gedankens entschieden. Für dieses Volk zu wirken, in der Sprache der Propheten über seine Schicksale in der Vergangenheit und in der Gegenwartzu schreiben — heißt sich allen Lebensgenüssen, allen Bequemlichkeiten und Zerstreuungen entziehen. Gordon kannte im Leben keine Ruhe. In seinen Jünglingsjahren entstand in ihm jene Umwälzung, die viele von uns an sich selbst durchgemacht haben. Wem sind nicht jene *) Sämmtliche Werke. I. Abtheilung: Zur Theologie. Bd. V (Berlin 1846) S. 24. 2) Saat auf Hoffnung XV, 1878, S. 85. 3) Klee's Jeschurun 1861, @. 181. 4) Missionsblatt des rheinisch-westfälischen Vereins für Israel 875, S. 93. Jahre in Erinnerung, wo die naiven Ansichten der Kindheit, großgezogen von dem blinden, -leidenschaftlichen Glauben, durch Erweiterung des Denkens nach und nach sich zerstreut, wo die Ueberzeugungen auseinander gehen und der Zweifel — der Zweifel an der Wahrheit der Berührung mit Gott und den Menschen nach und nach unser ganzes Wesen umfaßt. Diese Umwälzung läßt unverwischbare Spuren zurück, und nicht selten nehmen fremde Personen dasjenige für Schlechtigkeit, was blos der Ausdruck unbegrenzten Schmerzes der ~ kranken Seele ist. Sobald die Schuppen von den Augen des jungen ’ Gordon fielen und er zur Einsicht gelangte, beneidete er jene Glücklichen, die eine regelmäßige Erziehung genießen, und schon in reifem Alter begann er seine Selbstbildung und sodann die Erziehung Anderer. - Er war überzeugt, daß das europäische System einer regelmäßigen, allgemeinen Erziehung, das System organisirter Schulen eine große Wohlthat auch für uns bringen wird, — und er irrte sich nicht darin. Aber er vermuthete nicht, daß aus diesen Schulen Menschen hervorgehen werden, welche ihre ganze Vergangenheit der Vergessenheit anheimgeben werden, und, selbst ihrer Sprache entfremdet, sich mit dem : Gedanken zufrieden geben werden, daß die jüdische Litteratur, blos einigen wenigen Gelehrten zu Theil wird. Es war unserem Gordon in den letzten Jahren seines Lebens bitter zuMuthe, zu sehen, wie Jünglinge, die seiner Meinung nach berufen waren, die hebräische Sprache zu stützen und zu reinigen, dieselbe ignorirten, behauptend, daß diese Sprache ihre Zeit gehabt habe. Die eigenen Schüler Gordons verstanden, seine Sprache nicht! — Im Anfänge der siebziger Jahre wurde ©otboit zur Theilnahme an den Arbeiten der „Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden" herangezogen — ein großes, weites Feld der Thätigkeit, auf das Leben seiner Mitbrüder zu wirken, — aber wie viele Hindernisse, wurdeWm in den Weg gelegt,, sowohl durch das Schicksal, wie durch mächtige Menschenhände! Viel wirkte der Verewigte auf diesem Gebiete; als Denkmäler seiner Thätigkeit werden für immer die Uebersetzung der Heiligen Schrift in russische Sprache und „die Weltanschauung der Talmudisten" bestehen bleiben - würdige Werke, die durch seine Mitarbeiterschaft viel gewonnen, die aber eine lange Zeit in Anspruch nahmen und der jüdischen Litteratur recht theuer zu stehen kamen. Gordon war zu gleicher Zeit Sekretär der Petersburger jüdischen Gemeinde. Und auch hier förderte er alle Bestrebungen für eine Reform des synagogalen und des Geuleindewesens seiner Brüder, zur Reinigung des Judenthums; er wirkte mit zur Errichtung der Chorsynagoge sowohl als des neuen . Friedhofes in St. Petersburg; er stellte Gebete für manche feierlichen Momente zusammen und dachte auch noch an andere Reformen. Er verfolgte fest das vorgesteckte Ziel, vergessend, daß man mit den ' Lebensbedingungen rechnen müsse und daß jeder Mensch seine eigene moralische Ansicht, seine eigene Logik, seine Ueberzeugungen, seine Bestrebungen besitze. Aber ach! wenn du deinen eigenen Ideen eine unbeschränkte Herrschaft geben willst, mußt du dem Rathe des Dichters folgen: „lebe allein"! Gordon erfuhr gar zu schnell, was das Zerwürfniß bedeutet. Das waren schwere Jahre für ihn. Dann kam der Sturm, der damals Rußland heimsuchte, trug ihn mit fort, warf ihn ins Gefängniß, schleuderte ihn an das wüste, einsame Ufer einer der nördlichen Inseln, und untergrub die Wurzel sein<Gesundheit. Sein Leben nahm seit jener Zeit eine ganz neue Richtung. Als Gordon sich der publizistischen^ Thätigkeit widmete, wurde der Kampf sein Element: er wollte eine moralische Wirkung Hervorbringen, die Leser erziehen,. — aber dies war eine, schwere Aufgabe: Andere jagten dem Verdienst nach. Er erreichte dennoch, dem „Hameliz", die Bedeutung eines angesehenen Organs litterarisch hinsichtlich der Ausbildung und Reinheit der Sprache zu geben, die seinen Gedichten und seinen tiefempfundenen Aufsätzen eigen i m A ■%

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