Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228170--52821-3258465- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mutter christlich angehaucht. Die Kinder, von einem orthodoxen Geistlichen irr die Mysterien des Christenthmns eingeführt, werden ängstlich gehütet zu erfahren, daß sie doch eigentlich Inden seien. Daher natürlich Schwärmerei für den Weihnachtsbaum und für alles, was drum und dran hängt. Kinder solcher Häuser werden keine Märtyrer; Fortkommen und äußere Lebensstellung gelten ihnen mehr als Judenthum; daher sehen wir sie in hellen Haufen der Kirche Zuströmen. Freilich ist der Abfall nicht auf diese Kreise .beschränkt geblieben. Jesaja beklagt ein Volk, dessen Führer irreführen. Ja, es hat in der That Rabbiner gegeben, die sich zu Jesu Christo bekannten, sogar solche, die auch ihre Gemeinde zum Abfall verleiten, wollten. Freilich waren es lange nicht so viel, wie die Missionare uns glauben machen wollen. Denn diese sind mit dem Titel „Rabbi" sehr freigebig; sie scheinen jeden getauften Juden, der eine über das Eleinentare hinausgehende Kenntniß im Hebräischen besitzt, damit zu schmücken. So weiß ich nicht, ob der in Missionsschriften hochgepriesene Rudolf Gurland wirklich ehr Lehrer in Israel -gewesen ift1 * 3 4 * * *)-ober S. 35. ^o^et^ in Bombay, der es müde wurde, noch länger auf einen Messias zu warten, welcher ja längst gekommen sei?) Ich habe mir ein Verzeichniß solcher Christen- Rabbi's angelegt; es sind bis jetzt 21 Nummern, mit deren - namentlicher Aufzählung ich aber wohl den Leser verschonen darf. Ein wirklicher Rabbiner, sogar Oberlandrabbiner (von Schlesien),? Enkel des letzten Berliner Oberlandrabbiners Hirsche! Lewin war- Levin Saul Fränkel, der 1809 in Paris ein katholischest Glaubensbekenntniß ablegte?) 1844 wurde der Oberrabbiner von Bagdad abgesetzt, weil er Neigung aum Christenthum verspürte?) Die Katholiken machen viel Aufhebens von der wunderbaren Be-! kehrung des Mastrichter Oberrabbiners Emanuel Weil, der während einer Prozession durch den überwältigenden Anblick der Monstranz gläubig wurde, seine Gemeinde zusalnmenberief und ihr seinen Entschluß mittheilte, fortab dem Christenthume anzugehören?) Weniger sprechen sie von einem anderen Weil!, Grand-Rabbin von Marseille, dessen Uebertritt freilich aus minder heiligem Motive erfolgt ist. Er verließ Rabbinat und Judenthum, um seine langjährige Maitresse, eine Katholikin, als Eheweib heimzuführen?) Dr. Jacob Mayer, jüdischer Prediger in Glasgow, aus Vlotho an der Weser stammend, ließ sich 1876 Laufen?) Joseph Heideck soll Rabbiner in einer rheinischen Stadt gewesen sein. Nach seiner Bekehrung wurde er Professor der orientalischen Sprachen in Madrid und schrieb zur Verherrlichung des Katholizismus das Buch „La fe triiuifaiite“8 * 10) Im Jahre 1870 durchzog ein Rabbiner, Dr. Kuttner, England und schnorrte bei den Juden, denen er Empfehlungsschreiben namhafter Rabbiner vorlegte. Der Mann war mehrmals getauft, trat auch bei Gelegenheit als christlicher Prediger auf?) Vor nicht langer Zeit wurde Dr. Max Magil, Rabbiner in Allentown (Pennsylvanien) Christ?") und der württem- 0 I. F. A. de la Roi: Die evangelische Christenheit und die Juden, Band II (Berlin 1891) Seite 340. 2) Saat auf Hoffnung 1867, S. 95. 3) L. Landshut: ££? 1^)8 rVHblM (Berlin 1884) S. 109.; 4) Nathanael 1889, S. 163. b) D. A. Rosenthal: Konvertitenbilder aus dem 19. Jahrhundert. Bd.,1. 1' (Schaffhausen 1871) S. 374. 6) Jüdische Presse 1877/S. 213. 0 Israelitische Wochenschrift 1876, S. 47. «) Saat auf Hoffnung 1874, S. 100. ") Israelitische Wochenschrift 1870, S. 82. 10) Allg. Zeitung des Judenthums 1894, Nr. 51, Beibl. S. 4. bergische (israelitische) Kirchenrath sah sich veranlaßt, einen Rabbiner vom Amte zu entfernen, der jetzt als freireligiöser und sozial- . demokratischer Wanderreduer durch das Land zieht?) Der Interessanteste in der Gesellschaft ist unstreitig Jechiel Lichten stein, jahrelang christgläubiger Rabbiner von Tapio-Szele. Er.hielt es für die Aufgabe eines Rabbiners, seiner Gemeinde, „den Namen Jesu Christi bekannt zu machen.und das süße Evangelium als die einzige Quelle geistlicher Erneuerung zu bezeugen."?) .Es - ist wohl schon .vorgekommen, daß ein Kirchenfürst heimlich für's Judenthum agitirte,8) aber ein Rabbiner im Amte, der offen für das Christenthum missionirt — nein, Ben Akiba, so etwas ist denn doch noch nicht dagewesen! Seit 1892 hat es Lichtenstein allerdings vorgezogen, als Privatmann der Kirche Gläubige zu werben, obgleich er selbst noch immer ungetanst ist und es ausdrücklich abgelehnt hat, in den Dienst der irisch-presbyterianischen Mission zu tretend) Wenn so etwas Vorkommen kann,- dann ist es vielleicht auch gar nicht erlogen, was der „Friedensbote" berichtet, ein Rabbiner habe einem Missionsprediger gestanden, daß er heiße Liebe zu Christo im Herzen trage - und auch in seinen Predigten die heilige Schrift so erkläre, daß die Zuhörer zu demselben Glauben gelangen müßten.8) Den Rabbinen mögen diejenigen Apostaten sich anschließen, welche, ohne Rabbiner zu sein, dennoch rabbinische Gelehrsamkeit besaßen.und diese in den Dienst der Mission gestellt haben: I. H. R. Biesenthal, Ferdinand Christian Ewald, Heinrich Georg Löwe, Ch. H. F. Bialloblotzky, Christian David Ginsburg, Isaak Eduard Salkinson, Alfred Edersheim, P. I. Hershon, I. H. Hirschensohn, Stanislaus Hoga. Gerade kein Rabbiner, aber doch ein jüdischer Gelehrter und Sekretär der Peruschim in Jerusalem war Jeikef Sapir. Erst dichtete er rührende Elegien auf den Fall Jerusalems in hebräischer Sprache, dann ließ er sich taufen.«) Jacob (?) Kaplan, ein gelehrter und braver Mann, der eine Geographie von Palästina in hebräischer Sprache geschrieben und stets als orthodoxer Jude gelebt hatte, rief im Todeskampfe aus: „Jesus von Nazareth, komm' und errette mich!" Die anwesenden Inden suchten ihn vergeblich zum Schweigen zu bringen,. setzten es aber durch, daß er doch als einer der Ihrigen bestattet wurde. Diese merkwürdige Historie wird in den „Worten der Wahrheit" berichtet,?) dennoch möchte ich mich für deren Wahrheit nicht verbürgen. Daß jüdische Konvertiten in den geistlichen Stand 'treten, ist auch früher, sowohl in der katholischen, als auch — seit Christian Gersons Zeit — in der protestantischen Kirche häufig genug vorgekonnnen. Aber zu keiner Zeit war ihre Zahl so bedeutend wie in unserem Taufjahrhundert. In England allein sind seit den letzten Dezennien über 200 Exjuden Reverends geworden,«) während vielleicht noch mehr im Missionsdienste unter ihren „Brüdern nach dem Fleische" arbeiteten. In Süd- Karolina sollen sämmtliche protestantischen Prediger übergetretene Juden sein. Ob solchen Segens 'mag mancher aufrichtige Christ Beklemmung verspüren. Meint der 1) Israelit 1894, S. 1465. 2) Missionsblatt des rheinisch-westfälischen Vereins für Israel 1888, S. 60; 1889, S. 79. *) Dieser seltene Vogel hieß Zosimus und war der höchste Würdenträger der russischen Kirche (Karamsin: Geschichte des russischen Reiches, Bd. VI, Riga 1824, S. 155 ff.) 4) Nathanael 1893, S. 160; 1896, S. 4. b) Friedensbote 1881, S. 115. 0) L. A. Frankl: Nach Jerusalem, Bd. II (Leipzig 1858) S. 73.?) Dibre Emeth 1880, S. 174. 8) I. F. A. de le Roi a. a O. Bd. III, S. 356.