Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1896)
- Date
- 1896-05-22
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
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Das neue Lehrlingsheim in Pankow. Berlin, 17. Mai. in neues Heim der Menschenliebe, ein neues Werk „praktischen Judenthums" in des Wortes edelster Bedeutung ist heute in dem nahen Pankow, das sich allmälig zu einer Heimstätte jüdischer Wohlthätigkeit auswächst, erschlaffen worden. Unter starker Betheiligung der angesehensten Mitglieder .unserer Gemeinde fand nämlich heute die Einweihungsfeier des Lehrlingsheims statt, das, durch die Initiative der Herren Maurermeister Fränkel und Maler Bodensteiu und durch die unermüdliche Arbeit des Kuratoriums, das außer den beiden genannten noch aus folgenden Herren besteht: Dr. Max Weigert, Vorsitzender, R.-A. Bernhard- Kraft, Schriftführer, Dr. A. Strelitz, Isidor Loewe, Adolf Ginsberg, Dr. M. Jutrosinski, Rudolf Moste, Marcus Adler und M. D. Feilchenfeld. kürzlich begründet, durch reiche Spenden anderer Wohlthäter begünstigt, nunmehr seiner Bestimmung übergeben wurde. Ein von den Zöglingen der Anstalt vorgetragener Choral begrüßte die Versammlung. Dann hielt der Vorsitzende des Kuratoriums, Herr Stadtrath Dr. Weigert, die Eröffnungsrede. Er entwarf in großen Zügen die Entstehungsgeschichte des neuen Hauses, das dem Verein zur Beförderung des' Handwerks unter den Juden im preußischen Staate (gegründet 1813) vor Allem seine Entstehung 31t danken habe. Diese Bestrebungen gehen bis auf Moses Mendelssohns segensreiches Wirken zurück. Die Zöglinge, unter denen alle Berufsarten vertreten sind (es befinden sich in: neuen Heim Elektrotechniker, Klempner, Buchbinder, Tapezierer, Lithographen, Schriftsetzer, Uhrmacher u. s. w.), werden durch ihre Thätigkeit selbst die Zweckmäßigkeit des Lehrlingsheims zu beweisen haben. Im Ganzen feefinbcn sich in der Pflege des Vereins 110 Lehrlinge, die während ihrer Lehrzeit durch Inspektoren beaufsichtigt und unterstützt werden. Von diesen konnten bisher erst 20 im neuen Lehrlingsheim untergebracht werden. Das neue Gebäude verfügt über gut ausgestattete Arbeitssäle und bietet Raum für 50 Zöglinge. Mit warm empfundenen Worten banfte der Redner Namens des Vorstandes, mit besonderem Hinweis auf die Munifizenz der Frau Johanna Levy und des Herrn Moritz Manheimer, all' den Männern und Frauen, durch deren Mithilfe es gelungen sei, der dein Handwerk sich widmenden jüdischen Jugend ein'trautes Heim zur Erholung wie zur weiteren körperlichen und geistigen Ausbildung zu bieten. Mit einer an die Zöglinge gerichteten Ermahnung, ihren Beruf ernst zu nehmen, tüchtige Menschen und gute Juden zu werden, schloß der Redner seine mit wohlverdientem Beifall aufgenommeue Ansprache. Hierauf hielt Herr Rabbiner Dr. May bäum die eigentliche Weiherede, die wir leider im Wortlaut nicht wiedergeben können, obwohl sie dessen wohl mehr als Werth wäre. Nur einige Punkte aus dieser nach Inhalt und Form meisterhaften Rede wollen wir hier anführen. Es sei kein gering zu unterschätzendes Verdienst, welches derartige Vereine sich erwerben, indem sie armen und hilfsbedürftigen Jünglingen die Möglichkeit bieten, nützliche Mitglieder der Gesellschaft 511 werden. Es sei eines jeden mit Glücksgütern gesegneten Menschen Pflicht, den Armen und Nothleidenden zu helfen, für die ausgleichende Gerechtigkeit im Leben nach Kräften zu' sorgen. Allein die Aufgabe dieser und ähnlicher Anstalten bestehe hauptsächlich darin, den Zöglingen eiuzuprägen, daß die Arbeit den Meister ehre, daß es nicht angängig sei, die erlernte Profession rasch aufzugeben und zu einem anderen Berufszweig überzugehen, wenn sie nicht sofort die rwarteten Früchte trage. Die Unzufriedenheit aus den Meuschenherzen auszurotten sei unmöglich; aber notwendig sei es, jungen Herzen einzuschärfen, daß die Zufriedenheit die Grundlage alles Glückes sei. Dies könne nur durch eine strenge, sittlich-religiöse Erziehung erzielt werden. Das Wort des Psalmisten: „Nährst du dich von deiner Hände Arbeit, wohl dir, dir ist gut", müsse den Zöglingen als Motto für ihr ganzes Leben dienen. Treffend wies schließlich der Redner auf die Devise der Gewerbeausstellung „Selbstlos und treu" hin und ermahnte, in diesem Sinne das Handwerk hochzuhalten. Der Segen für die Obrigkeit, für den Vorstand und die Förderer des Vereins, für den Direktor und die Zöglinge der Anstalt bildete den Schluß der eindrucksvollen Rede. Nun ergriff noch zum Schluß, obwohl nicht programmgemäß, - dafür aber desto herzlicher willkommen, Herr Justizrath Meyer das Wort, um in warmer Theilnahme dem Vorstand des Vereins die Sympathien der Gemeindeverwaltung auszudrücken und auf die -hohe Bedeutung der Privatwohlthätigkeit innerhalb der Gemeinde hinzuweisen. Damit schloß die offizielle Feier. Und nun besichtigten -die Anwesenden, der Aufforderung des Herrn Stadtraths Weigertfolgend, die neuen Räume und die Einrichtungen des Lehrlingsheims. Das dreistöckige Gebäude, mit seinem gothischen Giebel an dem stattlichen Vorbau und den schwarzen Schieferdächern mit Thürmchen, machte auf den Beschauer einen zugleich imponirenden und doch anmuthigen Eindruck. Durch ein großes Portal, auf dessen Wänden Sprüche aus Bibel und Talluud über den Werth der Arbeit und -das Gebot der Nächstenliebe gemalt sind, gelangt man auf einer breiten Treppe in den Mittelbau, der fünf Fenster Front hat, wozu drei Fenster im Vorbau hinzukommen. In den Kellerräumen befinden sich die Wohnung des Portiers, die Küche, Speisekammern und sonstiges Zubehör. Die Parterreräume enthalten die Wohnung des Direktors, den Sitzungssaal des Vorstandes und einen großen Speisesaal, in den das Essen aus der im Keller: sich befindlichen Küche durch einen Fahrstuhl hinaufbefördert wird. In der ersten und zweiten Etage liegen die Schlaf- und Arbeitsräume, der Betsaal u. s. w., alles geräumig und hoch, nach jeder Richtung den modernen hygienischen Anforderungelt entsprechend eingerichtet. Als Beispiel wollen wir nur erwähnen, daß sämnttliche größere Säle mit sogenanntem „Patent - Fensteroffner" versehen sind, so daß es nur einer leichten Bewegung eines kleinen eisernen Griffs bedarf, um die beiden obersten Doppelflügel auf einmal zu öffnen resp. zu schließen. Ferner enthält jedes Geschoß seinen eigenen Putzraum und mit Wasserreservoirs versehene Reinlichkeitsräume. Hervorgehoben zu werden verdient auch, daß die Treppelt massiv in Eisen ausgeführt sind und als Belag Cement mit einer Lage Linoleum dient. Ein mit Blumen- und Baumanlageu geschmückter Garten, in dem zugleich der Turn- und Spielplatz der Zöglinge sich befindet, verleiht dem Hause ein außerordentlich schönes. Gepräge. Dieser Bau, der jetzt zu den Sehenswürdigkeiten in Pankow gehört, ist bereits das dritte jüdische Institut in diesen: prächtigen Vororte der Residenz. Die Zöglinge der Anstalt veranstalteten Nachmittags zur Ehre des Tages eine Theateraufführung und gaben in einem vorangegangenen Prolog ihren Dankgefühlen beredten Ausdruck. Das neue Lehrlingsheim ist nun feierlich eingeweiht und der Alltag tritt in seine Rechte. Möge das stille Wirken und Walten des Instituts dem schönen und erhebenden Eindruck, den großherzigen und edlen Ideen entsprechen, die das Weihefest hervorgerufen und zum Ausdruck gebracht hat.