Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-22 · Heft 21 (22.5.1896) · p. Seite 242

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 21 (22.5.1896)
Date
1896-05-22
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228170--52817-3258461
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

24£ können. Auch der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, welcher ja -derzeit die einzige Institution ist, die alle Gemeinden Deutschlands umfaßt, könnte hier Vieles thuNi Ja, er müßte nach unserer Ansicht in dieser Frage sogar die Initiative 'ergreifen. Wir haben deshalb die Begründung eines Deutsch-israelitischen Lehrerbundes mit.großer Freude begrüßt, weil wir der Ueberzeugung sind, daß durch die Verbindung dieses Vereins mit dem Gemeindebunde nunmehr auch eine Aktion zur Hebung der materiellen Lage unserer Lehrer mit allem Ernst und Eifer eingeleitet werden wird. Eine solche Aktion ist ein dringendes Bedürfniß und eine unabweisbare Nothwendigkeit geworden. Aber auch die Lehrer selbst können für die materielle Hebung des ganzen Standes wirken, wenn sie sich auf bestimmte Petita ^einigen und diese an den maßgebenden Stellen so oft wiederholen, bis sie Gehör finden. Sie kämpfen für eine gerechte Sache. Ihre Einigkeit und der sittliche Ernst ihrer Forderungen wird allen maßgebenden Faktoren Achtung abringen und ihnen schließlich zum.Siege verhelfen. Wenn wir für die Erzieher unserer Jugend sorgen, dann sorgen wir für unsere Jugend selbst. Das war ein Grundsatz unserer alten Weisen; es wäre dringend zu wünschen, daß derselbe auch in unserer Zeit viel mehr Beachtung in jüdischen Kreisen fände. Nie Woche. cv Berlin, 20. Mai. fci§ die Parteien vorsichtig im Parlamente verschweigen, das plaudern oft ihre Blätter ohne jede Vorsicht aus. So enthüllt jetzt ein agrarisch-antisemitisches Blatt die Gründe, welche seine Partei für die Wiederherstellung des Ass essoren-Paragraphen im Herrenhause hat.. Die Vorbedingung zum Richteramte, so heißt es in dieser Auslastung, sei keineswegs das juristische Wissen, sondern nur die innere Zugehörigkeit zum deutschen Volke. „Ein Richter, der einem fremden Volksstamme angehört, wird immer fehlgreifen, mag er noch so gewissenhaft und gründlich arbeiten. Mit unmittelbarem Spürsinne empfand selbst der niedrigste Volksgenosse, daß die Anstellung eines fremden Richters ein Unrecht, ein Frevel am Bolksthum sei. Nun sind aber auch Religion und Recht durch das Zwischenglied der Sittlichkeit nahe miteinander verwandt. Die Religion hat einen bestimmenden Einfluß auf die Volksseele gewonnen, so daß man sich die Volksart nicht wohl ohne die beeinflussende Religion denken kann. Das ist ganz besonders bei dem deutschen Volke und bei dem Christenthum der Fall. Das Christenthum ist zu einem die Art mitbestimmenden Theile des deutschen Bolksthums geworden. Ohne Christenthum würde das Deutschthum ein Zerrbild sein. Daraus folgt, daß der Richter, dessen Urtheilssprüche sich mit der geläuterten Bolksanschauung inUebereinstimmung befinden sollen, nicht nur Deutscher, sondern auch Christ sein muß. Die Folgerung ist unseres Erachtens zwingend." Das Centrum wird sich mit Recht sagen, daß ähnliche Gründezur Zeit eines neuen Kulturkampfs auch gegen katholische Richteraspiranten geltend gemacht werden könnten, und gegen beit § 8 der Richtervorlage wiederholt stimmen. * lieber die vielbeliebte Boykottirung jüdischer Geschäfte Seitens der Antisemiten ist jetzt eine wichtige richterliche Ent-- scheidung getroffen worden. ' * Einige Zeit vor Weihnachten vorigen Jahres erschienen Hagem ein vom deutsch-sozialen Verein herausgegebenes, im Wortlaut von: der deutsch-sozialen Partei verfaßtes, auch anderwärts viel verbreitetes Flugblatt, das von Haus zu Haus verbreitet wurde. Der Inhalt des Flugblattes .gipfelte darin, die Weihnachtseinkäufe nicht bei Juden zu machen, deren Geschäftsgebaren mit Lug und Trug durchsetzt sei. Vier jüdische Kaufleute fühlten sich beleidigt und stellten Strafantrag gegen'zwei Mitglieder des dortigen deutsch-sozialen Vereins. Die Strafkammer lehnte die Eröffnung des Hauptverfahrens 'ab, weil der Inhalt des Flugblattes sich allgemein auf die Juden, nicht speziell auf die in . Hagen beziehe, und diese nicht zur Stellung des Strafantrages legitimirt seien. Das Oberlandesgericht ordnete hierauf die Strafverfolgung an. In der Verhandlung vor der Strafkainmer wurde nunmehr die Stellung des Strafantrages für berechtigt erachtet, und es erfolgte die Verurtheilung der Angeklagten zu je 50 Mark Geldstrafe. . * Die verhängnißvolle Sucht, Titel und Orden durch unlautere Mittel zu erlangen, hat aliläßlich eines Sensationsprozesses in Pommern die allgemeine Aufmerksamkeit von Neuem herausgefordert. Diese Titelsucht ist eine allgemeine Zeitkrankheit. Es wäre mehr als lächerlich, gerade die Juden als solche dieserhalb anzuklagen, wie dies jetzt zu geschehen pflegt. Aber allerdings sollten gerade die' Juden sich am wenigsten von dieser Mode der Zeit beeinflussen' lassen. - „Bester ist ein guter Name als das köstlichste Besitzthum", ruft der Prediger Salomonis solchen Thoren zu. Das wahre Verdienst findet heute, doch seine Anerkennung; denen aber, die mit unehrlichen Mitteln Würden und Ehren, die ihnen nicht zukommen, zu erlangen streben, spotten die Menschen aller Orten. Ihnen vor Allem gilt das herbe aber wahre Wort des modernen Philosophen: „Es ist nichts Seltenes, daß einer seine Ehre für ein Ehrenzeichen erkauft", und die Mahnung der Schrift: „Jaget'nicht dem Eitlen nach, denn es nützet nicht und kmm nicht erretten, weil es ein eitel Ding ist" (Samuel 1.12.21). Kein Geringerer als der berühmte französische Romanschriftsteller Emile Zola hat jüngst im „Figaro" das Wort.für die Juden und gegen den französischen Antisemitismus ergriffen. Er sagtu. A.: „Seit einigen Jahren folge ich dem Kampfe, den man in Frankreich gegen die Juden zu führen versucht, mit wachsender Ueberraschung und zunehmendem Widerwillen. Er scheint mir eine Ungeheuerlichkeit, eine Sache ohne Sinn und Verstand, aller Wahrheit und Gerechtigkeit fremd, ein Unternehmen, thöricht und blind, das uns um Jahrhunderte zurückwirft, ein Unternehmen, das den heftigsten Abscheu weckt. . Zola weist nunmehr nach, daß der Antisemitisnms insbesondere in Frankreich sinnlos ist, ohne jede Wurzel in der BevölkeTinig, eine Ausgeburt qualmiger Gehirne. „Tag für Tag dieser wüste Lärm, Tag für Tag werden die Juden der schlimmsten Dinge geziehen. Tag für Tag wird Jedem, der etwas Uebles, der ein Verbrechen begeht, das Judenthum angelogen. Wie muß unser Volk gut, vernünftig, ehrenhaft sein, um nicht auf diese täglichen tollen Aufreizungen zu achten . . . Das ist mein ständiges höchstes Erstaunen, daß eine solche Wiederkehr des Fanatismus möglich war in unserer Epoche, in unserem großen Paris, inmitten unseres guten Volkes. Und das zu einer Zeit der Demokratie, da eine große Bewegung sich geltend macht für die Gleichheit, die Brüderlichkeit und Gerechtigkeit. Wir sind dabei, die Grenzen niederzureißen, uns die Gemeinsamkeit der Nationen zum Bewußtsein zu bringen, eine Vereinigung zu bewirken, in der die Priester aller Kulte sich umarmen, wir sind drauf und dran, uns alle eins zu fühlen, Brüder durch den gemeinsamen Schmerz des Daseins, und einen einzigen, gemeinsamen Altar zu errichten dem menschlichen Erbarmen. Und da giebt es eine Handvoll Narren, Blödlinge oder Macher, die uns täglich zurufen: „Fressen wir die Juden, kehren wir zurück zu Scheiterhaufen und Dragonaden!" Ist. das nun mehr dumm oder mehr verächtlich!" . . .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.